In eigener Sache

Das Logbuch hat eine längere Frühlingspause hinter sich. Der Grund ist dieses Buch.

Cover Buch

Bücher schreibt man normalerweise, weil man neue, mehr oder weniger grandiose Thesen, Ideen oder Geschichten im Kopf hat. Dieses hier ist das Ergebnis eines kapitalen Schwindelanfalls. Ich, die als Journalistin diese Welt beschreiben und erklären soll, befinde mich auf zunehmend schwankendem Boden. Nicht, dass das eine einzigartige Erkenntnis wäre. Für die meisten Menschen in den Ländern Afrikas und Asiens gehört sie zum Alltag, zum Lebensgefühl. Für viele in Westeuropa ist die Erfahrung neu: Unsere Glaubenssätze vom anhaltenden Frieden und Wohlstand, von der Unverrückbarkeit der Grenzen und vom Westen als Motor des Weltgeschehens zerfallen. Mein altes, westlich geprägtes Koordinatensystem, meine mental maps taugen nicht mehr. Sie werfen mehr Fragen als Antworten auf.

Also bin ich erneut aufgebrochen im geographischen wie historischen Sinn. Ich habe Länder und Städte besucht, in denen westliche Nationen und Imperien tiefe und oft sehr  blutige Spuren hinterlassen haben. Ich habe versucht, die Sicht der Menschen dieser Länder auf die Geschichte aufzuschreiben und ihren Blick auf die Welt einzunehmen. So ist eine ganz eigene Route entstanden: vom schönen morbiden Venedig in die einst prächtige und heute prekäre Hafenstadt Mogadischu. Weiter nach China in das Kanton des 19. und das Guangzhou des 21. Jahrhunderts. Von dort ins Bagdad der Abbasiden und der Amerikaner, dann ans östliche Mittelmeer zu den Purpurhändlern der Antike und den Migranten der Gegenwart. Und schließlich in eine Neue Welt, die mitten in Europa liegt.

Für solche Reisen durch Zeit und Raum wählte ich einen imaginären Begleiter: Er heißt Fra Mauro, seines Zeichens Mönch vom Orden der Kamaldulenser,  der vielleicht genialste Kartograph des späten Mittelalters. Der erste, der seine mappa mundi, seine Weltkarte, mit unzähligen Fragen und dem Bekenntnis zum Zweifel versah. Nichts bleibt, keine Karte hat ewig Bestand, die Welt ist im Umbruch. Immer und überall.

Ab dem 2. Oktober ist „Das Ende der westlichen Weltordnung“ im Buchhandel erhältlich. Ich freue mich auf viele LeserInnen, auf Anregungen, Kritik und auf die Erkundungen der anderen.

Auf diesem Blog geht es nun wieder regelmäßiger weiter mit Eindrücken, Skizzen und Kommentaren aus Beirut, Bagdad, Tripoli, Dschidda oder Doha.

 

Advertisements
Veröffentlicht unter In eigener Sache | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Beirut im Hier und Jetzt

Frühlingsanfang in Beirut. Wie gemalt. Die Bäume blühen….

IMG_2339 (1)

Beirut Downtown ©Andrea Böhm

…und die Religionen scheinen sich in aller Harmonie den Himmel zu teilen.

IMG_2337 (1)

©Andrea Böhm

Das Symbol des dritten großen monotheistischen Glaubens fehlt. Was nicht daran liegt, dass es in Beirut keine Synagoge gäbe. Es gibt eine, die Maghen Abraham Synagoge, im Bürgerkrieg schwer beschädigt, inzwischen wieder restauriert. Allerdings hat sie keinen Turm, mit dem sie mit Moscheen und Kirchen konkurrieren könnte. Und sie hat derzeit auch keine Gläubigen.

Angeblich leben noch rund 200 Juden im Libanon. Sie halten es bis auf Weiteres nicht für ratsam, sich öffentlich zum Gebet zu versammeln. Oder mit Journalisten zu sprechen. Das ist eine längere Geschichte, die ich gerne aufschreiben würde. Vielleicht finde ich ja doch noch jemanden aus der Gemeinde, der erzählen will.

Bis dahin stelle ich mir einfach vor, dass die jüdischen Beirutis an einem Tag wie diesem, an dem die Sonne schon wärmt und die Luft noch kühlt, an der Corniche entlang spazieren. Genau wie die anderen aus der Stadt – Schiiten, Sunniten, Griechisch-Orthodoxe, Drusen, Katholiken, Armenisch-Orthodoxe, Chaldäer, Assyrische Christen, Ismaeliten und was immer sich sonst noch über die Jahrtausende von einander abgespalten hat. An der Corniche machen sie an diesen Frühlingstagen alle dasselbe:
Sie schauen auf’s Meer.

Veröffentlicht unter Beirut!, Presse(un)freiheit | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Trump und die Muslime – oder: Der Wutbürger im Weißen Haus gegen die iranische Barbara Streisand

Die gute Nachricht immer zuerst: Mit einer einstweiligen Verfügung hat ein Bundesrichter im US-Staat Washington das Einreiseverbot von Präsident Donald Trump gegen Bürger aus sieben mehrheitlich muslimischen Staaten vorerst aufgehoben. Dass der Richter – James Robart ist sein Name – keineswegs zu den liberalen Juristen des Landes gehört, sondern von George W. Bush ernannt worden ist, sagt einiges aus über den politischen und juristischen Widerstand, den Trump mit seinem Erlass zum „Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen in die Vereinigten Staaten“ provoziert hat.

Eine endgültige juristische Niederlage ist dies nicht. Das Weiße Haus will Widerspruch einlegen. Vor zahlreichen anderen Gerichten sind ebenfalls Verfahren anhängig, deren Urteile unterschiedlich ausfallen können.

Welche Motive, welche Ideologien aus Trumps ersten Amtstagen herauszulesen sind, haben viele zu analysieren versucht. Einen, wie ich finde, besonders lesenswerten Essay  hat der konservative Publizist David Frum in „The Atlantic“ unter dem Titel „How to Build an Autocracy“ veröffentlicht.

Warum Trumps tiefe Verachtung für Staat, Grundrechte und Gemeinwohl eine große Geistesverwandtschaft mit den autoritären Kleptokraten des Nahen Ostens aufzeigt und warum sein Einreiseverbot auch die prominente iranische Sängerin und Regimegegnerin Googoosh, die „iranische Barbara Streisand“, getroffen hat, habe ich hier auf ZEIT Online aufgeschrieben.

Warum Kunst heute politischer denn je ist, sieht man an diesem Bild des Künstlers Shepard Fairey.

shepard-greaterthanfear-flag-hijab-1

Aus der Serie „We The People“ des amerikanischen Künstlers Shepard Fairey

Warum keineswegs alle Muslima in den USA mit diesem Bild einverstanden sind, kann man in diesem Kommentar der in Chicago lebenden Künstlerin und Autorin Hoda Katebi nachlesen.

Und warum man in diesen aberwitzigen Zeiten dringend Pausen einlegen muss, erklärt ganz wunderbar die Anwältin und Bürgerrechtlerin Mirah Curzer in ihrem Post „How to #StayOutraged Without Losing Your Mind“.

Wie man empört bleibt, ohne den Verstand zu verlieren.

 

 

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Von Hyänen und Wölfen

 

img_1433

Winter in Laqlouq ©Andrea Böhm

Man muss nur die Ortsmarke verdrängen und schon verzaubert einen diese Welt. Ein Januartag in den libanesischen Bergen. Hinter den Gipfelketten liegt Syrien. Wir, eine Gruppe von Leuten, die jeden Sonntag mit Schneeschuhen aufbrechen, reden nicht vom Krieg. Politik hat unter einem solchen Himmel nichts zu suchen. Das sind die kleinen Kopffluchten, die man in diesen Zeiten braucht.  Wir rätseln über Tierspuren im Schnee – Hund ? Oder doch ein Wolf ? Wölfe gibt es in den libanesischen Bergen, im Anti-Libanon sind sogar Schwarzbären gesichtet worden. Eine Hyäne habe ich selbst schon gesehen. Erschossen von Bauern, die Angst um ihr Vieh hatten.

Viel Platz lässt man der Wildnis nicht mehr. Der Libanon begräbt die Spuren seines Bürgerkriegs unter Schnellstraßen, Shopping Malls und Apartmentklötzen. Als müsste man die Natur bestrafen. Auch die Dörfer in den Bergen bleiben nicht verschont. Ski-Anlagen, Hotels, Müll-Deponien, Luxusanlagen für Investoren vom Golf, die Festungen gleichen. Wir stapfen am ummauerten Privatgelände auf einem Hügel vorbei. Ein Millionär aus Katar hat sich hier für jeden seiner Söhne eine Villa bauen lassen. „Die sind nicht oft hier“, sagen die Dörfler achselzuckend. „Vielleicht einmal im Jahr für ein paar Tage.“

In ein paar Wochen wird die Schneeschmelze einsetzen. Dann, ab April, ist der Lebanon Mountain Trail wieder passierbar, eine 470 Kilometer lange Gebirgsroute von Andqet im Norden bis nach Marjaayoun im Süden.
Es ist die libanesische Variante des Appalachian Trail in den USA. Um einiges kürzer natürlich, aber dafür mit viel mehr Symbolik beladen, weil er Dörfer und Gebiete verbindet, die noch vor knapp 30 Jahren miteinander im Krieg standen. Auf der Karte sieht die Wanderstrecke aus wie ein Rückgrat, das ein extrem fragiles Land zusammenhält.

Jedes Jahr im April machen sich die Freunde des Lebanon Mountain Trail auf, um ihn in 30 Etappen abzulaufen. Vom sunnitischen Norden, durch maronitische, drusische, katholische, armenische oder auch gemischte Dörfer bis in den schiitischen Süden.
2017 ist das nicht nur eine Wanderung, die die Einigkeit des Landes beschwören soll, sondern auch eine Demonstration zum Schutz der Berge vor Baggern und Betonmischern, vor der Privatisierung der Naturlandschaft.
Für ein paar Etappen werde ich mich vielleicht anschließen. Zu Fuß spürt man am besten, wie fest der Boden ist, auf dem man lebt. Und wie kostbar.

Veröffentlicht unter Libanon | Verschlagwortet mit | Kommentar hinterlassen

Der Boxer von Tripolis

img_9766

Libysche Boxer beim Sparring im Ittihad-Club in Tripolis ©Andrea Böhm

„Boxen ist eher eine Sache des Geschlagenwerdens als des Schlagens“, hat die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates in ihrem großartigen Essay „Über Boxen“ geschrieben. Es gehe mehr darum, Schmerz auszuhalten als zu gewinnen.

Der ehemalige libysche Boxchampion Mahmoud Boshkewa hat in seinem Leben viel Schmerzen ausgehalten. Nicht so sehr im Ring, wo er meistens gewonnen hat, sondern unter dem Regime des Diktators Muammar al-Gaddafi, der das Boxen verbieten ließ, und dessen Gefängniswärter Boshkewas großen Traum zerstörten.

Wie der ehemalige Champion nach dem Sturz Gaddafis als Trainer wieder von vorn anfing und nun junge Boxer in Tripolis trainiert, habe ich für die ZEIT in der Reportage „Der gegen den Diktator boxte“ aufgeschrieben.

„Für die, die kämpfen…“ – diese Widmung hatte Oates ihrem Buch voran gestellt. Erschienen ist es in der englischen Originalfassung im Jahr 1987. Diese Worte passen ebenso gut in das Jahr 2017.

img_9749

Mahmoud Boshkewa mit einem seiner Schüler im Ittihad-Club©Andrea Böhm

 

Veröffentlicht unter Not so bad news | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Ein gutes neues Jahr !

Liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs,

Thanks for hanging on in 2016 ! Das neue Jahr wird vermutlich nicht ruhiger und nicht friedlicher als das alte. Gerade deswegen: Alles Gute, viel Kraft und eine Zeile von Leonard Cohen, der jetzt irgendwo am anderen Ufer sitzt:

„There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.“

img_8572

Himmel über Tyre ©Andrea Böhm

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Fight like a Girl !

Welch eine schöne Meldung! In Zeiten, da ein Mann US-Präsident wird, der mit seiner Verachtung für Frauen prahlt und gegen Muslime hetzt, taucht ein Mädchen mit dem schönen Namen Tajamul Islam auf – and kicks some ass.
Tajamul ist acht oder neun Jahre alt (ganz einig sind sich die verschiedenen Medien da nicht), kommt aus der Region Kaschmir (die auch nicht eben friedlich ist) und hat vor wenigen Tagen in Italien in ihrer Altersklasse die Weltmeisterschaft im Kickboxen gewonnen.

Dass Mädchen Kampfsport betreiben, ist inzwischen (halbwegs) normal und bekannt. Das Karate, Tae Kwon Do, Boxen und Kickboxen unter jungen Muslima zunehmend populär ist, hat sich noch nicht so richtig herum gesprochen.
Ich hatte auf meinen Reisen das Vergnügen, einige von ihnen zu treffen und mit ihnen zu trainieren. Besonders beeindruckt war ich von Shabnan und Shala, die ich im September 2007 in Kabul kennen gelernt habe. Sie trainierten in jenem Sportstadion, in dem die Taliban einst während der Halbzeit der Fußballspiele Menschen exekutierten. Und sie trainierten trotz Drohungen, die Islamisten gegen Frauensport ausstießen.

shabnanundshala

Shabnan und Shala 2007 in Kabul ©Andrea Böhm

Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich hoffe, sie sind gesund, leben in Sicherheit, haben die Schule abgeschlossen und nicht vergessen, wie man eine Faust ballt.

Die leidige Kopftuch-Debatte geistert ja weiterhin durch die westlichen Medien und verzerrt auf absurde Weise unser Bild von muslimischen Frauen. Wer immer noch der Meinung ist, unter jedem Hidschab stecke eine unterdrückte Muslima, dem empfehle ich eine Runde Sparring mit Shymaa Abouel Yazed. Sie ist Karate-Weltmeisterin aus Ägypten, verheiratet, Mutter einer Tochter, Kopftuchträgerin und leidenschaftliche Verfechterin der Idee, dass Frauen alles erreichen können, was sie wollen. Ihre Begeisterung für ihren Sport überträgt sie als Trainerin auf Dutzende von Nachwuchskämpferinnen, die auf meine Frage, was sie später einmal werden wollen, antworteten: „Weltmeisterin!“

IMG_7272.jpg

Shymaas Schülerinnen beim Training in Kairo ©Andrea Böhm

Die Recherche für mein Portrait über Shymaa war eine der bislang schönsten Erfahrungen während meiner Zeit als Korrespondentin im Nahen Osten und Nordafrika. Und meine erste Begegnung mit einer Weltmeisterin.

IMG_7453.jpg

Mit Shymaa Abouel Yazed in Kairo 2015

Ich habe im irakisch-kurdischen Erbil Tae Kwon Do-Kämpferinnen getroffen, die von einer kurdischen Nationalmannschaft träumen; ich habe in Beirut verfolgt, wie Mädchen der Judo-Kämpferin Carmen Chammas nacheifern, der ersten Judoka, die für den Libanon bei Olympischen Spielen angetreten ist.
Ihnen wird längst noch nicht dieselbe Aufmerksamkeit und Förderung zu Teil wie den Männern, aber sie räumen Geschlechterklischees beiseite. Jeder Kampfschrei ist ein weiterer Kratzer am Bild des passiven Mädchens, das andere über sein Leben und über seine „Ehre“ bestimmen lässt.

Man könnte das jetzt allein unter arabischer, indischer, muslimischer Frauenpower verbuchen. Aber alle, die ich hier genannt habe, haben außer Schlagkraft, Schnelligkeit und Durchhaltevermögen noch eines gemeinsam: Eltern, vor allem Väter, die sie unterstützen, bestärken, anfeuern. Die stolz sind auf ihre kämpfenden Töchter, obwohl die Nachbarn tuscheln und die Verwandten Schimpf und Schande wittern.
Tajamul Islams Vater ist ein LKW-Fahrer, der seine Tochter in den Kickboxing-Club schickte, weil sie erklärt hatte: „Das will ich machen.“
Shabnan und Shala’s Väter erlaubten ihnen das Boxen, obwohl sie und ihre Trainer von Islamisten bedroht wurden. Shymaas Vater passte wochenlang auf seine kleine Enkelin auf, während sie in der Sporthalle Liegestütze stemmte und stundenlanges Sparring absolvierte.
Nicht nur die Töchter sind Vorreiterinnen für die nächste Generation, ihre Väter sind es auch.
Ladies, keep kicking and punching! Fight like girls – and teach the others !

 

Veröffentlicht unter Not so bad news | Kommentar hinterlassen