Ägypten: Sisi, Sinai und das Warten auf den Frühling

Jeder von uns kennt das: Ein horrendes Ereignis macht Schlagzeilen, wir erschrecken für einen Moment, speichern das Gesehene oder Gelesene ab – und wenden uns den nächsten News zu.
Völlig normal. Anders können wir die Masse von Informationen kaum bewältigen. Aber es lohnt sich immer mal wieder, zum Ort der Schlagzeilen von gestern zurückzukehren. Oder von vor anderthalb Wochen. In diesem Fall nach Ägypten.
Vorvergangenen Freitag ermordeten mutmaßliche Attentäter des IS über 300 Menschen während des Gebets in einer Moschee in der Kleinstadt Bir al-Abed auf dem Nordsinai.
Das Motiv ? Die Moschee wurde auch von Anhängern des Sufismus besucht, einer mystischen Auslegung des Islam, die in den Augen des IS häretisch ist. Und: die Bewohner der Kleinstadt gehören einem Beduinen-Stamm an, der wiederholt mit der Armee kooperiert hat. Mein Versuch, die Hintergründe zu erklären, ist in dieser Aufgabe der ZEIT nachzulesen.

Ein interessantes und für ihn nicht ungefährliches Interview hat mir einige Tage später der ägyptische Bürgerrechtler Mohamed Lotfy gegeben. Lotfy ist Mitgründer und Direktor der „Egyptian Commission on Rights and Freedoms“, einer Menschenrechtsorganisation in Kairo, die immer wieder von Sicherheitskräften schikaniert wird.
In unserem Gespräch beschreibt Lotfy ein Land kurz vor dem Kipp-Punkt. Hatte die Mehrheit der Ägypter vor wenigen Jahren dem jetzigen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi wie einem Heilsbringer zugejubelt, herrschten jetzt
„… Depression und Zynismus. Nicht nur wegen des jüngsten Anschlags
im Sinai. Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden, die Inflation
ist hoch. Es gibt also weder wirtschaftliche Besserung noch Sicherheit – die
beiden Sachen, die Präsident Sisi bei seiner Wahl versprochen hatte.“

Die Opposition von den Muslimbrüdern bis zu säkularen Demokratie-Aktivisten sitzt im Gefängnis oder wagt sich kaum mehr an die Öffentlichkeit. Human Rights Watch hat vor kurzem die Zustände in ägyptischer Haft in einer graphic documentation dargestellt und erklärt, dass die Systematik der Folter den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit erfüllen könnte.
Lotfy allerdings glaubt, dass es aus schierer Verzweiflung vor den Wahlen im Frühjahr 2018 wieder zu Protesten kommen könnte.

Wie viel Angst das Regime vor diesem Frühling hat, zeigt sich schon jetzt: ein möglicher Gegenkandidat von Abdel Fattah al-Sisi, ein Offizier namens Ahmed Konsowa, wurde bereits verhaftet. Konsowa hatte zuvor die desaströse Lage der Wirtschaft und des Bildungssektors kritisiert.
Ein sehr viel ernst zu nehmender Konkurrent, der ehemalige Premierminister Ahmed Shafiq, kehrte vor wenigen Tagen aus dem Exil zurück, war dann nach seiner Ankunft in Kairo plötzlich verschwunden und erklärte nun in einem Fernsehinterview, es gehe im gut. Das allein macht in diesen Zeiten  misstrauisch.

Am meisten muss Sisi wohl seine jungen Landsleute fürchten. Die offizielle Arbeitslosenrate für Ägypter zwischen 15 und 29 Jahren ist auf über 30 Prozent gestiegen. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Der Ökonom Adel Abdel Ghafar hat Ursachen und mögliche Konsequenzen schon 2016 in einem Bericht der Brookings Institution beschrieben.
Um Auflagen des Internationalen Währungsfonds zu erfüllen, muss das Regime zudem Subventionen streichen. In Kombination mit einer hohen Inflationsrate von 30 Prozent rutschen immer mehr Menschen in die Armut ab.
Dazu kommt eine drohende Wasserkrise, hervorgerufen durch Verschmutzung, Misswirtschaft, vor allem aber durch ein Staudammprojekt am Nil in Äthiopien. Man möchte also meinen, der Staat hätte anderes zu tun, als die Gefängnisse voll zu stopfen.

Hat er offenbar nicht. Im November verhafteten Polizisten mehrere Dutzend Händler im ganzen Land. Sie hatten „Klick-Klack-Kugeln“ verkauft, derzeit bei ägyptischen Kindern sehr beliebt. (Zwei Plastik-Kugeln, befestigt an einer Schnur, werden durch schnelle Handbewegungen aneinander geschlagen – für Unkundige hier ein Video).
Was ist daran kriminell? Die Kugeln tragen im Volksmund den Spitznamen „Sisi’s Eier“ . Und Respektlosigkeit gegenüber dem Präsidenten muss bestraft werden.

 

 

 

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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4 Antworten zu Ägypten: Sisi, Sinai und das Warten auf den Frühling

  1. Eckhardt Kiwitt schreibt:

    Erfüllt nicht Folter in jedem Fall den Tatbestand eines Verbrechens gegen die Menschlichkeit ?
    In Ägypten genauso wie z.B. im Gefangenenlager in Guantanamo während der Präsidentschaft von George W. Bush …

    Eckhardt Kiwitt, Freising

    • andreaboehm61 schreibt:

      Lieber Eckhardt Kiwitt,
      der Tatbestand des Verbrechens gegen die Menschlichkeit ist erst erfüllt, wenn Folter, Versklavung, Tötung etc im „Rahmen eines ausgedehnten und systematischen Angriffs gegen die Zivilbevölkerung“ begangen werden. So lautet zum Beispiel die Definition im Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs. In Ägypten muss man von Tausenden von Folteropfern und systematischer Misshandlung von Gefangenen ausgehen.
      Dieses Merkmal erfüllt die in Guantanamo begangene Folter nicht – so schlimm und verwerflich sie auch ist.

      Viele Grüße
      Andrea Böhm

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