Im Tal der Heiligen – eine Wanderung durch das Wadi Qadisha

Das „Tal der Heiligen“ verzeiht keinen Fehltritt. Wie dunkle Augen verteilen sich Höhlen in den überhängenden Felswänden im Wadi Qadisha. Ideale Rückzugsorte. Aber wer hier Zuflucht, Einsamkeit oder einfach nur Ruhe finden will, muss schwindelfrei und trittsicher sein.
„Qadisha“ ist das aramäische Wort für heilig. Vor über tausend Jahren schleppten Mönche Steine in die Höhlen, um in kleinen gemauerten Zellen Gott näher zu kommen oder sich vor Angreifern zu verstecken. Die ersten Klöster des Landes wurden hier in den Fels gehauen. Das Qannoubin-Kloster, der Legende nach im 4. Jahrhundert gegründet. Das Antonius-Kloster, ausgestattet mit Kapelle und eigener Mühle. Das Kloster Sayyidat Hawqa, zum Teil nur über Leitern zu erreichen.
Für Libanons Christen – genauer gesagt: für die Maroniten –  gibt es keinen heiligeren Landstrich.

Der Weg von Beirut ins Wadi Qadisha führt die Küstenstraße entlang nach Norden, dann nach Osten. Nichts ist heilig auf den ersten Kilometern. Linker Hand ziehen sich üner Kilometer Steinbrüche hin. Bagger und Raupen haben die Bergwälder abgeholzt, Felsen und Steine abgetragen für den Bauboom in den Städten. Eine Landschaft so kahl und wund, als hätte man der Erde die Haut abgezogen.

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©Andrea Böhm

Unser Bus windet sich auf 1400 Meter hoch bis Hadsheet. Dick gemauerte Häuser, enge Gassen, kleine Läden, deren Auslage aus den 70er Jahren stammen könnte. Ein paar tausend Einwohner, überwiegend Maroniten. In den Hauseingängen stehen Glasvitrinen mit Marien-Statuen und Ikonen maronitischer Heiliger. An Balkonen hängen Bilder des politischen Patriarchen: Samir Geagea, eine Galionsfigur der Christen im Land.

Der schönste Platz in Hadsheet ist den Toten vorbehalten. Der Friedhof liegt am Rand der Schlucht, die wir hinabsteigen wollen. In den Fels gehauene Treppen erleichtern die Arbeit der Sargträger, von den Gräbern aus hat man einen spektakulären Blick auf das Tal der Schlucht, auf Felsen und Wälder. Es ist November. Herbstfarben in aller Pracht:  Weizengelb, Kürbisorange, Karminrot, Moosgrün

Wadi Qannoubine 19112017

©Andrea Böhm

Wir steigen an den Toten vorbei steil ab in die Schlucht, angeführt von Georges, einem schlaksigen Mittvierziger mit Pferdeschwanz und Brille, Lehrer von Beruf, Bergführer, wann immer er Zeit hat. „Libantrek“ heißt seine Organisation, die solche Wanderungen durchführt. Seit rund 20 Jahren versucht sie, ihren Landsleuten die Natur näher zu bringen – und den Gedanken, dass man sie auch zu Fuß erkunden kann.

Hundert Meter tiefer hält Georges zur ersten Geschichtslektion an. Nicht weit von hier befinden sich „Gottes Zedern“, die letzten Exemplare jenes Baumes, der heute die libanesische Nationalfahne, immer seltener aber die Landschaft ziert. In der Antike war das Libanon-Gebirge bedeckt mit Zedernwäldern. „Als erstes kamen die Phönizier“, ruft Georges, der einen Felsvorsprung gefährlich nahe am Abgrund als Rednerpodest ausgesucht hat. „Die Phönizier kennt Ihr hoffentlich! Unsere Vorfahren!“ Nicht meine, aber mein antikes Lieblingsvolk. Händler und Seefahrer, die rund 3000 Jahre vor Christus von ihren Stadtstaaten an der Küste aus das gesamte Mittelmeer befuhren. Und Zedern abholzten für Schiffsbau und Export. Salomon soll den Tempel in Jerusalem aus libanesischem Zedernholz gebaut haben. Die Ägypter benutzten das Harz der Bäume zur Mumifizierung der Toten.
Mir imponieren die Phönizier wegen ihres Alphabets, aus dem sich später die aramäische, hebräische,  lateinische, griechische und arabische Schrift entwickeln sollte. Für eine, die wie ich vom Schreiben lebt, keine unerhebliche Erfindung.
„Dann kamen die Griechen, die Römer, die Byzantiner, dann die Araber, die Kreuzfahrer, die Osmanen, die Franzosen und schließlich die syrische Armee.“ Und jedes Mal fielen mehr Zedern als nach wuchsen.
Georges absolviert über 2000 Jahre Eroberungs-und Besatzungsgeschichte in unter fünfzehn Sekunden. Die syrische Armee zog 2005 ab. „Und seither sind wir total frei und unabhängig.“ Mit maliziösem Lächeln hüpft er vom Felsvorsprung zurück auf den Pfad. Jeder in der Gruppe weiß, dass der Libanon noch nie wirklich frei und unabhängig war. Derzeit behandeln Saudi Arabien und der Iran das Land in ihrem regionalen Machtkampf  wie einen Fußabstreifer. Aber wir sind im „Tal der Heiligen“. Politik bleibt außen vor. So weit möglich.

Wieder geht es sechzig, siebzig Meter tiefer. Ein Seitenpfad führt zu einer Felsenhöhle, in die eine Hütte hinein gemauert ist, vielleicht drei mal zwei Meter. Im Inneren eine winzige Kapelle, eingerichtet zu Ehren des heiligen Anton. Die Mauern sind neu, vom Originalbau aus dem 13. Jahrhundert steht nur noch ein kleiner Aufsatz, gefertigt aus ungebranntem Ton. Die maronitischen Mönche wagten damals nicht, Feuer in den Höhlen zu machen aus Angst, der Rauch könnte sie an ihre muslimischen Verfolger verraten.

Nicht, dass die frühen Christen des Libanon den Islam gebraucht hätten, um vor Angst in die Schluchten zu fliehen. Georges gibt den zweiten Crash-Kurs auf dieser Wanderung. Überschrift: „Christen gegen Christen“.
Ein frühes Schisma hat sich hier an der Levante abgespielt. „Die eine Seite meinte, Jesus habe einfach so ….“ – Georges schnalzt mit den Fingern – „… Gottes Willen verkörpert. Andere glaubten, Jesus habe zwei Naturen gehabt, eine göttliche und eine menschliche und …“ – jetzt schlägt er mit der Faust in die Handfläche – …“schon gingen sie sich gegenseitig an die Gurgel.“
Es geht weiter steil bergab, und ich muss auf jeden Schritt und das Knirschen in meinen Knien achten. Die ausführlichere Version von Georges‘ „Schisma for Dummies“ habe ich mir später angelesen: Die Maroniten gehen auf einen Mönch und Asketen namens Maroun zurück, der im 4. Jahrhundert in Syrien Anhänger um sich sammelte. Sie folgten schließlich der Doktrin, wonach Jesus keinen menschlichen, sondern nur einen göttlichen Willen besessen habe. Damit sparten sie sich zunächst die Dreifaltigkeit, handelten sich aber die innige Feindschaft anderer christlicher Gemeinden ein – bis sie sich schließlich doch der Kirche in Rom anschlossen. In den Libanon kamen die Maroniten als Flüchtlinge vor den Muslimen. Mit dem unnachahmlichen Gespür christlicher Kirchen für grandiose und strategisch günstige Immobilien fanden sie das Tal, das heute Wadi Qadisha heißt.

Dass man hier zu Gott, Göttin oder Göttern, zu sich selbst oder einfach nur verzaubernde Ruhe findet, wird mir mit jedem Schritt klarer. Die Liste der Wildtiere, die hier Zuflucht vor Besiedlung und Bauwahn gefunden haben, liest sich wie die Belegschaft einer Arche Noah: Stachelschweine, Wildkatzen, Wiesel, Hyänen, Wölfe. Verschiedene Arten von Adlern, weiße Pelikane, Schwarzstörche, Dutzende kleine Vogelarten, die ich nicht auseinander halten kann. Wir hören Mäuse, Hasen und Eichhörnchen im Gras. Ein Falke gibt sich die Ehre und fliegt eine Kurve über uns.

Am Boden der Schlucht entlang des Flusses ertönen vertraute Geräusche.  An der nördlichen Uferseite hat homo sapiens libanensis eine Schotterstraße gewalzt, damit die Fahrer von Geländewagen durchs „Tal der Heiligen“ rollen können. Georges zuckt resigniert mit den Achseln und murmelt etwas von der Allmacht lokaler Politiker, die sich einen Dreck um das UNESCO-Welterbe scheren. Zu dem gehört das Wadi Qadisha seit 1998. Ebenso die letzten „Zedern Gottes“.

Wir überqueren den Fluss, landen in einem Wald, das Geräusch der Motoren verhallt, und wir sehen aus der Käfer-Perspektive, was uns noch bevorsteht: der Aufstieg auf der anderen Seite der Schlucht nach Hasroun. Dessen Ausläufer ragen bis an den Felsrand. Opulente Häuser mit spektakulärer Aussicht, die sich reiche Familien während des Bürgerkriegs gebaut haben. Ein Erdrutsch – und es ist vorbei mit der Pracht. „Alles illegal“, sagt George, „aber damals hat das ja keiner kontrolliert.“ Nicht, dass die libanesische Bauaufsicht heute viel kontrollieren würde.
Wolken sind aufgezogen, dimmen das Sonnenlicht, was den Häusern 500 Meter über uns etwas Märchenhaftes verleiht.

Blick auf Hasroun 19112017

©Andrea Böhm

Der Blick nach oben spornt an, was die ersten Höhenmeter erleichtert. Eine knappe Stunde später an der nächsten Eremitenhöhle sind alle in der Gruppe still und in Schweiß gebadet.
Dieser Unterstand ist kleiner, hat die Maße einer Gefängniszelle. Das Dach fehlt. Er ist dem Erzengel Michael gewidmet. Auf einem kleinen Tisch mit Wachsdecke stehen Kerzen, eine Marien-Figur und zwei kleine Kopien des Gemäldes von Guido Reni, entstanden 1636. Der Erzengel mit einem Schulbubengesicht, in der Rechten das Schwert, unter seinem Fuß der Kopf des muskulösen Satan. Gut gegen Böse, schön klar, aber bald eingehüllt in die Nebelschwaden, die vom Tal herauf ziehen.

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©Andrea Böhm

Noch einmal zwanzig Minuten bergauf  – und wir stehen am Stadtrand von Hasroun, der anders als in Hadsheet  nicht aus Gräbern sondern aus Obstgärten besteht. Und wieder hängt sein Bild an Hauswänden: Samir Geagea. Ein paar Worte muss man doch über ihn verlieren.

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Samir Geagea und seine Frau Sethrida Touk-Geagea © Andrea Böhm

Jahrgang 1952, seine maronitische Familie stammt aus dem Wadi Qadisha. Studierte Medizin in Beirut. Schloss sich im Bürgerkrieg der Phalange an, einer christlichen Miliz, dessen Gründer Franco und Hitler bewunderte. Stieg schnell auf zum Mann für besondere Einsätze. War beteiligt an Massakern gegen konkurrierende christliche Klans und palästinensische Flüchtlinge. Führte 1990 noch einmal eine horrende Schlacht gegen eine andere christliche Fraktion, als der Bürgerkrieg eigentlich schon vorbei war. Saß als einziger Warlord für elf Jahre im Gefängnis, was weniger mit Gerechtigkeit zu tun hatte als dem Umstand, dass Geagea im Bürgerkrieg als Vasall Israels galt und als entschiedener Gegner der anderen Interventionsmacht: Syrien. 2005 kam er frei und agiert seither mit dem Mantel des Märtyrers in der libanesischen Politik.

Auch in Hasroun, wo wir auf den Bus für die Rückfahrt nach Beirut warten. Neben ihm abgebildet seine Frau, ihrerseits Tochter einer prominenten maronitischen Familie, die elf Jahre lang um seine Freilassung gekämpft hat. Jetzt sind sie das Power Couple im „Tal der Heiligen“.
Die Bewohner von Hasroun mustern uns mit unseren Rucksäcken, so wie Dörfler eben Fremde mustern. Dann ergibt sich Smalltalk, alte Frauen, gekleidet im christlichen Sonntagsschwarz wollen Tee reichen. „Gefällt es Ihnen hier?“ Wir nicken. „Wunderschön.“ Die Alten strahlen.
Rund 150 Meter tiefer kämpft weiterhin der Erzengel Michael gegen den Teufel. Nun wieder bei klarem Himmel, denn der Nebel hat sich verzogen. Gut gegen Böse. Und das Gute gewinnt natürlich.

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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