Einmal zurück ins Grand Hotel d’Orient – eine kleine Geschichte des Tourismus in Beirut

Kleine Fluchten aus der Beiruter Hitze. Nicht ans Meer – das ist zu verdreckt. Sondern ins klimatisierte Sursock-Museum. Manchmal reicht es, sich beim Abendspaziergang mit einem langen Blick auf die Fassade  abzukühlen. Und bei aller gebotenen Distanz zu reichen Aristokraten-Familien seinem Erbauer Nicolas Sursock, Sprössling einer solchen, still dafür zu danken, dass er seine Villa der Stadt als Museum vermacht hat.

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©Andrea Böhm

Immer wieder muss man jedoch hineingehen – und sei es nur, um von innen einen Blick durch eines der Buntglasfenster nach draußen zu werfen.

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©Andrea Böhm

Und schon wähnt man sich als Reisende in die 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts versetzt, in der Hand einen Gin Tonic mit Eis, auf dem Marmor-Tisch des  Hotel-Balkons das Billet der Schiffspassage von Jaffa oder Marseille und Baedeker’s Führer für „Palästina und Syrien“.

„Visitez Beyrouth! Visit Beirut!“ heißt der Titel einer kleinen Ausstellung im Sursock, bestehend aus nichts weiter als alten Reiseführern und Postkarten. Was völlig reicht, um im Geiste durch die Lobby des „Grand Hotel d’Orient“ zu schlendern, im „Les Guides Bleus“ von 1932 angepriesen für seinen Meerblick, die 35 Zimmer und eine „fundierte Reputation“.
Man reiste damals mit dem Schiff an, ließ sich im Ruder-oder Motorboot von Deck abholen und zum Hotel bringen. Wenn nicht ins „Orient“, dann ins „Royale“, ins „Metropole“, ins  „Hotel d’Europe“, erbaut 1849, wo schon Gustave Flaubert übernachtet hatte. Oder ins Hotel „Deutscher Hof“, auf dessen Gästeliste Karl May stand.

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Die beste Reisezeit, heißt es in „Cook’s Traveller’s Handbook to Palestine, Syria & Iraq“ von 1934, seien die Monate März bis Ende Mai. „Eine Reise flussaufwärts auf dem Nil lässt sich bequem mit einem Besuch im Heiligen Land verbinden.“ Und mit einer komfortablen Verschnaufpause in Beirut bevor es mit dem Zug weiterging nach Istanbul, Damaskus oder Bagdad. Wobei die Leser des Baedeker’s ausdrücklich vor  türkischen Zensur-Behörden gewarnt wurden, deren „exzessiver Eifer“ sich manchmal auch auf Reiseführer erstrecke, weshalb diese in der Türkei am besten tief in der Jackentasche zu verstauen seien.

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Das mit dem Wetter stimmt immer noch, das mit der türkischen Zensur stimmt wieder. Aber heute unternimmt keiner mehr mal eben eine Vergnügungsreise vom Nil bis nach Syrien. Oder bis in den Irak wie jener Amerikaner oder Brite, der seiner Frau im April 1956 Grüße aus dem Libanon schickte. „Darling, bin heute kurz nach Mittag in Beirut angekommen. Übernachte im Normandy, was eine Erholung ist nach dem Ceyhan Palace in Ankara … Morgen weiter nach Bagdad. Mit Liebe und Hingabe, John“

Das „Normandy“ stand wie das „Orient“ und andere Hotels  für das gehobene Publikum auf der Avenue des Français, der Promenade am Meer, was die Beirutis in den 20er Jahren veranlasste, ihre Stadt mit Nizza zu vergleichen.
Hier sehe es überhaupt nicht aus wie der Orient, von dem er in Romanen gelesen habe, beschwerte sich denn auch ein gewisser Monsieur Joseph in einer Weihnachtskarte 1926 aus Beirut an eine von ihm verehrte namenlose „Madame“. „Die Häuser – alle europäisch.“ Damit hatte der Mann auf wenigen Zeilen die Essenz der Stadt erfasst. Beirut tut bis heute so, als sei es bei der Geburt vertauscht worden und gehöre eigentlich auf die andere Seite des Mittelmeeres.

Das „Normandy“ und den „Deutschen Hof“ gibt es nicht mehr. Das „Orient“ auch nicht. Es wurde 1967 abgerissen, um Platz für das Hilton und andere moderne Bettenburgen zu schaffen. Die meisten dieser Neubauten dienten im Bürgerkrieg als Stützpunkte für Milizen während der „Schlacht der Hotels“. Die Luxus-Suiten mit Meerblick in den oberen Etagen waren bei Scharfschützen sehr beliebt.

Die Trümmer sind hier längst beseitigt, die Ruinen durch neue Luxusbauten samt Yacht-Hafen ersetzt. Nur die zerschossene Ruine des Holiday Inn ragt noch wie ein störrischer, geschwärzter Zeigefinger in den Himmel. Es ist jetzt eine der Hauptattraktionen bei Stadtführungen.
Visitez Beyrouth! Visit Beirut! Besuchen Sie Beirut!

 

 

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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