Jeder Tag eine Schaufel Erde auf das eigene Leben – seit vier Jahren ist der ägyptische Journalist Shawkan in Haft

Es gibt Jahrestage, an denen man nur schreien möchte. Am 14. August wird der ägyptische Photo-Journalist Mahmud Abu Zaid, bekannt unter seinem Künstlernamen Shawkan, vier Jahre in Haft sitzen. In Untersuchungshaft wohlgemerkt. Shawkan war bereits mehrmals Thema dieses Blogs – immer in der Hoffnung, dass der nächste Eintrag von seiner Freilassung handeln würde.

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Ägyptens Behörden werfen dem inzwischen 30 jährigen „Vandalismus“, „Waffenbesitz“, „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ (nämlich der Muslimbrüder)  und „Mord“ vor – angeblich begangen am 14. August 2013. An diesem Tag  richteten Sicherheitskräfte am Kairoer Rabaa-Adawiya-Platz ein Massaker unter Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohamed Mursi an. Mindestens 1000 Menschen wurden erschossen. „Ägyptens Tiananmen“ nennt Human Rights Watch dieses Blutbad.

Shawkan war nachweislich im Auftrag einer Foto-Agentur vor Ort und wurde zusammen mit zwei ausländischen Reporters verhaftet. Die beiden Kollegen kamen wenig später  frei, Shawkan sitzt seither im  berüchtigten Tora-Gefängnis in Kairo. Seine Kamera samt Speicherkarten wurden konfisziert und sind verschwunden. Gericht und Staatsanwaltschaft machen sich nicht einmal die Mühe, gefälschte Beweise für ihre Vorwürfe zu präsentieren. Sie präsentieren gar nichts. Verhandlungstermine dienen allein dazu, Shawkans U-Haft zu verlängern. So auch an diesem 5. August 2017. Die Verhandlung wurde wieder vertagt.

Ich habe das kafkaeske Schauspiel der ägyptischen Justiz selbst einmal beobachtet: 2014 im Kairoer Prozess gegen drei Journalisten von Al Dschasira – den Australier Peter Greste, den Kanadier Mohamed Fahmy und den Ägypter Baher Mohammed. Die Anklage lautete auf „Verbreitung falscher Nachrichten zur Destabilisierung des Landes“ und „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“. Gemeint war die Muslim-Bruderschaft.
Als Beweismaterial legten die Ankläger Fernseh-Beiträge von Greste aus Ostafrika, Preis gekrönte Berichte von Fahmy über die Revolution in Libyen und Tierfilme vor. Man konnte das komisch finden, ich fand es auf eisige Weise beängstigend. Egal, ob die Gerichtsbehörden in ihrer Paranoia jeden Bezug zur Realität verloren hatten oder sich schlicht einen Dreck um sie scherten – die grenzenlose Absurdität des Verfahrens demonstrierte eine Allmacht, die jeden im Saal schockierte.

Greste wurde schließlich in eine bizarren Aktion nach Australien abgeschoben, aber trotzdem rechtskräftig verurteilt. Fahmy kam Monate später auf Vermittlung der kanadischen Botschaft aus dem Gefängnis, nachdem man ihm seine ägyptische Staatsbürgerschaft abgenommen hatte. Baher Mohammed ist mittlerweile ebenfalls frei und arbeitet in der Hauptredaktion von Al Dschasira in Doha.

Shawkan ist im Vergleich dazu ein kleiner Fisch. Aber einer, an dem die Justiz offenbar demonstrieren möchte, wie sie mit der Aufbruchstimmung unter Journalisten zu verfahren gedenkt, die sich in jenen Januartagen 2011 bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz gegen die Diktatur des Hosni Mubarak Bahn brach. Richter und Staatsanwälte wollen sie nicht eindämmen. Sie wollen sie zermalmen und begraben.

Genau so muss es sich anfühlen für Shawkan: Jeder Tag im Tora-Gefängnis ist eine Schaufel Erde auf das eigene Leben. Inzwischen sind es über 1400. Im schlimmsten Fall droht ihm die Todesstrafe, im besten Fall wird er irgendwann frei gesprochen und als kranker Mann entlassen. Er leidet an Hepatitis C, Anämie und Depressionen und erhält nur unzureichende medizinische Versorgung.  Dass er bei den Gerichtsterminen, die er aus einem Käfig verfolgen muss, trotzdem noch die Finger zum V-Zeichen erhebt, dass er seinem Bruder bei Besuchen Briefe an seine Unterstützer diktiert, dass er auch nach vier Jahren nicht gebrochen ist, erscheint wie ein Wunder. „Kämpft für die Fotografie. Wir sind jene, die Geschichte gemacht haben, nicht die Historiker, unsere Fotos haben den Moment festgehalten“, ließ er seinen Bruder unlängst aufschreiben. „Ich bitte euch alle: Hört nicht auf zu fotografieren – für mich.“

Was kann man außerdem tun? Dazu beitragen, dass Mahmud Abu Zaid, alias Shawkan, nicht vergessen wird. Unterstützer haben die Facebook-Seite „Freedom for Shawkan“ eingerichtet. Auf Twitter kann man aktuelle Entwicklungen unter dem Hashtag #freeshawkan verfolgen. Die Petition von Amnesty International kann man hier unterzeichnen.
All diese Aktionen dringen zu ihm durch. Sein Bruder berichtet ihm davon.
Für den 12. August ist der nächste Verhandlungstermin angesetzt. Zwei Tage später beginnt Shawkans fünftes Jahr in Untersuchungshaft.

Es sei denn, das nächste Wunder geschieht.

 

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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