Baalbek – ein Ausflug zu römischen Göttern, schiitischen Milizen und Jazz

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©Andrea Böhm

Es gibt Orte im Libanon, die man gesehen haben muss. Baalbek gehört dazu. 
Ich mag den Namen dieser Stadt, schon sein Klang verspricht eine Tür zur Vergangenheit, wenn einem die Gegenwart zu viel wird. 
Und Baalbek hält sein Versprechen – auch wenn die Gegenwart sich nie aussperren lässt.

Colonia Heliopolis hieß die Stadt, als die Römer hier eine der größten Tempel-Anlagen ihres Imperiums errichteten. Geblieben ist eine der schönsten Ruinen-Landschaften überhaupt – eine steinerne Collage der Epochen. Über die erheben sich sechs Säulen eines Jupiter-Tempels, dreißig Meter hoch. Einige Schritte weiter befindet sich ein in weiten Teilen erhaltener Bacchus-Tempel, eine Opferstätte und die Reste eines Venus-Tempels.
Auf die Römer folgten die Umayyaden, die auf dem Forum der Tempel-Anlage eine Moschee bauten. Die Byzantiner verwandelten den Venus-Tempel in eine Kirche. Mongolen, Seldschuken, Mamluken, Osmanen hinterließen Spuren. Eine Gedenktafel im Bacchus-Tempel von „Sultan Abd ul-Hamid II, Kaiser der Ottomanen Seinem erlauchten Freund Wilhelm II.“ erinnert an den Besuch des deutschen Kaisers im Jahr 1898.
Dann kam Ella, „the Queen of Jazz“. Und Miles, der „Gott der leisen Töne“.

Vor zwei Wochen habe ich es auch endlich geschafft. Ich blätterte 60 Dollar für eine Konzertkarte des jährlichen Musik-Festival hin, setzte mich mit drei Freunden in Beirut ins Auto und fuhr zu den Ruinen. Vor dem Bacchus-Tempel spielte Ibrahim Maalouf. Mitte der 50er Jahre – eine Zeitangabe, bei der ältere Libanesen melancholisch seufzen – hatte der damals noch halbwegs funktionierende Staat beschlossen, die antike Stätte als Theater-und Konzert-Bühne zu nutzen. Für so manchen Archäologen eine entsetzliche Vorstellung. Aber man muss die Säulen des Jupiter nur einmal bei Tageslicht gesehen haben …

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©Andrea Böhm

…um zu ahnen, welche Kulisse sie bei Nacht bieten. In den ersten Jahren des Festivals traten vor allem die großen arabischen Stars auf. Umm Kulthum, die Grand Dame der arabischen Musik, Ägyptens Antwort auf die Greco und die Callas. Fairouz, Libanons musikalische Ikone. Warda al-Jazairia, „die algerische Rose“. Künstlerinnen, die von Rabat bis Bagdad Säle füllten. Die meisten stiegen im damals mondänen Palmyra-Hotel gegenüber der Ruinen ab, wo die Kellner Champagner servierten, ausländische Botschaften zu Cocktail-Partys einluden und die Rezeptionisten jede Marotte der Diven berücksichtigen.

Der Name Baalbek sprach sich bald in London, Paris und und New York herum. Ella Fitzgerald trat 1971 als einer der ersten Weltstars vor dem Bacchus-Tempel auf. Zwei Jahre später spielte Miles Davis in den Ruinen, 1974 Charles Mingus. Ich habe die Konzertplakate in meinem Beiruter Wohnzimmer aufgehängt.  Auch das von Miriam Makeba – ein Bild, das zum Niederknien schön ist. Meine ganz persönliche Heiligen-Galerie.

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Nur hat die Makeba nie in Baalbek gesungen. Die Plakate für ihr Konzert am 16. Juli 1975 waren schon gedruckt, da begann am 13. April der Bürgerkrieg.
Im Palmyra bezog nun das Internationale Rote Kreuz Quartier. Die Organisatoren des Festivals verbarrikadierten sich in ihren Wohnungen und trafen sich in Feuerpausen, um sich gegenseitig zu vergewissern, dass sie noch am Leben waren. Um die Tempel-Ruinen machten Bomben, Granaten und Kugeln auf wundersame Weise einen Bogen. Meistens jedenfalls. Um den Rest des Landes nicht.  Nach 15 Jahren Krieg mit über 120.000 Toten war der Libanon zerstört. Nicht nur physisch. Bürgerkriege, in denen einem der Nachbar, mit dem man gestern noch Kaffee getrunken hat,  das Gewehr an den Kopf hält, hinterlassen tiefere seelische Wunden als Kriege zwischen Staaten. Die Spanier merken das noch heute. Die Bosnier wissen es. Die Algerier. Die Libanesen. Und jetzt auch die Syrer.

Natürlich geht es danach immer irgendwie weiter. Es wird zugeschüttet und neu aufgebaut, verdrängt und erinnert, es wird Frieden beschworen und aufgerüstet für das nächste Mal. Die Zeit heilt nicht, aber sie verdeckt die Narben. Bis etwas geschieht, das für einen Moment alles wieder offenlegt und den Wahnsinn der Zerstörung gewahr werden lässt. Ein Abschütteln der Betäubung. Meistens steckt die Kunst dahinter.
Das Baalbek-Festival eröffnete erstmals wieder im Juli 1997 mit Mstislav Rostropovich. Der russische Cellist hatte den Libanesen über 20 Jahre zuvor ein Konzert versprochen hatte, wenn der Krieg zu Ende sei. Ein Jahr später, 1998, trat Nina Simone auf. Baalbek was back!
Aber eben nicht wie früher.

Das Konzert von Ibrahim Maalouf ist ausverkauft. Als „virtuosen Künstler“ und „kühnen Komponisten“ hat ihn zuletzt das Montreux Jazz Festival vorgestellt. Für die Libanesen ist er der sprichwörtliche verlorene Sohn, der draußen in der Welt berühmt geworden ist. Maalouf ist ein Kind des Krieges, geboren 1980 in Beirut, als syrische Panzer durch das Land rollten, israelische Kampfflugzeuge PLO-Stellungen in Beirut bombardierten und die einheimischen warlords Massaker an Massaker reihten. Bei den Maaloufs spielten sie weiter Musik, die Mutter war Pianistin, der Vater Trompeter. Bis es nicht mehr ging. Die Familie floh nach Paris ins Exil. Ibrahim lernte Trompete –  als Kind das ganze klassische Repertoire, Improvisation und arabische maqams beim Papa, dann am Pariser Konservatorium. Jetzt ist der Mann gerade einmal 36, hat fast ein Dutzend Alben mit einer einmaligen Fusion von Jazz, Funk, arabischer Musik, Oriental Rock und Pop herausgebracht, hat mit Dave Douglas, Cheikh Lo, Sting, Amadou & Mariam gespielt.

An diesem Samstag ist er endlich in Baalbek. Wir trinken zur Einstimmung ein Bier im Garten des Palmyra-Hotels. In der Lobby hängen Fotos der prominenten Gäste vergangener Zeiten. Ella. Nina Simone. Charles de Gaulle. Jeanne Moreau. Libanons Präsident Camille Chamoun, der das Festival begründet hat und später den Bürgerkrieg mit anheizte. Daneben Zeichnungen von Jean Cocteau, der hier übernachtete.
Auf der Straße zwischen Tempel-Anlage und Hotel-Eingang sind gepanzerte Fahrzeuge der Armee aufgefahren, Soldaten und Polizisten stehen an jeder Ecke.
Nach Römern, Umayyaden, Byzantinern, Seldschuken, Osmanen und Franzosen hat jetzt die schiitische Hisbollah in Baalbek das Sagen – und damit auch ihre Schutzmacht Iran. Im Kurz-Krieg zwischen Israel und der Hisbollah 2006 hat Baalbek deswegen ziemlich gelitten. Kaum 200 Meter neben dem Eingang zum Bacchus-Tempel glänzt, mit iranischen Geldern restauriert, die goldene Kuppel des Schreins der Sayyida Khawla, Ur-Enkelin des Propheten Mohammed, Tochter des Imam Hussein, einer der wichtigsten Figuren der Schiiten. Ein teurer Kraftakt zur Verewigung von Religion und Macht. Schön und prächtig anzusehen. Aber im Schatten der bröckelnden Jupiter-Säulen wirkt all der Glanz doch vergeblich und vergänglich.

In Baalbeks Straßen hängen die Bilder von Hisbollah- Kämpfern, die auf Seiten des Assad-Regimes in Syrien gefallen sind – und die jetzt auf libanesischem Territorium sterben. Die Sicherheit von Großveranstaltungen wie dem Festival überlässt die Hisbollah der Armee, militärische Operationen übernimmt sie selbst. Seit einigen Tagen führt die Miliz eine Offensive gegen Trupps des „Islamischen Staates“ und Al-Kaida, die im Laufe des Krieges in Syrien über die Grenze in den Libanon eingesickert sind. Nicht weit von Baalbek. Am Nachmittag, während auf der Bühne vor dem Bacchus-Tempel letzte Soundchecks durchgeführt wurden, marschierte ein martialischer Trauerzug mit den Särgen getöteter Hisbollah-Kämpfer durch die Straßen.
Leben und Alltag auf engstem schizophrenen Raum. Eine besondere libanesische Fähigkeit. Ich beherrsche sie mittlerweile auch, nehme die Panzerfahrzeuge und Hisbollah-Fahnen kaum mehr wahr. Als die Scheinwerfer vor dem Bacchus-Tempel angehen, bin ich hypnotisiert von der Kulisse.

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©Andrea Böhm

Maalouf ist aufgeregt, man merkt es bis in die hinteren Reihen. Nicht nur, weil jeder Künstler vor einem Live-Konzert nervös ist, sondern weil er das ganze Land umarmen und gleich noch seine musikalische Biographie erzählen möchte. Es geht etwas hektisch zu auf der Bühne, hinter ihm steht seine Band, dahinter ein kleines Orchester, das für ein paar Nummern auf- und dann wieder abtritt. Ein Kinderchor bekommt fünf Minuten auf der Bühne, eine Gruppe libanesischer Hobby-Musiker, ein Geiger aus Baalbek und am Ende ein Ensemble von Dabke-Tänzern, deren Bewegungen die Scheinwerfer wie ein Schattentheater an die antiken Mauern projizieren. ‚Spiel doch einfach nur Trompete‘ denke ich mir zwischendurch.
„Kalthoum“ ist mein Lieblingsalbum von Maalouf, eine Widmung an Um Kulthum und alle Frauen, die die Welt verändert haben, bestehend aus Improvisationen auf ihren Klassiker „Alf Leila Wa Leila“, „Tausend und eine Nacht“. Nur Trompete, Tenor-Saxophon, Bass, Piano und Schlagzeug.
Zwischendurch tut er genau das: spielt Soli, lässt sich zurückfallen in den Sound seiner Band, taucht wieder auf. So entsteht der Zauber einer Nacht. Und hält an auf der Rückfahrt nach Beirut und über den nächsten Morgen …

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©Andrea Böhm

…bis zum folgenden Wochenende. Dann holt der ganz normale nahöstliche Wahnwitz auch das Festival wieder ein. „Trio Wanderer“, drei klassische Musiker aus Frankreich, sind für das Konzert am folgenden Wochenende angekündigt. Sie sagen kurzfristig ab. Die „Kampagne zum Boykott von Unterstützern Israels im Libanon“ hat sie aufgefordert, nicht auf die Bühne zu gehen, weil sie vor einem Jahr eine Vorstellung im israelischen Eilat gegeben haben. Damit habe das Trio „die Märtyrer des Libanon und Baalbeks beleidigt“. Offiziell wird die Absage mit „persönlichen Ursachen“ begründet. Der Pianist des Trios sei krank geworden.
Kein Wunder. Es ist ja auch zum Kotzen.

 

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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