Von Hyänen und Wölfen

 

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Winter in Laqlouq ©Andrea Böhm

Man muss nur die Ortsmarke verdrängen und schon verzaubert einen diese Welt. Ein Januartag in den libanesischen Bergen. Hinter den Gipfelketten liegt Syrien. Wir, eine Gruppe von Leuten, die jeden Sonntag mit Schneeschuhen aufbrechen, reden nicht vom Krieg. Politik hat unter einem solchen Himmel nichts zu suchen. Das sind die kleinen Kopffluchten, die man in diesen Zeiten braucht.  Wir rätseln über Tierspuren im Schnee – Hund ? Oder doch ein Wolf ? Wölfe gibt es in den libanesischen Bergen, im Anti-Libanon sind sogar Schwarzbären gesichtet worden. Eine Hyäne habe ich selbst schon gesehen. Erschossen von Bauern, die Angst um ihr Vieh hatten.

Viel Platz lässt man der Wildnis nicht mehr. Der Libanon begräbt die Spuren seines Bürgerkriegs unter Schnellstraßen, Shopping Malls und Apartmentklötzen. Als müsste man die Natur bestrafen. Auch die Dörfer in den Bergen bleiben nicht verschont. Ski-Anlagen, Hotels, Müll-Deponien, Luxusanlagen für Investoren vom Golf, die Festungen gleichen. Wir stapfen am ummauerten Privatgelände auf einem Hügel vorbei. Ein Millionär aus Katar hat sich hier für jeden seiner Söhne eine Villa bauen lassen. „Die sind nicht oft hier“, sagen die Dörfler achselzuckend. „Vielleicht einmal im Jahr für ein paar Tage.“

In ein paar Wochen wird die Schneeschmelze einsetzen. Dann, ab April, ist der Lebanon Mountain Trail wieder passierbar, eine 470 Kilometer lange Gebirgsroute von Andqet im Norden bis nach Marjaayoun im Süden.
Es ist die libanesische Variante des Appalachian Trail in den USA. Um einiges kürzer natürlich, aber dafür mit viel mehr Symbolik beladen, weil er Dörfer und Gebiete verbindet, die noch vor knapp 30 Jahren miteinander im Krieg standen. Auf der Karte sieht die Wanderstrecke aus wie ein Rückgrat, das ein extrem fragiles Land zusammenhält.

Jedes Jahr im April machen sich die Freunde des Lebanon Mountain Trail auf, um ihn in 30 Etappen abzulaufen. Vom sunnitischen Norden, durch maronitische, drusische, katholische, armenische oder auch gemischte Dörfer bis in den schiitischen Süden.
2017 ist das nicht nur eine Wanderung, die die Einigkeit des Landes beschwören soll, sondern auch eine Demonstration zum Schutz der Berge vor Baggern und Betonmischern, vor der Privatisierung der Naturlandschaft.
Für ein paar Etappen werde ich mich vielleicht anschließen. Zu Fuß spürt man am besten, wie fest der Boden ist, auf dem man lebt. Und wie kostbar.

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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