Fight like a Girl !

Welch eine schöne Meldung! In Zeiten, da ein Mann US-Präsident wird, der mit seiner Verachtung für Frauen prahlt und gegen Muslime hetzt, taucht ein Mädchen mit dem schönen Namen Tajamul Islam auf – and kicks some ass.
Tajamul ist acht oder neun Jahre alt (ganz einig sind sich die verschiedenen Medien da nicht), kommt aus der Region Kaschmir (die auch nicht eben friedlich ist) und hat vor wenigen Tagen in Italien in ihrer Altersklasse die Weltmeisterschaft im Kickboxen gewonnen.

Dass Mädchen Kampfsport betreiben, ist inzwischen (halbwegs) normal und bekannt. Das Karate, Tae Kwon Do, Boxen und Kickboxen unter jungen Muslima zunehmend populär ist, hat sich noch nicht so richtig herum gesprochen.
Ich hatte auf meinen Reisen das Vergnügen, einige von ihnen zu treffen und mit ihnen zu trainieren. Besonders beeindruckt war ich von Shabnan und Shala, die ich im September 2007 in Kabul kennen gelernt habe. Sie trainierten in jenem Sportstadion, in dem die Taliban einst während der Halbzeit der Fußballspiele Menschen exekutierten. Und sie trainierten trotz Drohungen, die Islamisten gegen Frauensport ausstießen.

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Shabnan und Shala 2007 in Kabul ©Andrea Böhm

Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich hoffe, sie sind gesund, leben in Sicherheit, haben die Schule abgeschlossen und nicht vergessen, wie man eine Faust ballt.

Die leidige Kopftuch-Debatte geistert ja weiterhin durch die westlichen Medien und verzerrt auf absurde Weise unser Bild von muslimischen Frauen. Wer immer noch der Meinung ist, unter jedem Hidschab stecke eine unterdrückte Muslima, dem empfehle ich eine Runde Sparring mit Shymaa Abouel Yazed. Sie ist Karate-Weltmeisterin aus Ägypten, verheiratet, Mutter einer Tochter, Kopftuchträgerin und leidenschaftliche Verfechterin der Idee, dass Frauen alles erreichen können, was sie wollen. Ihre Begeisterung für ihren Sport überträgt sie als Trainerin auf Dutzende von Nachwuchskämpferinnen, die auf meine Frage, was sie später einmal werden wollen, antworteten: „Weltmeisterin!“

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Shymaas Schülerinnen beim Training in Kairo ©Andrea Böhm

Die Recherche für mein Portrait über Shymaa war eine der bislang schönsten Erfahrungen während meiner Zeit als Korrespondentin im Nahen Osten und Nordafrika. Und meine erste Begegnung mit einer Weltmeisterin.

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Mit Shymaa Abouel Yazed in Kairo 2015

Ich habe im irakisch-kurdischen Erbil Tae Kwon Do-Kämpferinnen getroffen, die von einer kurdischen Nationalmannschaft träumen; ich habe in Beirut verfolgt, wie Mädchen der Judo-Kämpferin Carmen Chammas nacheifern, der ersten Judoka, die für den Libanon bei Olympischen Spielen angetreten ist.
Ihnen wird längst noch nicht dieselbe Aufmerksamkeit und Förderung zu Teil wie den Männern, aber sie räumen Geschlechterklischees beiseite. Jeder Kampfschrei ist ein weiterer Kratzer am Bild des passiven Mädchens, das andere über sein Leben und über seine „Ehre“ bestimmen lässt.

Man könnte das jetzt allein unter arabischer, indischer, muslimischer Frauenpower verbuchen. Aber alle, die ich hier genannt habe, haben außer Schlagkraft, Schnelligkeit und Durchhaltevermögen noch eines gemeinsam: Eltern, vor allem Väter, die sie unterstützen, bestärken, anfeuern. Die stolz sind auf ihre kämpfenden Töchter, obwohl die Nachbarn tuscheln und die Verwandten Schimpf und Schande wittern.
Tajamul Islams Vater ist ein LKW-Fahrer, der seine Tochter in den Kickboxing-Club schickte, weil sie erklärt hatte: „Das will ich machen.“
Shabnan und Shala’s Väter erlaubten ihnen das Boxen, obwohl sie und ihre Trainer von Islamisten bedroht wurden. Shymaas Vater passte wochenlang auf seine kleine Enkelin auf, während sie in der Sporthalle Liegestütze stemmte und stundenlanges Sparring absolvierte.
Nicht nur die Töchter sind Vorreiterinnen für die nächste Generation, ihre Väter sind es auch.
Ladies, keep kicking and punching! Fight like girls – and teach the others !

 

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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