Der Traum des Adil Faraj

„Breaking News“ mit der Ortsmarke Bagdad kann in diesen Zeiten nur Schlimmes bedeuten. Wie schlimm, wurde erst im Verlauf des vergangenen Sonntag klar, als die ersten Bilder des Straßenzuges im Stadtteil Karrada zu sehen waren, in dem ein Selbstmordattentäter des „Islamischen Staates“ einen Kühlwagen voller Sprengstoff gezündet hatte. Die Zahl der Toten ist inzwischen auf über 250 gestiegen. Der Mörder kam nach Mitternacht, als die Cafés, Restaurants und Läden voller Menschen waren, die sich zum Fastenbrechen im Ramadan  eingefunden hatten. Oder einfach nur einkaufen, reden oder das Ende des Schuljahres feiern wollten.

Ich habe inzwischen Freunde in Bagdad, einige sind in diesem Blog bereits vorgestellt worden. Keiner von ihnen ist unter den Toten oder Verletzten, aber fast alle kennen Leute, die getötet oder verletzt wurden. Sie stehen unter Schock, die ganze Stadt steht unter Schock.

Man kann dem Leben der Getöteten mit ein paar Zeilen niemals gerecht werden. Aber sowohl irakische wie auch ausländische Medien haben einigen von ihnen immerhin Namen und Gesicht gegeben – zum Beispiel in diesem Beitrag der BBC.

Einer der Toten war ein 23 jähriger Jura-Student namens Adil Faraj. Er stand kurz vor Abschluss seines Studiums, hatte sich aber längst einem ganz anderen Berufsziel verschrieben: Tänzer. Hip Hop Dancing und Ausdruckstanz hatte er sich mit Hilfe von Videos selbst beigebracht. Über Facebook nahm er schließlich Kontakt mit der New Yorker Battery Dance Company und deren Choreographen Jonathan Hollander auf.
Faraj schickte Aufnahmen seiner Proben an Hollanders Tänzer, die ihm per Skype  Feedback und Übungsvorschläge gaben.

Moderner Tanz ist nichts, womit man sich im religiös konservativen Irak Freunde macht. Faraj übte in Parks, wurde dort mehrfach als „schwul“ und „weibisch“ beschimpft und angegriffen. Daraufhin trainierte er nur noch Zuhause – stundenlang trotz Stromausfällen, Wassermangel und immer wieder Bombenanschlägen.

Im Frühjahr ermöglichte ihm die Battery Dance Company erstmals ein professionelles Training in der jordanischen Hauptstadt Amman. Dort trat er auch zum ersten Mal öffentlich auf und erntete stürmischen Beifall. Hier ist ein Video, das ihn bei den Proben in Amman zeigt.

In jener Nacht am vergangenen Wochenende war Adil Faraj in Karrada unterwegs, um  für die Feierlichkeit zu Eid al Fitr, dem Ende des Fastenmonats Ramadan, Kleider zu kaufen.
Faraj sollte im Sommer heiraten und wollte dann ein Visum für die USA beantragen. In Amerika Tänzer werden – das war sein Traum. Der Irak, hatte er einmal gesagt, fühle sich nicht mehr an wie seine Heimat.

 

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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Eine Antwort zu Der Traum des Adil Faraj

  1. Inge Kaspar-Böhm schreibt:

    Wie gut, dass du immer wieder den entsetzlich vielen Toten ein Gesicht gibst, ein individuelles Schicksal beschreibst, so dass diese anonymen Zahlen – hier über 250, dort 30, andernorts 50 -,konkret werden und wir beim Lesen realisieren, dass es sich um Menschen mit Familien, mit Träumen und Sehnsüchten handelt, die nur eines wollen: in Frieden leben.
    Danke
    IKB

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