Bagdad – Stadt der Bomben? Ja, aber…

Wie lebt es sich eigentlich in einer Stadt, die man im Rest der Welt nur unter den Schlagworten „Selbstmordattentat“ oder „Autobombe“ wahrnimmt? Nicht, dass man das als Nicht-Bagdadi wirklich beurteilen könnte. Aber vielleicht sollte man den  Stadtbewohnern mehr Aufmerksamkeit schenken, die etwas anderes als eine Kalaschnikow mit sich herumtragen. Denn sie sind die Mehrheit.

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Bagdadis bei einem Stegreif-Konzert nahe der Al Mutanabi-Straße ©Andrea Böhm

Und damit meine ich nicht nur die hier abgebildeten Herren, die übrigens ziemlich gut gespielt und gesungen haben.

Dass es in dieser Stadt außer und trotz und wegen der horrenden Gewalt auch Konzerte, Theater, Poesie und Sport gibt, wird von uns ausländischen Journalisten ja gern übersehen. Genauer gesagt: wir sehen es schon. Aber wir belächeln es. Unsere berufliche Deformation hat dazu geführt, dass wir in Konfliktgebieten nur Männer mit Waffen oder solche, die Männer mit Waffen kommandieren, für ernst zu nehmende Akteure halten. Was natürlich nicht ganz falsch ist: eine Kugel hat im wahrsten Sinne des Wortes  eine durchschlagendere Wirkung als ein Gedicht.

Doch der folgenreiche Fehler meiner Branche besteht darin, den Eindruck zu erwecken, in Konfliktgebieten drehe sich alles nur um Gewalt. Damit verweigern wir der Mehrheit die Anerkennung als Handelnde. Und in dieser Mehrheit befinden sich die Grenzgänger und Kundschafter der öffentlichen Räume: KünstlerInnen und AktivistInnen, die in einer Stadt wie Bagdad mit ihren Milizen, Straßensperren, Wachtürmen, Stacheldrahtgassen austesten, wo die Militarisierung zurück gedrängt werden kann. Wo das öffentliche, zivile Leben expandieren oder zumindest verteidigt werden kann.
Also stelle ich hier einige vor:

Bagdads „Interaktive Theatertruppe“ zog vor kurzem mit einem mobilen Kunst-Festival durch die Stadt, führte Straßenkonzerte und improvisierte Szenen auf. All das in Zusammenarbeit mit dem Irakischen Sozial-Forum und den Gewerkschaften. Klingt wie eine Allianz aus den westdeutschen 70er Jahren, ist aber durchaus ein brauchbares Bündnis für’s Hier und Jetzt. Nicht nur im Irak.

Mit Karim Wasfi, dem Cellisten und Dirigenten des Irakischen Sinfonie-Orchesters, hatte ich vor einigen Monaten in Bagdad selbst das Vergnügen. Ein Schrank von einem Kerl mit dem für Maestros üblichem Ego und dem für Iraker üblichen Durchhaltewillen.
Das Orchester spielt seit Jahrzehnten im permanenten Ausnahmezustand von Diktatur, Krieg, Terror. Im Programm stehen Mahler, Bach, Rachmaninow, Mozart und manchmal Wasfis eigene Kompositionen. Das Nationaltheater ist der Konzertsaal und meistens  ausverkauft. Noch vor einigen Jahren mussten Zeit und Ort der Auftritte bis kurz vor Beginn geheim gehalten aus Angst vor Anschlägen. Zumindest das ist jetzt nicht mehr nötig, obwohl der „Islamische Staat“ wieder häufiger in Bagdad angreift.
Vergangenes Jahr setzte sich Wasfi zwei Mal an den Tatort verheerender Bombenanschläge zwischen die Trümmer und gab ein Cellokonzert.

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Wasfi mit Kindern in Bagdad

Das macht niemanden wieder lebendig, und den IS beeindruckt das schon gar nicht. Aber darum geht es nicht. „Wir sind inzwischen gut darin“, sagte Wasfi bei unserem Treffen, „nach jedem Horror weiter zu funktionieren.“ Leichen bergen, Trümmer wegräumen, Scherben zusammen fegen und am nächsten Morgen wieder den Alltag beginnen. „Aber funktionieren ist nicht gleichbedeutend mit Leben. Schönheit heißt leben.“
Natürlich ist das pathetisch. Aber trotzdem wahr.

Wen gibt es noch?

Hussein Adel, den 22 jährigen Installationskünstler, der sein Geld mit dem Ausfahren von Sandwiches verdient. Überlebte 2015 nur knapp einen Bombenanschlag. Einige Monate später ließ er einen Freund im Schutzanzug eines Kampfmittelräumers durch Bagdads Straßen laufen, fotografierte ihn und komponierte daraus eine Bild-Ton-Collage, die einen durch Raum und Zeit der Stadt führt.

Oder Yousif al-Azzawi, den 25 jährigen Jogger und Englisch-Studenten, der seine Jahre als Teenager während der amerikanischen Okkupation und den schlimmsten Jahren des Bürgerkriegs im freiwilligen Gefängnis daheim vor dem Fernseher verbracht hat. Dabei futterte er sich 15 Kilo Übergewicht an. Aus Wut über seinen Speckgürtel der Angst begann er mit dem Joggen. So eroberte er sich die Bewegungsfreiheit zurück. Inzwischen läuft er Halbmarathon und hat auch gleich den ersten in Bagdad organisiert. Yousif war es gewesen, der mir vor einigen Monaten seine Stadt gezeigt hatte. Seither frage ich ihn nach jeder neuen Nachricht eines Anschlags per Mail, ob alles in Ordnung ist, worauf er halb amüsiert, halb genervt antwortet: „No problem. Everything is okay.“

Oder Amal Ibrahim al Nussairi, 47, Poetin, Autorin, Übersetzerin. Einige ihrer Gedichte hat meine Kollegin Birgit Svensson in „Mit den Augen von Inana“ herausgegeben, einem Band mit Lyrik und Kurzgeschichten irakischer Autorinnen. In einem von al Nussairis Gedichten heißt es:

Komm, lass uns beten, Krieg um Krieg,

lass uns den Toten gratulieren zu ihrem Frieden.
Im Schlaf habe ich sie gesehen. Sie lächelten.
Da habe ich verstanden:
Wir sind ein einziger Witz!

Al Nussairis Devise ist ganz einfach: Wer schreibt, lebt. Und mischt sich ein.

 

 

 

 

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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