Rest in Peace, Ali !

Sie tragen Trauer in den USA, in Louisville, Kentucky, wo er geboren wurde; in Scottsdale, Arizona, wo er die letzten Jahre gelebt hat und nun gestorben ist; in Washington, wo ihn Barack und Michelle Obama mit bewegenden Worten gewürdigt haben. Und in Kinshasa. , wo er am 30. Oktober 1974 gegen den amtierenden Weltmeister George Foreman kämpfte.

Was unter dem saloppen Titel „The Rumble in the Jungle“ in die Geschichte eingegangen ist, war der spektakulärste und wichtigste Kampf in Alis Karriere – und der größte PR-Coup des damaligen Diktators Mobutu Sese Seko, der den Fight auf Plakaten als  „Geschenk an das Volk Zaires und als Ehre für den schwarzen Mann“ ankündigte. Zaire – so hieß die Demokratische Republik Kongo damals, und der Kampf machte sie für kurze Zeit zum Mittelpunkt der Welt.

-1.jpg

Außerdem involviert: ein dubioser Manager namens Don King, die besten amerikanischen Sportreporter und die genialsten schwarzen Musiker aus Afrika und den USA. Denn zusammen mit dem „Kampf des Jahrhunderts“ war das „Konzert des Jahrhunderts“ geplant – die große musikalische Verbrüderung zwischen Afro-Amerikanern und Afrikanern. Miriam Makeba, Manu Dibango, B.B. King, James Brown, Franco, Celia Cruz, The Spinners und andere Stars waren angereist.
Hauptdarsteller auf der Bühne, im Ring wie auch auf den Straßen Kinshasas: Muhammad Ali. Foreman spielte nur eine Nebenrolle. Nicht nur, weil er, der haushohe Favorit, in der 8. Runde zu Boden ging. Sondern auch, weil er, damals maulfaul und grobschlächtig, dem charismatischen Ali bei öffentlichen Auftritten nichts entgegen zu setzen hatte.

Der Kampf musste um über einen Monat verschoben werden, weil Foreman sich im Training verletzte. Das Konzert fand wie geplant im September statt – ein dreitägiges, chaotisches, hinreißendes afrikanisches Woodstock, verewigt durch den Dokumentarfilm „Soul Power“.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, weiß, dass ich während meiner Reisen nach Kinshasa immer wieder nach Ali’s Spuren gesucht habe. Der Schauplatz seines Kampfes, das heutige Stadium Tata Raphael (damals Stadium des 20. Mai) hat die Kriege, Plünderungen und den Verfall der Stadt einigermaßen überlebt. Seine Gänge und Trainingsräume beherbergten immer wieder Flüchtlinge und Obdachlose. Und sie beherbergen bis heute den „Club La Tete Haute de Mohamed Ali“, den Verein des ehemaligen kongolesischen Box-Meisters Tshibanda Wata, genannt Judex.

P1010367.jpg

Judex in seinem Box-Club im Stadion Tata Raphael 2011 ©Andrea Böhm

Wer Sporthallen mit Klimaanlage, Duschen und solidem Gerät gewöhnt ist (wie ich, als ich 2006 das erste Mal bei Judex im Club) auftauchte, muss erst einmal einen Schock verdauen. Die Räume im Club „Das erhobene Haupt des Mohamed Ali“ sind verrottet, stickig, bei Stromausfall trainieren die Kämpfer im Halbdunkel, niemand reicht ihnen zwischendurch Wasser zum Trinken.

Chez Ali Boxer in Kinshasa, Kongo.jpg

Junger Boxer im Club  ©Andrea Böhm

Trotzdem habe ich dort eine Hingabe an diesen Sport erlebt wie in keinem anderen westlichen Verein – und dabei einige Treffer eingesteckt. Denn bei Judex trainieren bis heute auch Mädchen und Frauen, die von einer Profi-Karriere träumen.

Ali, der immer durch und durch ein Patriarch blieb, hatte für Frauen-Boxen wenig übrig. Die Boxerinnen in Kinshasa ficht das nicht an. Sie bewundern seine Tochter Laila , die zwischen 1999 und 2007 sämtliche ihrer 24 Profi-Kämpfe gewonnen hat.

P1010283.jpg

Boxerin beim Training in Kinshasa ©Andrea Böhm

Coach Judex hatte sich bis zuletzt gewünscht, dass Ali noch einmal an die Stätte seines größten Triumphs zurückkehren würde – mit dem nicht ganz uneigennützigen Hintergedanken, sein Idol könnte vielleicht das verfallene Stadion renovieren lassen. Ali kam nie wieder nach Kinshasa.
Was Judex und seinen KämpferInnen bleibt, sind ein paar verschimmelte Plakate des Jahrhundertkampfes von 1974 und die Erinnerung an Ali’s Sprüche, mit denen er nicht nur seine Gegner entnervt, sondern auch seine eigene Angst besiegt hat.
„If you even dream of beating me“, sagte er einmal, „you better wake up and apologise – solltest Du auch nur davon träumen, mich zu schlagen, wachst Du besser auf und entschuldigst Dich.“
Rest in Peace, Ali!

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
Dieser Beitrag wurde unter Kongo-Kinshasa, Sport veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s