Ein Kontinent trauert – Papa Wemba ist tot

Erst David Bowie, dann Prince und nun Papa Wemba. Das Jahr 2016 ist noch nicht einmal zur Hälfte vorbei und schon jetzt eine anhaltende Trauerfeier für Musikfans weltweit.
Papa Wemba, Kongos bekanntester und wohl auch grandiosester Musiker, ist an diesem Wochenende in der Elfenbeinküste gestorben. Er brach während eines Konzertes in der Hauptstadt Abidjan zusammen. Ärzte stellten wenig später seinen Tod fest. Er wurde 66 Jahre alt.

Nicht nur die Menschen im Kongo sind geschockt. Papa Wemba, mit bürgerlichen Namen Shungu Wembadio Pene Kikumba, war ein musikalisches Idol weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Der Sohn einer „pleureuse“, einer Klagesängerin, füllte Stadien in Kinshasa, Lubumbashi, Brazzaville oder Johannesburg, aber auch Säle in Paris, Brüssel und London. Seine Platten waren nicht nur in Afrika und Europa, sondern auch in Japan, Sri Lanka und in Lateinamerika populär. Kongolesischer Rumba und Soukous, zwei prägende Stile, sind eng mit seinem Namen und dem seiner wichtigsten Band Viva la Musica verbunden. Titel wie „L’Esclave“, „Le Voyageur“ oder „Yolele“ wurden zu internationalen Hits.

Papa Wemba war im Kongo bereits ein Star, als Kinshasa im Herbst 1974 für einige Wochen Schauplatz eines internationalen Mega-Events wurde: Des Boxkampfes zwischen Muhammad Ali und George Foreman um den Weltmeister-Titel im Schwergewicht. Im Rahmenprogramm: ein Musikfestival, das Amerikas Soul-und Blues-Größen mit afrikanischen Musikern zusammen auf die Bühne brachte.
In dem wunderbaren Dokumentarfilm „Soul Power“ ist dieser dreitägige Konzert-Marathon mit all seinen Höhepunkten und Absurditäten verewigt: angefangen von der haarsträubenden Anreise der Amerikaner in überladenen Flugzeugen über restlos bekiffte Manager, die brutale Hitze in Kinshasa, die schattenhafte Omnipräsenz des Diktators Mobutu Sese Seko bis zu den phänomenalen Auftritten von B.B. King, James Brown, Miriam Makeba, Hugh Masekela, Celia Cruz und den einheimischen Superstars Tabu Ley Rochererau, Franco und Papa Wemba, damals noch Mitglied der Band Zaiko Langa Langa.

Während sein Land in den folgenden Jahrzehnten zwischen Kriegen und Korruption zerrieben wurde, blieben Papa Wemba und die gesamte Musikszene ein Aushängeschild für die kreative Kraft des Kongo. Was wiederum ihre Protagonisten nicht zwangsläufig zu edlen Menschen machte. Kongos Musik-Stars stehen ihren Kollegen in anderen Nationen in Protzerei, Allüren und Konkurrenzkämpfen nicht nach. Die Älteren haben außerdem die vielleicht verständliche aber trotzdem unangenehme Angewohnheit, sich mit den jeweils Mächtigen zu arrangieren und Kritik an den Herrschenden weiträumig zu umsingen.

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Egal wo und unter welchen Umständen: Musik geht im Kongo immer. Hier ein Hornist beim Üben in einem Hof in Kinshasa

Mit dem Gesetz kam Papa Wemba trotzdem in Konflikt, allerdings nicht im Kongo, sondern in Europa. 2004 verurteilte ihn ein Gericht in Frankreich wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise“ zu 15 Monaten Haft, von denen er drei verbüßen musste. Der Hintergrund: Kongos Superstars verdienten offenbar einiges Geld damit, junge Frauen und Männer als Background-Sänger mit auf Tourneen zu nehmen, wohl wissend, dass diese in Paris oder Brüssel abtauchen würden.
Ein Jahr zuvor hatte ich auf einer Reise in den Kongo versucht, ein Interview mit Papa Wemba zu bekommen. Die Anfragen versickerten im Gedränge rund um sein Haus im Stadtteil Matonge. „Vielleicht Morgen“, „Nein, er muss sich ausruhen“, „Tut uns Leid, er ist schon wieder abgereist.“ War er nicht. Wir sahen ihn ein paar Tage später beim Spaziergang mit Entourage und Hund. Ein kleiner freundlicher Mann, wie immer, exquisit gekleidet.
Denn Papa Wemba war nicht nur Musiker, Stimme der Nation und Schauspieler, sondern auch der bekannteste Repräsentant der „Sapeurs“.
Hinter diesem Namen steckt die Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes, was keine Organisation, sondern eine Subkultur afrikanischer Dandys ist, die die Armut und Verwahrlosung um sie herum mit Oscar-Wilde-ähnlichen Outfits, Borsalino-Hüten und Seidenschals ignorieren. Auch David Bowie und Prince dürften dabei öfter Modell gestanden haben.

Der ebenfalls dieses Jahr verstorbene Roger Willemsen ist Papa Wemba  einmal in Kinshasa begegnet. Der „König des kongolesischen Rumba“ fuhr mit ihm in einer tief gekühlten Limousine durch die chaotische Hauptstadt, winkte gelegentlich seiner jubelnden Anhängerschaft zu und lauschte ansonsten seinem eigenes Album „Molokai“.  Willemsen wusste offenbar nicht so ganz, wie er diesen Mann einzuschätzen hatte. Aber er erkannte, was den Leuten seine Musik bedeutete: „Wenn ich heute aber Molokai auflege, dann sehe ich seine Tänzer wieder im Hinterhof üben, höre die Albino-Stimmen des Chors, spüre wieder die Befreiung, die diese Musik den Kriegspausen bescherte,“ schrieb Willemsen in der ZEIT 2007, „und ich verstehe, warum man Papa Wemba den magic touch zuschrieb einen Ausdruck, der noch heute seine Autogrammkarten ziert.“

Vielleicht nicken sich die beiden jetzt zu. Irgendwo auf der anderen Seite.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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