Beiruter Momentaufnahmen

Gemmayze, Ost-Beirut: Café Urbanista während eines Stromausfalls.

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In Beirut fällt täglich drei Stunden lang der Strom aus. Von 6 bis 9 Uhr, von 9 bis 12 Uhr, von 12 bis 15, von 15 bis 18 Uhr – rotierend von Stadtteil zu Stadtteil. In anderen Teilen des Landes dauern die Ausfälle manchmal zwölf Stunden und länger.

Der Libanon exportierte einst Strom ins benachbarte Syrien. Das ist 40 Jahre her. Dann kam der Bürgerkrieg von 1975 bis 1990. Die zerstörte Infrastruktur ist bis heute nicht  wieder auf den Vorkriegsstand gebracht worden. Dafür entstand ein neuer Geschäftszweig: der Handel mit Diesel und Generatoren. Der libanesische Staat gibt jährlich zwei Milliarden Dollar an Subventionen für Diesel aus. Das ist mehr als das Budget für den Bildungssektor. Was nichts daran ändert, dass Libanesen oft bis zu 200 Dollar pro Monat an die Elektrizitätswerke und für den Generator bezahlen. Oder illegal die Leitungen anzapfen. Oder Zuflucht in Cafés suchen. Im Urbanista wird nach wenigen Minuten der Generator angeworfen – auf dass kein Gast seinen Latte Machiato über den Laptop kippt.

Mein Nachbar hat Stromausfälle und -rechnungen jahrelang ertragen. Vor einigen Wochen kam er auf die glorreiche Idee, Sonnenkollektoren auf seinem Dach zu installieren. Das ist in diesem Land ein hochpolitischer Akt. Die Generatoren-Diesel-Branche – manche nennen sie auch „Mafia“ – sieht es nicht gern, wenn Bürger sie überflüssig machen wollen.

Andere Libanesen scheuen die Mühen des Ökostroms und besorgen sich lieber die „Beirut Electricity“-App. Mit der weiß man jederzeit, wann und wo in der Hauptstadt gerade kein Saft aus der Steckdose kommt. Immer vorausgesetzt, die Mobilfunkbetreiber haben genug Diesel in Reserve, um ihre Netzwerke am Laufen zu halten.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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