Der Krieg, die Hoffnung und der Tod eines Dichters

Vor fünf Jahren begann in Syrien der Aufstand gegen das Regime von Baschar al Assad.
Solche Jahrestage sind immer etwas willkürlich. Wann und wo genau gingen die ersten Leute auf die Straße, wann und wo wurde zuerst geschossen, welche Stadt ist die „Wiege der Revolution“ ?
In Syrien ist es nicht etwas Damaskus, sondern Daraa im Süden des Landes. Im Nachhinein erscheint es wie ein böser Witz, dass die größte humanitäre Katastrophe seit 1945 durch Graffiti ausgelöst wurde. Genauer gesagt: durch die staatliche Reaktion darauf. Vor fast genau fünf Jahren, am 6. März 2011, verhafteten und folterten Sicherheitskräfte in Daraa achtzehn Jungen im Alter zwischen 10 und 15 Jahren, weil diese den Satz „Das Volk will den Sturz des Regimes“ an eine Schulwand gesprüht hatten.
Der Reporter Paul-Anton Krüger hat die Geschichte eines dieser Jungen, des heute 15 jährigen Abdulrahman al-Krad, in sehr berührender Weise aufgeschrieben.

Wären es nur drei oder fünf Kinder gewesen, hätten die Angehörigen vielleicht aus Angst still gehalten. Aber 18 betroffene Familien reichten, um die erste Großdemonstration in Gang zu setzen. Das Regime ließ die Schüler frei, versprach Reformen und schickte Panzer und Scharfschützen. Dutzende von Demonstranten wurden in den folgenden Tagen erschossen, die Stadt wurde abgeriegelt.

So fing es an. Fünf Jahre später liegen weite Teile des Landes in Trümmern, die Hälfte der Bevölkerung ist geflohen oder im eigenen Land vertrieben, rund eine Million sind in (überwiegend vom Regime verhängten) Belagerungsringen eingekesselt.
Aus dem bewaffneten Widerstand, der anfangs überwiegend aus desertierten Offizieren und Soldaten der syrischen Armee bestand, ist zunehmend islamistischer, aber auch korrupter Flickenteppich von Milizen geworden, die vielerorts einen Zweifronten-Krieg führen: gegen das Regime und gegen den „Islamischen Staat“.
Dazu kommen auf Seiten Assads Revolutionsgardisten aus dem Iran, Hisbollah-Kämpfer aus dem Libanon , schiitische Milizen aus dem Irak und Afghanistan. Auf Seiten der Opposition Waffen, Geld und Ausbilder aus Saudi-Arabien, Katar und den USA – und auf Seiten des IS eine Internationale junger Männer und Frauen für den apokalyptischen Dschihad. Fehlt noch was? Ja. Vier der fünf permanenten Mitglieder des UN-Sicherheitsrates fliegen Luftangriffe auf Syrien – alle im Namen des „Krieges gegen den Terror“.
„Syrien ist zu einem Bananenbaum geworden“, war unlängst auf einem Transparent in Aleppo zu lesen. „Alle wollen drauf klettern.“

Sich die Namen der fast 300.000 Todesopfer anzusehen, würde 19 Stunden dauern. Die BBC hat das errechnet und lässt in einer Online-Präsentation „Life and Death in Syria“ die Namen getöteter Kinder  in einem Balken vor den Augen des Betrachters vorbei laufen.
„Tarrad Fayez al-Abed, a boy from Hama, was killed in a mortar shell attack on April 25, 2012 … Abdulhamid Hamad al-Awak, a boy from Hassakeh was shot and killed on May 7 2012 … Tasnim al-Dumalry, a girl from Damascus, was killed in an explosion on 10 May 2012……“
Die Quelle für diese Angaben ist das Violations Documentation Center (VDC), ein Netzwerk syrischer Aktivisten, die seit Jahren in akribischer und oft lebensgefährlicher Kleinarbeit Namen der Opfer verifizieren.

Seit Ende Februar herrscht eine fragile Waffenruhe in Syrien. Die Betonung liegt auf fragil. Erstens werden Stellungen des IS rund um die Städte Raqqa und Deir ez-Zor weiterhin bombardiert. Zweitens behält sich die syrisch-russische Seite vor, weiterhin gegen „Terroristen“ vorzugehen, worunter sie die gesamte bewaffnete Opposition versteht. In strategisch wichtigen Gebieten wird weiter gekämpft. Aber in weiten Teilen des Landes herrscht seit Jahren zum ersten Mal wieder … Stille. Und seit Ende Februar gehen die Menschen in den Gebieten der Opposition wieder auf die Straße und protestieren.
„Syrien ist schön, ohne Assad wird es großartig“ lautet eine der Parolen.
Oder: „2011, 2012, 2013, 2014, 2015, 2016 – und wir wollen immer noch Freiheit.“
Und immer wieder der Slogan, den die Jungen aus Daraa vor fünf Jahren an die Schulmauer sprühten: „Das Volk will den Sturz des Regimes.“

Man sollte diese erstaunliche Demonstration ungebrochenen Willens nicht gleichsetzen mit absoluter Loyalität der Bevölkerung zu den bewaffneten Gruppen. Es kommt immer wieder zu Konflikten. Weil Zivilisten das Regime und Islamisten verspotten; weil Milizen Lebensmittel horten oder Minderjährige rekrutieren; weil Unbewaffnete vom Krieg völlig zermürbt sind und viele Bewaffnete nichts anderes mehr kennen.
Eher schon ist die neue Welle der Proteste eine Selbstbestätigung, dass es auch noch eine zivile Opposition gibt – und dass diese in Genf gehört werden will bei den Verhandlungen, die jetzt wieder aufgenommen werden sollen.
Russlands Präsident Wladimir Putin hat nun zur Überraschung aller einen Teilrückzug seiner Truppen aus Syrien angekündigt. Eine Finte? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch eine Warnung an Baschar al Assad, dass Moskau nicht ewig an seiner Seite stehen wird. Entscheidend wird sein, ob Russland seine Bombenangriffe endgültig stoppt.

Ein Hauch von Hoffnung ist jedenfalls da.Für mehrere Hunderttausend Opfer kommt er zu spät. Eigentlich hätten die Syrer zum fünften Jahrestag der Revolution den friedlichen Sturz einer Diktatur feiern sollen. Diese Option war möglich. Das sollte man nicht vergessen und sich von niemandem ausreden lassen.
Zu denen, die diese Vision immer wieder beschworen haben, zählte Mohamed Baschir al-Ani, einer der bekanntesten Dichter Syriens. Al-Ani war ein erklärter Gegner des Regimes wie auch religiöser Fanatiker.

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Am 10. März  wurde zusammen mit seinem 20 jährigen Sohn Eyas vom IS in der Provinz Deir ez-Zor exekutiert. Beide waren vor mehreren Monaten von der Terrorgruppe wegen „Apostasie“ verschleppt worden.
Vielleicht kann man das in all der Wut und Hilflosigkeit nur mit dem kommentieren, was al-Ani Zeit seines Lebens so wichtig war. Mit Poesie. Diese Zeilen stammen von dem polnischen Dichter Czeslaw Milosz:

„Do not feel safe. The poet remembers.
You may kill him – another will  be born.
Deeds and words shall be recorded.“

 

 

 

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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