Wo Europa geboren wurde

Tyre, Südlibanon, 20. Februar 2016                                       Der Blick von der Altstadt von Tyre auf das Mittelmeer

Tyre im Süden des Libanon. Der Name kommt vermutlich aus dem Phoenizischen und bedeutet „Felsen“. Auf Arabisch heißt die Stadt Sur, auf Hebräisch Tzor, auf Armenisch Dir. Tyre war mal eine reiche internationale Handelsstadt, was etwa 3000 Jahre her ist. Ihr kostbarster Rohstoff bestand aus der Farbe Lila. Genauer gesagt: Purpur, gewonnen aus den Purpurschnecken des Mittelmeers. Tyres phoenizische Händler zählten zu den ersten, die sich weiter ins Mittelmeer hinaus wagten, in die Ägäis, nach Nordafrika, an die Küste Spaniens.

Alexander, der Große, Nebukadnezzar, römische Feldherren, christliche und muslimische Kreuzzügler, Mamelucken, Osmanen und schließlich Franzosen haben die Stadt belagert oder zerstört oder wieder aufgebaut oder besetzt – oft auch alles zusammen. Zwischendurch soll Jesus hier Wunderheilungen vollbracht haben, was den Lauf der Geschichte bekanntlich nicht befriedete.

Heute kann man zwischen römischen Ruinen, islamischen Friedhöfen, Kirchtürmen und den Märtyrer-Bildern der Hisbollah spazieren gehen. Mehrere Jahrtausende Geschichte auf ein paar Quadratkilometern. Männliche Geschichte, wohl gemerkt. Die Spuren der Frauen sind nirgendwo aufgezeichnet. Mit einer Ausnahme: In der griechischen Mythologie ist Tyre der Geburtsort der Europa, die von Zeus, als Stier verkleidet, nach Kreta entführt wird.

Jetzt, im Jahr 2016, macht Tyre gerade Pause. Der letzte Krieg – zwischen der Hisbollah und Israel – ist zehn Jahre her. Die ganz großen Krisen spielen sich derzeit im Nachbarland Syrien ab, die Fluchtrouten der Vertriebenen führen anderswo entlang. Und Wunderheilungen hat hier auch schon länger niemand mehr vollbracht.
Tyre ist wunderbar still. Abends im Hotel hört man nur das Meer.

 

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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