Gipfelkreuz und Märtyrerwald

So schön und unschuldig kann Natur sein. Oder die Photos, die sie abbilden. Einmal in der Woche raus aus Beirut ins Libanon-Gebirge. Richtung Qurnat as-Sauda, mit 3088 Metern der höchste Gipfel. Oder Richtung Jebel Sannine (2630 Meter). Ab Dezember sind sie mit Schnee bedeckt, und im Libanon beginnt die Ski-Saison.

Als Alternative zur Ökosauerei mit Ski-Liften und Beton-Chalets bieten inzwischen einige  Sport-und Naturfreunde Schneeschuh-Touren an. Nicht auf die ganz großen Gipfel, denn dafür reichen weder die Zeit noch die Kondition der Wanderer. Aber auf die kleineren. Am Sonntag früh Morgens in Beirut in den Bus steigen – und drei Stunden später steckt man im Tiefschnee und hat einen Blick wie diesen. Wald der Märtyrer 2

Bloß ist im Libanon eben gar nichts unschuldig. Nicht einmal die Natur. „Wald der Märtyrer“ heißt diese Ansammlung von Zedern bei Qanat Bakich, gepflanzt nach dem libanesischen Bürgerkrieg in Gedenken an gefallene Kämpfer. In diesem Fall christliche Milizionäre der „Lebanese Forces“.

Den Exkurs in die verwirrenden Fronten dieses Krieges ersparen wir uns hier. Nur so viel sei gesagt: Für Generäle und Kriegsherren ist der Jebel Sannine kein erhabener Gipfel, sondern ein strategisch wichtiger Punkt, von dem aus man die gesamte Bekaa-Ebene zwischen dem Libanon-Gebirge und der syrischen Grenze im Blick hat. Samt der Nachschubrouten für diverse Kriegsparteien. Anfang der 80er Jahre fanden in dieser Gegend verheerende Kämpfe zwischen Christen-Milizen und der syrischen Armee statt.

Anders als in den Alpen, wo man bis heute auf Unterstände und verrostete Geschütze aus den Weltkriegen stößt, habe ich bei meinen Touren im Libanon-Gebirge bislang noch keine Reste von Kriegsmaterial gefunden. Trotzdem ist der Krieg sogar hier, auf 2000 Meter Höhe, viel näher. Zeitlich wie geografisch. Der libanesische Bürgerkrieg ging vor 26 Jahren zu Ende und der syrische ist voll im Gang. 40 Kilometer Luftlinie entfernt vom Jebel Sannine liegen die syrischen Orte Zabadani und Madaja, zwei Namen, die für die Grauen im Syrien des Jahres 2016 stehen.

Wenn man über die Schnee bedeckten Hänge wandert, muss man also nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart verdrängen, muss mit völlig leerem Kopf die vollkommene Stille und das Licht genießen.

Gelingt mir das?  Erschreckend leicht. Nur beim Anblick eines Gipfelkreuzes zucke ich inzwischen zusammen. Egal, wie spektakulär schön es in der Landschaft steht.

Gipfelkreuz

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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Eine Antwort zu Gipfelkreuz und Märtyrerwald

  1. Christine Berger schreibt:

    Das Grauen lauert überall …

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