Ode an den Papercup

Oase, Oasis. Bezeichnete einst einen fruchtbaren Flecken Erde mitten in der libyschen Wüste. Wahrscheinlich stammt das Wort aus dem ägyptischen Sprachraum und heißt schlicht: bewohnter Ort.
Dann wanderte der Name ins Griechische: óasis. Von dort weiter in andere Sprachen und in unsere Köpfe, die bei seinem Klang sofort Bilder von blühenden Palmenhainen in der Wüste aufrufen. Und die Sehnsucht nach einem Zustand: Stille.

Was ist eine Stadt ohne Oasen? Ein bewohnter, aber unbewohnbarer Ort. Was ist eine Oase in einer Stadt? Ein Ort, der atmet. Der für alle zugänglich ist, egal aus welchem Viertel sie kommen, welcher Konfession oder Schicht sie angehören. Ein Ort, an dem nicht konsumiert werden muss.

Davon gibt es in Beirut nicht viele. Die Stadt wurde nach dem Bürgerkrieg wieder auf- und zugebaut, Promenaden entlang des Meeres privatisiert. Die meisten großen Plätze, Parks oder Märkte sind Hochhäusern und Shopping Malls gewichen. Die wenigen, die geblieben sind, werden von den Leuten manchmal gegen Immobilienhaie verteidigt, manchmal resigniert aufgegeben.

Meine Oase in Beirut? Es gibt mehrere. Eine heißt Papercup. Ein langer schmaler Raum, mit gefliestem Boden, drei Kaffee-Tischen und ein paar Stühlen. Schön, aber unauffällig genug, um nicht von den Regalen voller Bücher und Zeitschriften abzulenken. Ein exquisiter Buchladen, in dem man stundenlang lesen kann und nichts kaufen muss.
Es gibt kein Internet im Papercup. Dafür umso mehr bedrucktes Papier. Bücher über Malerei, Design, arabische Kalligraphie, Architektur oder die Geschichte der Karawansarei.

„Banksy in New York“. Abbas Kiarostamis betörender Photoband „Images, Still and Moving“. Lamia Ziadé’s „O Nuit, o mes yeux“, halb Graphic Novel, halb Geschichtsbuch des vergangenen Jahrhunderts über Stars und Ikonen, Mächtige und Ohnmächtige, Zäsuren und Umstürze in den Metropolen Kairo, Beirut, Damaskus und Jerusalem.
Die Kataloge der aktuellen Ausstellungen im New Yorker MoMA, im Pariser Centre Pompidou oder der Londoner Tate-Gallery. Bände von und über Louise Bourgeois, Richard Serra, Diane Arbus, Matisse. Und die neueste Ausgabe des „Outpost“, das Englisch-sprachige „magazine of possibilities“, eine unendliche Entdeckungsreise arabischer AutorInnen durch Geschichte, Gegenwart und Zukunft der arabischen Welt. Garantiert nicht online.

Alles, scheinbar einfach alles, ist da, um den Wahnsinn der Gegenwart für ein paar Stunden auf Distanz zu halten. Ich hätte nie geglaubt, dass ich mich mit Wonne in einen Bildband über skandinavisches Möbel-Design flüchten kann.
Der Zauber des Papercup hält. Immer noch. Die Leute senken ihre Stimmen, wenn sie ihn betreten. Und ihre Gesichter entspannen sich.

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Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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Eine Antwort zu Ode an den Papercup

  1. Inge Kaspar-Böhm schreibt:

    Das tut gut, solch entspannende Geschichten aus einer alles andere als entspannenden Stadt zu lesen. So bekommt man doch einen etwas anderen Eindruck von einem Alltag, der möglich ist in einer gefährdeten Stadt. Bitte mehr von solchen Geschichten.
    Inge K.-B.

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