Die Stadt, der Staat und der Müll

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Da geht man ganz entspannt die Rue Pasteur im Beiruter Kneipenviertel Gemmayzeh entlang und bleibt wie angenagelt vor diesem Graffiti stehen. Erschrickt, weil der Polizist aus der Mauer heraus auf die Straße zu springen scheint. Denkt: „Holy Shit, war Banksy hier?“

War er nicht. Aber es gibt inzwischen viele, die Banksy, das geniale Phantom der politischen Street Art, inspiriert hat. Und es gibt in Städten wie Beirut genug Wut, um ganze Stadtteile voll zu sprühen. Ich weiß nicht, wer dieses Bild geschaffen hat, weiß auch nicht, wann. Irgendwann im Herbst ist es mir zum ersten Mal aufgefallen. Es assoziiert Szenen von Demonstrationen in Kairo, aber eben auch Szenen von Protesten in Beirut. Es zeigt die Wut auf einen dysfunktionalen Staat, der funktional genug ist, um drauf zu schlagen, wenn die Proteste gegen diese Dysfunktionalität zu gefährlich werden. „Von Euch, für Euch, auf Euch“ steht links neben dem Bild.

Rückblende: Im vergangenen Sommer wurde in Beirut der Müll nicht mehr abtransportiert. Die Deponie außerhalb der Stadt, angelegt auf eine Laufzeit von sechs, aber seit 18 Jahren in Betrieb, war von wütenden, mit Haut-und Atemwegserkrankungen geschlagenen Anwohnern per Sitzblockade still gelegt worden. Die Beirutis röchelten daraufhin bei über 30 Grad im Gestank von Meter hohen Abfallbergen in den Straßen.

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Beirut, Mar Mikhael im Juli 2015

Zehntausende protestierten – mobilisiert durch die „You-Stink“-Kampagne. Die herrschende Elite schiitischer, sunnitischer, christlicher und drusischer Politiker-Paten erschrak für einen Moment, weil die Leute sich nicht mehr um ihre konfessionelle Zugehörigkeit scherten, sondern nur noch um den Müll. Und der Müll war plötzlich nicht mehr nur der Müll, sondern Sinnbild für einen Staat, den die politische Elite verwaltet wie eine Beutegemeinschaft.

Die Müllentsorgung ist im Libanon wie die Versorgung mit Strom und Trinkwasser ein quasi-privatisiertes Geschäft, das nach dem mafiotischen Prinzip der Erpressung funktioniert. Es gibt keine Ausschreibungen, um die kostengünstigste und effektivste Firma zu ermitteln. Das Geschäft mit den öffentlichen Dienstleistungen – oder der Vorenthaltung derselben – ist zwischen den konfessionellen Machtblöcken, also den früheren Bürgerkriegsfraktionen, aufgeteilt. Sehen diese ihre Bedürfnisse nicht befriedigt, blockieren sie die Dienstleistung.

Am Beiruter Müll verdient seit über 15 Jahren die Firma „Sukleen“, die gute Verbindungen ins sunnitische Lager unterhält. Sie kassiert für jede abtransportierte Tonne Abfall fast 200 Dollar – ein Rekordpreis im internationalen Vergleich.
Mülltrennung und Recycling finden nicht statt, weil diese das Gewicht und damit die Einnahmen reduzieren würden. Die Lohnkosten von „Sukleen“ halten sich in Grenzen. Das Unternehmen beschäftigt fast ausschließlich Billiglöhner aus Bangla Desh, Pakistan und Sri Lanka.

Im Januar 2016 gibt es immer noch keine neue Deponie, geschweige denn ein Entsorgungskonzept, das halbwegs den Standards des 21. Jahrhunderts entsprechen würde. Nach den Sommer-Protesten wurde der Müll zunächst wochenlang am Stadtfluss abgeladen. Also bei mir um die Ecke.
Und jetzt ? Jetzt kursieren sehr libanesische Lösungsvorschläge. Zum Beispiel die konfessionelle Mülltrennung: Eine Deponie für die Sunniten, eine für die Schiiten, eine für die Christen, eine für die Drusen… usw.
Oder der Abfall-Export in ein noch nicht bekanntes Land. Zeitungen berichteten, das westafrikanische Sierra Leone sei zur Aufnahme der Beiruter Abfallberge bereit, was die Behörden in Sierra Leone umgehend dementiert haben.

Beirut ist halbwegs sauber, der Protest für’s erste verpufft. Bei Fahrten durch die ärmeren Vorstädte sehe ich immer mehr wilde Müllhalden an Straßenecken, auf Parkplätzen. Nach heftigen Regenfällen schwimmt der Abfall dort durch die Straßen. Umweltschützer (oh ja, die gibt es hier) warnen vor verseuchtem Wasser und Luftverschmutzung durch abgebrannte Abfallberge.

Ein Staat, der seinen Bürgern den Müll vor die Füße kippt, begeht fortgesetzte Körperverletzung. Man stelle sich vor, aus dem Graffiti in der Rue Pasteur werden bewegte Bilder. Der Mann am Boden steht auf und schlägt zurück. Was ist das dann? Gewalt gegen den Staat? Oder seine Rückeroberung?

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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