Beiruter Underground – oder: Musik zwischen den Welten

„Radio Beirut“ ist mein Prozac. Gut gegen politische Verzweiflung, gegen Wutanfälle, Zynismus und andere Symptome, die die aktuelle Weltlage so mit sich bringt. „Radio Beirut“: Kneipe, Radio-Station, Live-Bühne für Spitzenmusiker und Geheimtipps. Für Bands, die Welten zusammenbringen, die sich eigentlich nicht kennenlernen wollen.

Ein kleiner Laden in Rue Armenie im Osten der Stadt, von den Wänden blicken die beiden Säulenheiligen der arabischen Musik herab: die ägyptische Grand Dame Umm Kulthum und Fairouz, Libanons große Diva und „Mutter der Nation“. Umm Kulthum und Fairouz  sind für die arabische Welt, was die Callas, Edith Piaf, Judy Garland und Joan Baez für das amerikanisch-europäische Musikpublikum darstellen. Im Gegensatz zu jungen Westlern kennen junge Araber ihre Ikonen vergangener Jahrzehnte.
Umm Kulthum, gestorben 1975, neben einer Platte von Acid Arab, dem Pariser DJ-Duett – das beschreibt das musikalische Konzept von „Radio Beirut“ ziemlich gut: Respekt, wem Respekt gebührt.

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Plattensammlung im Radio Beirut

Hier traten am vergangenen Sonntag Paed Conca, ein begnadeter Klarinettist aus der Schweiz, und Sarigama, eine Band von Musikern aus Sri Lanka auf. Eine verdammt gute Gelegenheit, die eigenen Hörgewohnheiten durchzuschütteln.
Einen Schweizer Musiker in Beirut kann man sich vorstellen.

Aber wie kommt eine sri lankische Band hierher ?

Als Gastarbeiter. Als Teil jenes Heeres von asiatischen Billiglöhnern, die in Katar, Saudi-Arabien, Jordanien, Kuwait oder im Libanon den Müll einsammeln, Restaurants putzen, Kinder betreuen, den Haushalt führen, Fußball-Stadien oder Apartmentblocks bauen. Ausgestattet mit kurzfristigen Visa, meist völlig abhängig vom Gutdünken ihres Arbeitgebers. Missbrauch und Ausbeutung sind weit verbreitet, der Widerstand dagegen inzwischen auch.
Eigentlich sollten die migrants und die domestic workers außerhalb ihrer Arbeit unsichtbar bleiben. Aber sie haben sich ihre Netzwerke, ihre Routen und Treffpunkte geschaffen. In Beiruter Nachbarorten wie Jounieh und Dora gibt es heute bengalische Klamotten-Läden und sri lankische Gewürzmärkte. Die äthiopischen Hausangestellten haben Nachschubwege für ihr heiß geliebtes Khat organisiert. Die Philippinas singen sich jeden Sonntag in den katholischen oder evangelikalen Kirchen  das Heimweh von der Seele. Und die Mitglieder von Sarigama nutzen ihre wenige Freizeit, um abends in einem Hinterzimmer in Jounieh zu üben. Pradeep und Kasun am  Schlagzeug, Thilina an den Keyboards, Chama am Bass.

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Thilina (r.) und Pradeep im Radio Beirut

Dort hat sie Ilaria Lupo entdeckt, eine italienische Künstlerin, die seit Jahren den Beiruter Untergrund erkundet. Eben jene Netzwerke, Fusionen und Schleichwege zwischen Raum und Zeit, die die meisten von uns – Journalisten wie mich eingenommen – nie wahrnehmen. Leser dieses Blogs kennen Ilaria Lupo: 2014 arrangierte sie eine Live-Musik-Performance mit syrischen Bauarbeitern auf einer der größten Baustellen Beiruts. Ein akustisch wilder Strich durch das Klischeebild vom Syrer als Flüchtling oder Malocher.

Nun also Sarigama mit ihrer Baila-Musik. Die klingt nach Latino-Rhythmen, die von den beiden Schlagzeugern richtig schnell gemacht werden.

Nächste Frage: Wie kommen Latino-Rhythmen nach Sri Lanka?

Durch Unterdrückung und Ausbeutung. Durch portugiesische Kolonialherren, die im 16. Jahrhundert afrikanische Sklaven nach Sri Lanka brachten, um sie dort als Arbeiter und Soldaten gegen die Singhalesen einzusetzen. Kafrinha und Chicote waren zwei Musikstile der Schwarzen. Daraus wurde über die Jahrhunderte Baila.  Dazu tanzen wiederum einige Epochen später Beiruter Kneipengänger und sri lankische Arbeiter.

Ich fragte mich irgendwann, wie viel die beiden Gruppen von der jüngeren Geschichte ihrer Heimatländer wissen: Die Beirutis vom Bürgerkrieg zwischen Tamilen und Singalesen in Sri Lanka, der 1983 begann und 2009 endete. Die Sri Lanker vom libanesischen Bürgerkrieg zwischen Christen, Drusen und Muslimen, zwischen Einheimischen und palästinensischen Flüchtlingen, der fünfzehn Jahre gedauert hatte. Von 1975 bis 1990.
Wahrscheinlich wenig bis gar nichts. Aber die Beirutis kennen jetzt die Geschichte der Baila-Musik.

„Radio Beirut“ hat eine CD von Paed Conca und Sarigama produziert. „The Overseas Ensemble“. Fünf Songs, in denen sich Baila, Pop und nordafrikanischer Chaabi mischen, und Concas Klarinette manchmal klingt wie ein kurzer Gruß von Goran Bregovic’s Wedding and Funeral Orchestra.

Letzte Frage: Gibt es dafür einen Namen?
Ilaria Lupo nennt es „eine zeitgenössische libanesische Kreation“.


 

 

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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