Der Duke in Beirut – oder: Jazz auf arabisch

Dieses Jahr beginnt mit einer dicken Entschuldigung für die lange Blog-Pause und den besten Vorsätzen, solche nicht mehr entstehen zu lassen. 2015 war welt-, geo- und lokalpolitisch so beladen mit Katastrophen und Krisen, dass mir zuletzt schlicht die Kraft für launige Posts fehlte.

Was soll’s. 2016 wird vermutlich nicht besser – jedenfalls nicht hier zwischen Casablanca und Bagdad. Also muss man sich ein knallrotes „Jetzt-erst-recht“-Banner an die Wand hängen.

Fangen wir das Jahr kontraintuitiv an: Mit etwas Schönem. Dem heutigen Sonntag samt blauem Himmel in Beirut. Raus aus der Stadt Richtung Norden nach Jounieh, dort den kleinen, aber steilen Pilgerweg, genannt Darb Essama (Treppe zum Himmel) hinauf nach Harissa, wo die riesige Notre Dame Kathedrale wie eine ausgezogene Ziehharmonika am Bergrand steht. Soll an einen Vogel im Flug erinnern. Das gelingt den lokalen Paraglidern eindeutig besser.

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Mich hat nicht die Religion gepackt. Ich bin nach Harissa gewandert, um einem großen Meister die Ehre zu erweisen. Duke Ellington spielte 1963 auf einer Tournee durch zehn Länder im Nahen Osten und Südasien auch in Beirut und stattete dem Berg mit seiner gigantischen Marien-Statue einen Besuch ab. Das reichte als Inspiration für ein wunderbares Stück mit dem Titel „Mount Harissa“ auf seinem 1966 erschienen Album „Far East Suite“.

Der Duke zählte damals zu den „Jazz Ambassadors“, die im Auftrag des US-Außenministeriums die kulturelle Überlegenheit der USA gegenüber der kommunistischen Sowjetunion demonstrieren sollten. Die überwiegend afro-amerikanischen „Jazz Botschafter“ machten aus ihren Tourneen jedoch etwas ganz Anderes: eine globale Lehrstunde über Musik als Spiegel der Geschichte eines Befreiungskampfes. Und über die subversive Kunst der Improvisation in den Zeiten ideologischer Propaganda.

Erklären wir also 2016 zum Jahr des Jazz.“Improvisieren heißt Leben“, hat mir vor kurzem der irakische Musiker Karim Wasfi gesagt. Wasfi ist Cellist, liebt Jazz und Mahler und leitet das Irakische Sinfonie-Orchester in Bagdad.  Der Mann versteht also einiges vom Improvisieren als Lebens-und Überlebenskunst. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie kommt demnächst in diesem Blog.

Welcome back!

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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Eine Antwort zu Der Duke in Beirut – oder: Jazz auf arabisch

  1. Matthias Gutjahr schreibt:

    Schön, dass es hier weitergeht! Ich freue mich immer wieder, neue Berichte aus Beirut bzw. der Region zu lesen. Auch wenn die aktuelle Situation nur wenig Positives erwarten lässt. Jetzt erst einmal Spotify starten und die „Far East Suite“ anklicken – Danke für die Inspiration🙂

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