Das Elend der Anderen – oder: wie erzählt man heute Geschichten von Leid und Verfolgung?

60 Millionen Menschen sind auf der Flucht, hat der UNHCR im Juni 2015 verkündet. So viele wie nie zuvor in der Geschichte des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen. Meine Reaktion nach dem Lesen dieser Meldung? Ich kann es nicht mehr hören. Obwohl ich derzeit im Libanon lebe, dessen Einwohnerschaft inzwischen zu über einem Viertel aus Flüchtlingen besteht. Obwohl ich als Journalistin zu denen gehöre, die regelmäßig über Flüchtlingsschicksale berichten, um Aufmerksamkeit, Anteilnahme oder wenigstens Interesse zu erzeugen.
Und jetzt? Overkill, Überreizung, Gewöhnung bis hin zur Gleichgültigkeit?

Wahrscheinlich ein bisschen von allem. Empathie ist eine begrenzte Ressource. Das müssen sowohl wir Reporter als auch die vielen Hilfsorganisationen begreifen, die auf einem immer härter umkämpften Markt um Spenden kämpfen. Also sollten wir öfter anders schreiben, fotografieren, filmen, appellieren. Genauer, beiläufiger,  leiser – und, mit Verlaub, auch komischer.

Hier ein paar Beispiele: Eine ebenso stille wie berührende Geschichte hat die libanesische Fotografin Natalie Naccache mit „Our Limbo“ geschaffen. In einer Kombination aus Bildern, Tagebuch-Notizen und Testimonials erzählen sechs junge syrische Frauen, die zusammen aufwuchsen, wie der Krieg sie über die ganze Welt verstreut hat: Nach Katar, Dubai, in den Libanon, in die USA, nach Großbritannien. Sie alle haben Jobs und ein Dach über dem Kopf. Es geht ihnen besser als der Mehrheit der Flüchtlinge. Doch sie befinden sich „in limbo“, in der Schwebe, und müssen sich selbst und ihre Erinnerungen zu ihrer Heimat machen.

Randa Jarrar hat ihre Biographie gleich selbst in die Hand genommen und einen Roman über ein ägyptisch-griechisch-palästinensisches dickköpfiges Mädchen geschrieben, das es von Kuwait über Umwege in eine Wohnwagensiedlung nach Texas verschlägt. „A Map of Home“ heißt das Buch im englischen Original, „Weiße Lügen“ in der deutschen Übersetzung. Es geht um Flucht, Saddam Hussein, verkorkste Teenager-Lieben, verrückte Verwandte, und es kommt keine einzige Hilfsorganisation darin vor.

Hin und wieder kann man auch beschreiben, wo Flüchtlinge und Einheimische miteinander klar kommen und wo Flüchtlingspolitik funktioniert. Auf ZEIT-Online haben wir solche Beispiele gesammelt. Nicht, weil wir verzweifelt nach den wenigen guten Nachrichten inmitten der Katastrophen suchen, sondern weil sie Teil der Realität ist. In Uganda zum Beispiel, wo der Staat Flüchtlingen Land gibt. Im libanesischen Deir al-Ahmar, wo die Bauern nicht nur Haschisch anbauen, sondern sich auch mit den Syrern arrangieren, die jetzt auf ihren Feldern kampieren. Oder in Hamburg, wo man Flüchtlingen eine ordentliche Gesundheitsversorgung garantiert. Nichts davon geschieht reibungslos, nichts davon geschieht ohne Eigennutz. Gerade deswegen funktioniert es.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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