Warum Beharrlichkeit politisch ist – der Fall des ägyptischen Fotografen Shawkan

Je länger ein Unrecht anhält, desto eher sind wir bereit, es hinzunehmen. Der Protest erlahmt oder verkommt zur leeren Geste, weil er scheinbar doch nichts nützt. Und am Ende sitzt man wieder mit denen an einem Tisch, die das Unrecht zu Recht (oder zur nationalen Pflicht) erklärt haben, und kommt mit ihnen ins Geschäft.

Klingt vielleicht pathetisch, ist aber sehr real – und passt genau auf Ägypten.

Seit Juli 2013 ist Abdel Fatah al Sisi an der Macht, seit Mai 2014 durch eine – nun ja, nennen wir es „kontrollierte Wahl“ legitimiert. Die Opposition der ebenfalls nicht gerade Demokratie versessenen Muslim-Bruderschaft ist buchstäblich zermalmt, und bei dieser Gelegenheit hat Sisi fast die gesamte Szene der säkularen Freiheitsbewegung gleich mit abgeräumt.
Die USA haben inzwischen ihre Waffenlieferungen an Kairo wieder aufgenommen, Wladimir Putin hat Sisi bei seinem jüngsten Besuch gleich persönlich eine Kalaschnikow überreicht. Investoren warten unterdessen auf ihren Anteil an gigantischen Bau-und Infrastruktur-Projekten – inklusive einer neuen Retorten-Hauptstadt. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Sisi zum Staatsbesuch nach Berlin eingeladen.

Ich behaupte nicht, dass ein Total-Boykott Ägyptens die Alternative wäre. Mit diesem Regime jetzt den richtigen Umgang zu finden, ist schwer. Und gerade deswegen ist es absolut notwendig und keineswegs vergeblich, die Namen jener ans Licht zu zerren, die dieses Regime am liebsten verschwinden lassen würde. Einer dieser Namen ist Mahmoud Abou Zeid, Spitzname „Shawkan“, 27 Jahre alt, freier Pressefotograf und seit über 600 Tagen ohne Anklage im Gefängnis. Vor wenigen Tagen erst verlängerte ein Kairoer Gericht die Untersuchungshaft für ihn und Dutzende weitere Angeklagte um weitere 45 Tage.

images

Mahmoud Abou Zeid, alias Shawkan ©rorypecktrust.org

Leser dieses Blogs erinnern vielleicht die Hintergründe seines Falls:
Shawkan war am 14. August 2013 während der Räumung der Protestcamps von Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi verhaftet worden. Dabei waren Hunderte von Demonstranten getötet worden.
Der Fotograf arbeitete für die Onlineagentur Demotix, seine Bilder sind unter anderem im Magazin Focus erschienen, dessen damalige Kairoer Reporterin Julia Gerlach sich im Mai 2014 mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit wandte.
Anklage wurde bis heute nicht erhoben. Der ursprüngliche Vorwurf, Shawkan sei bewaffnet auf Seiten der Muslimbrüder gegen die Polizei vorgegangen, wurde nie belegt – und ist offensichtlich absurd. Shawkan, so schrieb Gerlach, habe seinerzeit im Juli 2013 den Sturz Mursis so ausgiebig gefeiert, dass er seine Fotos zu spät an die Münchner Redaktion schickte. (Dass er trotzdem ein ziemlich guter Fotograf ist, kann man hier sehen).

Ob er Opfer einer gezielten Kampagne gegen Journalisten oder einfach nur der berüchtigten ägyptischen Justiz ist, lässt sich schwer sagen. Vermutlich spielt beides eine Rolle: das Misstrauen ägyptischer Behörden gegenüber unabhängigen Journalisten, vor allem Freiberuflern, und die kafkaeske Willkür der Gerichtsbarkeit, hinter deren Mauern Häftlinge buchstäblich verschimmeln.

Shawkan leidet zunehmend an physischen und psychischen Problemen – in Anbetracht der Haftbedingungen kein Wunder. Amnesty International und das Committee to Protect Journalists (CPJ) dokumentieren auf ihren jeweiligen Webseiten die Briefe, die er aus dem Gefängnis geschickt hat. „Meine Leidenschaft ist die Fotografie“, schrieb er zuletzt. „Und dafür bezahle ich jetzt mit meinem Leben.“

Wenn Abdel Fatah al Sisi demnächst im Berliner Bundeskanzleramt empfangen wird, kann man nur hoffen, dass der Name Mahmoud Abou Zeid, alias Shawkan, bei Angela Merkel auf der Themenliste steht. Aber vielleicht werden sie ja ein paar Demonstranten und Pressekollegen daran erinnern.
#FreeShawkan – auf diesem Twitter-Account erfährt man alle Neuigkeiten.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
Dieser Beitrag wurde unter Presse(un)freiheit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s