Vom Libanon nach Liberland – Europas Flüchtlingsdebatte von der anderen Seite des Mittelmeeres betrachtet

Neulich in meinem Büro in Beirut:
„Wo ist Liberland“, fragt Sam, mein syrischer Dolmetscher.
„Wo ist was?“
„Die Freie Republik Liberland. Muss irgendwo bei Euch liegen.“
‚Bei Euch‘ heißt: Europa.

Ich setze einen Kaffee auf, Sam googelt und macht ein triumphierendes Geräusch. Er hat Liberland gefunden: Laut Wikipedia ist die „Freie Republik Liberland“ ein „neu gegründeter fiktionaler Mikro-Staat“. Sieben Quadratkilometer irgendwo zwischen Serbien und Kroatien. Der Staatsgründer, ein gewisser Vit Jedlicka, hat CNN ein Interview gegeben, womit Liberland zumindest medial offiziell anerkannt ist. Er nimmt derzeit Bewerbungen für die Staatsbürgerschaft entgegen. Arabische Medien berichten, es seien auch erste Asylanträge aus Ägypten, dem Irak und dem Sudan eingegangen.

„Syrer! Auf nach Liberland!“ deklamiert Sam. Ich wende ein, dass Liberland offenbar so fiktional ist, dass es noch nicht einmal einen Flughafen oder Straßen hat.
„Das“, sagt Sam, „stört einen Syrer überhaupt nicht.“ Ein fiktives Land könne manchmal ein viel attraktiveres Fluchtziel sein als ein reales.

Laut Wikipedia liegt der Mikro-Staat an der Donau. Wir fahren mit dem Finger auf der Landkarte eine neue Fluchtroute vom Libanon nach Liberland ab: von Beirut Richtung Norden, dann mit dem Schiff in die Türkei, von dort ans Schwarze Meer zum Donau-Delta und weiter flussaufwärts.
Die Website von Liberland zeigt eine blonde, gut aussehende Frau und einen angegrauten gut aussehenden Mann und wirkt wie eine Online-Paar-Vermittlung. Ein User des Liberland-Forum erklärt (angeblich) im Namen von Präsident Jedlicka, dass „Syrer, Araber, Kurden, Russen und Chinesen“ nicht willkommen seien.
„Syrern“, sagt Sam und grinst, „ist es völlig egal, ob man sie haben will oder nicht.“

Wir haken das Thema ab und wenden uns wieder der Realität und unserer Arbeit zu: Sam durchforstet arabische Medien und Facebook-Seiten nach den jüngsten Horror-Meldungen aus dem syrischen Bürgerkrieg; ich schreibe mal wieder etwas über den Libanon und die Frage, wie es in einem Land aussieht, das es mit einer wirklichen Flüchtlingskatastrophe zu tun hat. Nachzulesen in der ZEIT Nr. 17/2015.
Oder hier.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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