Garissa und Lausanne – oder: Schlimme Waffen, coole Waffen

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Ein Sturmgewehr als Schlüsselanhänger – beliebtes Souvenir im Libanon

Der Zufall kann entlarvend sein. Es ist Zufall, dass an diesem Freitag, der auch noch ein Karfreitag ist, diese beiden Ereignisse Schlagzeilen machen: In Lausanne haben sich die Außenminister Irans, der fünf Veto-Mächte des UN-Sicherheitsrats und Deutschlands auf ein Rahmenabkommen zur Verhinderung eines iranischen Atomwaffenprogramms geeinigt. Die Betonung liegt auf „Rahmen“, denn das ist erst die Vorstufe zu einem endgültigen Vertrag. Aber nichts desto trotz ein enormer Schritt zu einem historischen Erfolg gegen die Verbreitung von Atombomben. Also von Massenvernichtungswaffen.

In Garissa, im Nordosten Kenias, hat ein Kommando der Terrormiliz Al Shabab an der dortigen Universität ein Massaker angerichtet. Nach Berichten von Überlebenden sollen die Attentäter gezielt Christen ermordet haben, bevor kenianische Sicherheitskräfte den Campus stürmten und offenbar alle Täter erschossen. Mindestens 147 Menschen starben. Noch weiß niemand, ob Al Shabab für alle Opfer verantwortlich ist. Kenias Armee und Polizei stehen nicht in dem Ruf, professionell und mit Rücksicht auf Zivilisten vorzugehen. Doch Al Shabab versucht schon seit Jahren, jeden mörderischen Rekord mit dem nächsten Anschlag zu überbieten – in Somalia, ihrem eigentlichen Aktionsgebiet, oder im benachbarten Kenia.
Die Waffe ihrer Wahl ist das Sturmgewehr, im Jargon der Experten unter der Kategorie „Kleinwaffen“ verbucht. „Small Arms“– das klingt harmlos. Tatsächlich zählen sie zu den tödlichsten Waffen überhaupt.

Jährlich sterben durch Schussverletzungen schätzungsweise 300.000 Menschen, die meisten in den von Drogenkriminalität geplagten Ländern Lateinamerikas, viele in den Konfliktgebieten Afrikas, immer mehr in den Kriegen in Syrien und Irak. Und immer mehr von ihnen sind Zivilisten, im Jargon der Rüstungsindustrie „Weichziele“ genannt.
Die deutsche Firma Heckler & Koch ist im Geschäft mit den Kleinwaffen gut mit dabei. Ihre G-3 Gewehre wurden und werden ganz offiziell in Staaten wie Ägypten, Bahrein, Indonesien, Saudi-Arabien und die Türkei geliefert. Andere Länder bauen sie in Lizenz nach – auch solche, die weder für die Einhaltung der Menschenrechte, noch für eine deeskalierende Außenpolitik bekannt sind. Zum Beispiel Pakistan und Iran.

Doch kein Gewehr erfreut so anhaltender und großer Beliebtheit wie die Kalaschnikow, einst Massenexportartikel der Sowjetunion, heute nicht mehr nur Waffe, sondern auch Kult-Symbol und Ausweis von Heldentum und Männlichkeit. Omnipräsent im Irak, in Somalia, im Sudan, im Jemen, in Iran, in Syrien.
Iran’s Militärhilfe in Form von Geld, Waffen, Kämpfern und Beratern hält seit vier Jahren den syrischen Diktator Bashar al Assad an der Macht. Das kostet Milliarden Dollar, die sich sich Teheran aufgrund der Sanktionen wegen seines Atomprogramms kaum mehr leisten kann.
Werden die Sanktionen demnächst aufgehoben, ist das eine grenzenlose Erleichterung für die iranische Bevölkerung. Es ist auch eine Erleichterung für die Hardliner der iranischen Außenpolitik, die regionale Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten anheizen und Kriegsverbrecher wie Assad stützen. Unter anderem mit „Kleinwaffen“.

So schließen sich die Kreise. Auch die teuflischen.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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