Das Gedächtnis der syrischen Revolution

Kunst in Zeiten des Horrors und des Krieges – ist das Hilflosigkeit oder Widerstand? In Syrien, wo das Regime Abertausende mit Fassbomben, Folter und Belagerungsringen tötet, wo der Islamische Staat Dissidenten kreuzigt und Minderheiten auszulöschen versucht, wo Rebellen Wohnviertel beschießen – können dort Phantasie, Sarkasmus und Kreativität noch irgendetwas bewirken? Ein Blick auf dieses Bild von der Facebook Seite „Syrian Messages“ – und die Antwort ist klar.

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Hunger als Waffe. In Syrien haben das Assad-Regime, wie auch der Islamische Staat und einige Rebellengruppen Tausende von Zivilisten durch Belagerungsringe von der Versorgung mit Wasser und Nahrung abgeschnitten.

Kunst kann kein Verbrechen verhindern, aber sie kann Zeugnis ablegen – derzeit vielleicht sogar eindringlicher als journalistische Berichte über die Kriegsgewalt, an die sich die Öffentlichkeit längst gewöhnt hat.
Und sie erinnert an etwas, was wir Journalisten fast völlig vergessen haben: In Syrien gibt es immer noch zivilen Widerstand, der von nichts anderem lebt als dem Mut und der Kreativität der Syrer.

Die Graphik-Designerin Sana Yazigi, oppositionelle Aktivistin zu Beginn der syrischen Revolution vor vier Jahren, inzwischen im Exil in Beirut, setzt all diesen AktivistInnen ein tägliches Denkmal mit ihrer Website „Creative Memory of the Syrian Revolution„. Sie ist digitales Gedächtnis des Aufstands gegen die Assad-Diktatur, Internet-Archiv, Live-Kommentar zum täglichen Überlebenskampf, zu dem auch Kalligraphie, Graffiti, Theater, Comics, Bildhauerei, Poesie, Videos und Podcasts gehören. Das passt so gar nicht zur dominierenden Wahrnehmung Syriens als Land der Kalaschnikows und Massengräber. „Aber“ sagt Yazigi, „man kann unsere Geschichte nicht einfach auf die Gewalt von Armee, Milizen und Rebellen reduzieren.

Die Website umfasst inzwischen 5.000 Links und Dokumente. Darunter die Bilder vom „Fluss-Marathon“, einem Langstreckenlauf im Dezember 2014 im umkämpften Aleppo zum Gedenken an Folteropfer des Regimes; die Transparente des Medien-Büros der Stadt Kafranbel, das seit Anfang 2011 jeden Freitag demonstriert – trotz Luftangriffen des Regimes und religiösem Terror durch den „Islamischen Staat“.
Unter der Rubrik „Graffiti“ finden sich pathetische Märtyrerparolen aber auch Galgenhumor, gesprüht an die Tafel eines zerstörten Klassenzimmers: „Wir haben uns im Spaß immer gewünscht, dass mal einer die Schule bombardiert. Jetzt ist es wirklich passiert.“ Unter der Rubrik Theater sind Interviews und Doku-Videos über „Antigone in Syria“ verlinkt, einer Interpretation des griechischen Dramas von syrischen Flüchtlingsfrauen.

Wer mehr über Sana Yazigi und ihr Projekt lesen will, hier mein Portrait über sie, erschienen auf ZEIT-Online.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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