Glück und Angst – zur Freilassung des Al Dschasira-Journalisten Peter Greste

Welch ein tolles Bild, welch eine Erleichterung, diesen Mann nicht mehr hinter Gittern zu sehen. Nach einem bizarren Schauprozess vor einem Kairoer Gericht und 400 Tagen im Gefängnis wurde der Al-Dschasira-Journalist Peter Greste am Sonntag aus dem Gefängnis entlassen. Genauer gesagt: als unerwünschter, weil „straffälliger“ Ausländer in seine Heimat Australien abgeschoben. Diese Details waren ihm zunächst völlig egal. So fühlt sich Freiheit an:

Peter Greste in Freiheit
Der Prozess gegen die drei Al-Dschasira-Journalisten – neben Greste seine Kollegen Baher Mohamed und Mohamed Fahmy – hat wie kaum ein anderes Verfahren internationale Aufmerksamkeit und Proteste auf den alten, neuen Autoritarismus gelenkt, der sich in Ägypten wieder breit gemacht hat. Die Errungenschaften des Kairoer Frühlings sind abgeräumt wie Theaterkulissen, Grundrechte wurden massiv eingeschränkt, die Gefängnisse sind voll – nicht nur mit Anhängern der Muslim-Bruderschaft, die inzwischen zur terroristischen Vereinigung erklärt worden ist. Sondern auch mit Aktivisten der Demokratiebewegung und Journalisten. Jedenfalls solchen, die ihren Job ernst nehmen statt Selbstzensur zu üben.

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Fahmy, Greste und Mohamed (v. links n. rechts) im Käfig des Kairoer Gerichtssaales

Und genau da wird die Freude über Grestes Freiheit bitter. „Glück und Angst“ habe er beim Verlassen des Gefängnisses empfunden, sagte Greste. Glück über das Ende seines Alptraums (das Gericht hatte ihn und seine Kollegen zu sieben bzw zehn Jahren Haft wegen „Verbreiten falscher Nachrichten“ und „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“, nämlich der Muslim-Bruderschaft verurteilt). Angst um seine beiden Kollegen.

Mohamed Fahmy wird wohl ebenfalls entlassen: er besitzt einen kanadischen Pass und hat seine ägyptische Staatsbürgerschaft vor einigen Tagen aufgegeben, um wie Greste als „unerwünschter Ausländer“ abgeschoben werden zu können. Baher Mohamed aber ist „nur“ Ägypter. Seine Familie fürchtet, dass er Jahre im Gefängnis bleibt – und dass die internationale Aufmerksamkeit nach der Freilassung der beiden „internationalen“ Kollegen schwindet.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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