Je suis Charlie in Beirut

Beirut, Sonntag Nachmittag. Einige Hundert Menschen haben sich auf dem Samir-Kassir-Platz versammelt, um der Opfer der Terroranschläge von Paris zu gedenken.

Die Stadt hat mit Terroranschlägen reichlich Erfahrung – auch und besonders gegen Vertreter der Presse. Während des libanesischen Bürgerkriegs von 1975 bis 1990 wurden zahlreiche Journalisten ermordet, andere, darunter viele Ausländer, entführt. Der amerikanische Reporter Terry Anderson, 1985 (vermutlich von der Hisbollah oder dem schiitischen Islamic Jihad) gekidnappt, verbrachte über sechs Jahre in Geiselhaft.

Auch nach Ende des Bürgerkriegs wurden Journalisten Opfer von Anschlägen. Samir Kassir, nach dem der Platz benannt ist, auf dem am Sonntag die Mahnwache für die Opfer von Paris stattfand, kam im Juni 2005 in Beirut durch eine Autobombe ums Leben. Kassir, Historiker und Autor unter anderem für die libanesische Tageszeitung An Nahar und die französische Zeitung Le Monde Diplomatique, zählte zu Libanons linken, säkularen Intellektuellen. Er war ein scharfer Kritiker des Assad-Regimes in Syrien und dessen Allianz mit der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah. Hinter seiner Ermordung  wird der syrische Geheimdienst vermutet.

Samir Kassir

Auf dem Platz erinnert heute ein Denkmal an ihn. Die Menschen gedachten am Sonntag  nicht nur der Toten von Paris, sondern auch Kassir und den Opfern anderer Attentate im Libanon.
Womit einige dann auch gleich das innenpolitische Minenfeld betraten. Den „Islamischen Staat“ und Hisbollah gleichzusetzen, wie es eine Demonstrantin auf dem Foto oben tat, trifft einen Nerv – und ein Tabu – der libanesischen Debatte. Den einen gilt Hisbollah als heroische Bastion gegen Israel, den anderen als islamistische Übermacht, die nicht nur den Libanon dominiert, sondern in Syrien auch das Assad-Regime unterstützt – und damit dessen Kriegsverbrechen gegen die überwiegend sunnitische Zivilbevölkerung.

Bei aller Erschütterung vieler LibanesInnen über die Anschläge von Paris war ihnen die Verbitterung über die mangelnde internationale Empathie mit ihren eigenen Toten anzumerken. „Warum hat nie jemand eine „Je suis Ali Bazzal“-Veranstaltung organisiert?“, fragte jemand auf der libanesischen Facebook-Seite von „Je suis Charlie“. Bazzal, ein libanesischer Polizist war im Dezember von der radikal-islamistischen Al-Nusra-Front ermordet worden. Der Islamische Staat und Al Nusra halten seit Monaten über 20 libanesische Soldaten und Polizisten im syrisch-libanesischen Grenzgebiet als Geiseln fest. Vier von ihnen haben sie bislang ermordet. In den internationalen Medien findet dieses Drama bislang kaum Widerhall.

Während alle Welt auf Paris sah, folgte der nächste Schock für den Libanon am vergangenen Samstag in der zweit größten Stadt Tripoli. Vermutlich zwei Selbstmordattentäter sprengten sich in einem Café in die Luft, töteten sieben weitere Menschen und verletzen Dutzende schwer. Zu der Tat bekannte sich die Al-Nusra-Front, jener Al-Kaida-Ableger, der in Syrien gegen das Assad-Regime kämpft. Die Opfer sind Angehörige der alawitischen Minderheit in Tripoli’s Stadtteil Jabal Mohsen, von denen viele, wenn auch beileibe nicht alle, dem Assad-Regime nahe stehen.
Mira Minkara, prominente Tripolitanerin, die seit Jahren wunderbare Führungen durch ihre Heimatstadt anbietet (einfach, weil es eine faszinierende Stadt ist UND weil sie damit gegen die Radikalisierung ankämpfen will), ließ ihrer Wut auf Facebook freien Lauf:
„I bet these Frenchies or Lebanese that were so outraged & going crazy by what happened in Paris don’t give a fuck about the 9 dead in Jabal Mohsen tonight by fuckin jihadists.. And no one tells me it is incomparable.
(„Ich wette, all die Franzosen und Libanesen, die so wütend über die Ereignisse in Paris waren, scheren sich einen Dreck um die neun Menschen in Jabal Mohsen, die von abgefuckten Dschihadis umgebracht worden sind. Erzähle mir keiner, das könne man nicht vergleichen.“)

Ganz egal war es der Welt nicht, was da in Tripoli passiert ist. Es gab Statements des UN-Sicherheitsrats, der Obama-Administration und anderer Regierungen, die den Anschlag verurteilten – was immer das in den Augen der Betroffenen wert sein mag.
Aber am Sonntag waren dann alle Blicke und Kameras in der Tat auf Paris und die gigantische Kundgebung gegen religiösen Fanatismus und für ein geeintes Frankreich gerichtet. Mit Recht, denn es war ein historisches Ereignis. Bloß übersahen die internationalen Medien so ein ebenfalls erstaunliches Ereignis in Tripoli. Alle Religionsgemeinschaften, Sekten und Fraktionen verurteilten das Attentat (ok – das tun sie immer, auch wenn eine von ihnen verantwortlich dafür ist). Doch dieses Mal versprach  ausgerechnet der politische Kopf der Sunniten, Saad Hariri, selbst oft Zielscheibe von Hasstiraden der Alawiten, den Wiederaufbau des zerstörten Café’s zu bezahlen.
Diese Geste markiert ganz sicher nicht den Beginn der lange überfälligen Auseinandersetzung mit politischer Gewalt in diesem Land. Aber sie zeigt, wie groß die Angst vor ihrer Eskalation ist. Und Angst macht wachsam – manchmal auch im produktiven Sinn.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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