Nachrichten aus einem überfüllten Land (5): Der Libanon macht die Grenzen dicht

Chalas! In diesem einen Wort steckt die ganze Verzweiflung und Wut der Libanesen. Genug! Schluss! Es reicht!
Nach vier Jahren Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien und der Aufnahme von geschätzten anderthalb Millionen Flüchtlingen hat Libanons Regierung faktisch die Grenzen dicht gemacht. Nicht mit Mauern und Zäunen, sondern mit einer ganz einfachen bürokratischen Hürde: Bislang konnten Syrer umstandslos einreisen und bis zu sechs Monate im Land bleiben, was den sichersten Fluchtweg aus dem Kriegsgebiet bot. Ab jetzt müssen sie ein Visum vorweisen, das nur unter scharfen Kriterien und nur in der libanesischen Botschaft in Damaskus zu erhalten ist. Kriegsflüchtlinge aber haben in der Regel keine Gelegenheit, mal eben noch bei einer Botschaft um ein Visum zu bitten. Schon gar nicht wenn sie aus Gebieten fliehen, die vom Regime kontrolliert werden. Flüchtlinge in „besonders schwerer humanitärer Not“ will der Libanon weiterhin ins Land lassen. Das ist nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Denn in „schwerer humanitärer Not“ befinden sich Millionen Menschen in Syrien.
Inzwischen weist auch die Türkei immer häufiger Syrer an der Grenze ab. Jordaniens Grenzen sind offiziell weiterhin offen, doch in den vergangenen zwei Monaten sind so gut wie keine Syrer mehr ins Land gekommen. Angeblich kooperieren jordanische Behörden  zusammen mit der im Grenzgebiet starken Freien Syrischen Armee (FSA), um Flüchtlinge abzuhalten. Syrien ist für die Zivilbevölkerung nicht mehr nur ein Kriegs-und Katastrophengebiet, sondern auch ein Gefängnis.

Verteilung Bekaa

Die Hilfsorganisation Syrian Eyes verteilt nach einer Spendensammlung von Journalisten warme Kleidung an Flüchtlinge in der Bekaa-Ebene

Niemand, schon gar nicht die europäischen Länder, dürfen den Nachbarstaaten diese „Tür-zu-Politik“ vorwerfen. Den wohlfeilen Versprechen auf internationalen Konferenzen, die Türkei, Jordanien und den Libanon zu entlasten, sind beschämend wenig Taten gefolgt.

Für den Libanon waren die Grenzen der Belastbarkeit schon lange vor der Einführung der Visumspflicht erreicht. Geschätzte sechs Millionen Einwohner hat das Land inzwischen. Rund 1.5 Millionen sind geflohene Syrer. Von denen sind 1.1 Millionen beim UN-Flüchtlingshilfswerk registriert, mehrere hunderttausend leben hier als Billiglohn-Arbeiter, Studenten oder ohne Papiere.
500.000 weitere Bewohner des Libanon sind Palästinenser, deren Camps zum Teil seit 1948 bestehen. Dazu kommen noch einige tausend Vertriebene aus dem Irak.
Bald jeder dritte hat also einen „Flüchtlingshintergrund“. Ein Weltrekord, den kein Land haben möchte. Schon gar nicht, wenn es selbst von konfessionellen wie sozialen Gräben durchzogen ist. Der libanesische Bürgerkrieg liegt gerade einmal 15 Jahre zurück.

Vor diesem Hintergrund ist es schon ein Wunder, dass der Libanon vergleichsweise ruhig geblieben ist. Doch gerade in den ärmeren Regionen rächt sich nun die Politik der Regierung, die anfangs leidlich funktionierte: Die Syrer durften kommen und wurden weitgehend sich selbst überlassen. Sie haben keinen Zugang zu staatlicher Unterstützung oder zum Gesundheitswesen wie in der Türkei. Sie können auch nicht in offiziellen UN-Unterkünften leben wie in der Türkei und Jordanien. Der Libanon will auf keinen Fall die bittere Erfahrung mit den verelendeten und militarisierten palästinensischen Camps wiederholen. Also krochen die meisten Syrer in Stadtrandgebieten, Rohbauten, leerstehenden Fabriken oder improvisierten Zeltcamps unter und boten sich als Billiglohnarbeiter an. Libanesische Unternehmer nutzten das nur allzu gern und setzten höher bezahlte Landsleute auf die Straße.

Die Konsequenzen waren absehbar: Die anfängliche Hilfsbereitschaft der Gastgeber verwandelte sich erst in Frust, jetzt herrscht vielerorts offene Wut. In mehreren libanesischen Gemeinden dürfen Syrer nach 18 Uhr nicht mehr auf die Straße. Schon im vergangenen Jahr kam es zu Attacken gegen improvisierte Zeltlager, mit denen vor allem die Bekaa-Ebene übersät ist. In der Stadt Arsal nahe der syrischen Grenze lieferten sich die libanesische Armee und syrische Rebellen, die die Grenzregion als Rückzuggebiet nutzen, schwere Kämpfe. Dutzende von Flüchtlingen starben. In der nordlibanesischen Kleinstadt Mashha – 6500 Einwohner plus 3500 Flüchtlinge – zerstörten Einheimische vor kurzem eine Zeltunterkunft einer Hilfsorganisation.

Der UNHCR und andere Hilfsorganisationen können die Konflikte nicht wirklich abfedern. Erstens fehlt ihnen das Geld, zweitens will die Regierung in Beirut nichts zulassen, was nach ihrer Ansicht die Syrer zum Bleiben bewegen könnte. Die Folge: Überall entstehen kleine Siedlungen des Elends mit einer Generation von Kindern und Jugendlichen, die seit Jahren keine Schule mehr von innen gesehen haben. Und für die schon ein Schneesturm lebensgefährlich sein kann. Derzeit fegt Sturmtief Zeina über den Libanon hinweg mit strömendem Regen entlang der Küste und Schnee in den höher gelegenen Bergen.

Wintereinbruch im Libanon

Im Laufe dieses Winters sind bereits mehrere Kinder erfroren. Es fehlt an warmen Kleidern, festen Schuhen, vor allem aber an Heizöfen und Feuerholz. Die Menschen würden liebend gern verschwinden – wenn sie nur wüssten, wohin. Dass die Syrer auf Jahre, viele auf Generationen, bleiben werden, ist das große politische Tabu, dass in Beirut niemand aussprechen darf und will.

Denn der brüchige Frieden im Libanon beruht auf einem prekären System der konfessionellen Machtteilung zwischen Schiiten, Sunniten, Drusen und diversen christlichen Gemeinschaften. Das bringen die Flüchtlinge – überwiegend Sunniten – durcheinander. Bedroht fühlen sich nicht nur christliche Gruppen, von denen einige ihre Waffen aus dem libanesischen Bürgerkrieg wieder ölen. Bedroht fühlt sich vor allem die Hisbollah, Libanons schiitischer „Staat-im-Staat“ im Süden des Landes. Die Hisbollah ist in Syrien Kriegspartei. Zusammen mit russischer Rüstungshilfe und iranischen Eliteeinheiten sichern ihre Kämpfer das Überleben des Assad-Regimes. Soll heißen: sie sind maßgeblich für den sunnitischen Flüchtlingsstrom verantwortlich, der in naher Zukunft ihre Vormachtstellung im Libanon gefährden könnte.

Viele syrische Flüchtlinge im Libanon sehen im neuen Visumszwang denn auch die klare Handschrift der Hisbollah – und einen Freundschaftsdienst für das Assad-Regime. Das ist derzeit militärisch massiv unter Druck und zwingt immer mehr Männer ins Militär. Für viele war der Libanon der einfachste und ungefährlichste Fluchtweg, um nicht an die Front geschickt zu werden.
Der ist jetzt versperrt. Es bleibt der Schleichweg in die Türkei. Oder über’s Meer nach Europa.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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Eine Antwort zu Nachrichten aus einem überfüllten Land (5): Der Libanon macht die Grenzen dicht

  1. Georg Ostermayer schreibt:

    Danke für die Beiträge und ein gutes Jahr.
    Passen Sie auf sich auf.

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