Die Schattengesichter von Beirut

Sie tauchen einfach auf, die Gesichter. An den Wänden verfallener Gebäude, zwischen Graffitis, Tags und alten Plakaten, in den Hinterhöfen. Überall dort, wo Beirut seine Narben, Risse und Einschusslöcher noch nicht unter glitzernden Neubauten begraben hat.
Man bleibt unwillkürlich stehen und wartet, dass sie zu reden beginnen.

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Ein Schattenmensch an der Wand der alten Brauerei     „La Grande Brasserie du Levante“, einer Ruine aus dem libanesischen Bürgerkrieg

Barbu Bejan heißt der Mann, der die Beirutis zwingt, auf das Alte, den Verfall, die Ruinen und damit der eigenen Geschichte ins Auge zu sehen. Bejan ist ein 39 jähriger Künstler aus Rumänien, ein Wanderer, wie er selbst sagt, zwischen den Ländern des Balkan, Westeuropas und des Nahen Ostens. Seine Wandgesichter nennt er „h’ombres“, ein spanisch-französisches französisches Wortspiel aus „hombre“ und „ombre“, „Mensch“ und „Schatten“.

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                    Ein „h’ombre“ in der Rue Armenie im Beiruter Stadtteil Mar Mikhael,
aufgeklebt über dem Werbespruch für eine Bar

Bejan hatte sich 2008 in Damaskus niedergelassen, dort gearbeitet und ausgestellt. Dann zwang ihn der Bürgerkrieg aus der Stadt und er wich wie auch viele syrische Künstler nach Beirut aus. Die meisten seiner Schattenmenschen sind in Mar Mikhael zu finden, einem Stadtteil, der gerade gerade in rasantem Tempo gentrifiziert wird. Alte Gebäude, an denen oft noch die Einschusslöcher aus Kriegszeiten, aber auch die Einflüsse von Bauhaus-Architektur zu sehen sind, werden abgerissen und durch moderne, meist einfallslose Apartmenthochhäuser ersetzt. Bejan’s „h’ombres“ wirken wie ein grimmiger Protest gegen die Abrissbirne: Wer dieses Haus einreißt, zerstört auch mein Gesicht – und die Geschichte, die dazu gehört.

 

Mar Mikhael und das benachbarte Bourj Hammoud auf der anderen Seite des Flusses sind die armenischen Viertel im Großraum Beirut. Die meisten Bewohner sind Nachkommen der Flüchtlinge des türkischen Genozids während des Ersten Weltkriegs. Anti-türkische Graffitis erinnern daran – ebenso die jährlichen Gedenkdemonstrationen der Armenier. Bejan hat einen seiner „h’ombres“ genau über ein solches Graffiti gesetzt.

Kunst und Politik

Ein „h’ombre“ über einem Graffiti in Mar Mikhael, das an den Völkermord der Türken an den Armeniern 1915/16 erinnert

An dieser Stelle erscheint es einem wie eine Zeichnung dieser Stadt, in der sich die Epochen der Zuflucht und der Vertreibung wie archäologische Schichten aufeinander gelegt haben.
Die Enkel der Flüchtlinge von einst kümmern sich heute um die armenischen Syrer, die aus dem zerstörten Aleppo nach Mar Mikhael und Bourj Hammoud geflohen sind. Ihnen wird geholfen. Den sunnitischen Syrern aber schlägt immer häufiger Wut und Gewalt entgegen.

 

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„H’ombre“ unter dem Wirrwarr von Stromleitungen eines Mietshauses in Mar Mikhael

Bejan malt seine Schattenmenschen nicht, er sprüht sie auch nicht auf, sondern klebt sie an die Wände. Die ersten blättern bereits wieder ab – zusammen mit dem Putz der Häuser. Und verschwinden irgendwann ganz.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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