Zur Nachahmung empfohlen: eine gemeinsame Initiative britischer Juden und Muslime

Die gegenwärtige Stimmung im Nahen und Mittleren Osten ist mit diesem schmucklosen Graffiti, gefunden in Beirut, knapp und treffend beschrieben:

Unoptimistic

Also suchen wir die guten Nachrichten in Europa: In Großbritannien haben die Verbände der Muslime und der Juden, der Muslim Council of Great Britain und The Board of Deputies of British Jews, einen gemeinsamen – jawohl: GEMEINSAMEN – Friedensappell zum Nahost-Konflikt herausgegeben. Hier der Wortlaut:

There is no doubt that Muslims and Jews have deeply held views about the conflict in Israel and Palestine. We acknowledge that our communities may disagree about the origins, current reasons and solutions to end the conflict. But there are also points of agreement.
The death of every civilian is a tragedy, and every effort should be taken to minimise such losses. The targeting of civilians is completely unacceptable and against our religious traditions. We pray for a speedy end to the current conflict and for a lasting peace for all.
In spite of the situation in the Middle East, we must continue to work hard for good community relations in the UK. We must not import conflict. We must export peace instead.
Whilst everyone has the right to voice their political opinion, be that in a rally or on social media, we must be mindful of how we convey our protest. There can be no excuse for racism, violence, or other forms of intimidation, when expressing views in the media, on the streets, outside shops or online.
We condemn any expression of Islamophobia, Antisemitism  or any form of racism. We call for Muslim and Jewish communities to redouble efforts to work together and get to know one another.
We need constructive dialogue to limit our disagreements and identify the widest possible range of areas for cooperation. There are more issues that unite us than divide us.
May the God of Abraham grant our World more peace, wisdom and hope.

Der Appell wurde unmittelbar nach Verkündung eines langfristigen Waffenstillstandes zwischen Israel und der Hamas veröffentlicht. Der hält. Bislang.

Nicht, dass diese britische Initiative ohne Konflikte zustande gekommen wäre: Beide Seiten stritten offenbar intensiv und lange über den Absatz, der gezielte Angriffe auf die Zivilbevölkerung als Verstoß gegen die  eigenen religiösen Grundsätze verurteilt. Die nun veröffentlichte Formulierung erlaubt es der muslimischen Seite, darunter auch die israelischen Luftangriffe zu verstehen, während die jüdische Seite diese Passage ausschließlich auf die Raketenangriffe der Hamas gemünzt sieht.

Das ist ein gravierender Dissens – und er ist für’s erste egal. Wichtig ist, dass ein muslimischer und ein jüdischer Verband es in einem europäischen Land endlich geschafft haben, gemeinsam die eigentlich selbstverständlichen Regeln der politischen Auseinandersetzung zu benennen: Kein Platz für Anti-Semitismus, Islamophobie und Rassismus jedweder Art – egal wie dramatisch die Lage in Palästina, in Israel oder sonst wo ist.

Und jetzt? Jetzt kommt hoffentlich die uneingeschränkte Unterstützung von Seiten christlicher Kirchen und nicht-religiöser Verbände. Jetzt kommen hoffentlich auch Nachahmer in Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Belgien und überall in Europa. Am besten unter aktiver Teilnahme aller drei Religionsgemeinschaften und allen anderen, die zwar mit Abrahams Gott nichts am Hut haben, denen aber der Horror des Mittleren Ostens nicht egal ist.

Ein Standpunkt, auf den sich Christen, Atheisten, Juden und Muslime in Europa problemlos einigen können sollten: die Solidarität mit der syrischen Zivilgesellschaft, die derzeit zwischen einer Diktatur und Islamisten zerrieben wird. Denn bei allem Entsetzen über den Krieg in Gaza: In Syrien, nicht in Israel/Palästina, entscheidet sich, wie viel unsere Bekenntnisse zu Menschenrechten, und Völkerrecht im 21. Jahrhundert noch wert sein werden.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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