Ägypten: Das gefährliche Leben der Fotografen

An diesem Mittwoch sind es 200 Tage. 200 Tage sitzen die Al Dschasira-Journalisten Baher Mohamed, Mohamed Fahmy und Peter Greste in Ägypten hinter Gittern. Über 2000 stehen ihnen laut Gerichtsurteil noch bevor. Nach einem Prozess, der jeder Beschreibung spottete, waren die drei mit weiteren Angeklagten zu sieben bzw. zehn Jahren Haft wegen der Verbreitung falscher Nachrichten sowie Mitgliedschaft oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, der Muslim-Bruderschaft, verurteilt worden.
Mohamed Fahmy hat nun über seinen Bruder einen Brief an die Presse gegeben: „Im Gefängnis lerne ich, Verzweiflung in tragischen Optimismus umzuwandeln. (…) Ich sehe die weltweite Unterstützung und die anhaltenden Kampagnen als einen Erfolg für uns alle. Egal, ob die Leute demonstrieren, twittern oder einfach nur sagen: Journalismus ist kein Verbrechen.“ Und die Kampagnen gegen in der Tat weiter: Auf Facebook, über amnesty international oder das Kampagnennetzwerk Avaaz.

Ägyptens Präsident Abdel-Fattah al-Sisi erklärte vor wenigen Tagen, dass er die Journalisten lieber nicht auf der Anklagebank gesehen hätte und dass das Urteil sich „sehr negativ“ auf die Reputation seines Landes ausgewirkt habe. Mit aller gebotenen Vorsicht kann man das als Hinweis an die Berufungsrichter verstehen, die den Fall womöglich in zweiter Instanz verhandeln müssen – oder als Andeutung, dass Sisi von seinem präsidialen Recht der Begnadigung Gebrauch machen könnte.

Solche Hoffnungen gibt es für Abertausende anderer Häftlinge in Ägypten nicht – darunter auch einige Journalisten. Der Fotograf Mahmoud Abou Zaid, Spitzname „Shawkan“, sitzt seit fast einem Jahr im Kairoer Tora-Gefängnis. Er war am 14. August 2013 während der Räumung der Protest-Camps von Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohamed Mursi im August 2013 verhaftet worden. Shawkan arbeitet für die Online-Agentur Demotix, seine Bilder sind unter anderem im Magazin Focus erschienen, dessen Kairoer Reporterin Julia Gerlach sich im Mai mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit wandte.

;ahmoud Abou Zeid, genannt Shawkan

Mahmoud Abou Zeid, genannt Shawkan

Anklage wurde bis heute nicht erhoben, doch offenbar wird dem 27-jährigen vorgeworfen, bewaffnet auf Seiten der Muslim-Brüder gegen die Polizei vorgegangen zu sein. Eine völlig absurde Beschuldigung. Shawkan, so schreibt Julia Gerlach, habe seinerzeit im Juli 2013 den Sturz Mohamed Mursis so ausgiebig gefeiert, dass er seine Fotos zu spät an die Münchner Redaktion schickte.
Dass er Journalist ist, wollen ihm die Behörden partout nicht glauben. Als Freiberufler bekommt er in Ägypten keinen Presseausweis. Und genau das könnte ihm zum Verhängnis werden.

In Ägypten schnappten sich nach dem Sturz der Mubarak-Diktatur hunderte junger Männer und Frauen eine Kamera, um den politischen Umbruch ihres Landes zu dokumentieren. Daraus ist eine Szene von zum Teil brillanten jungen FotografInnen erwachsen, die – mit oder ohne Presseausweis –  Kopf und Kragen riskieren. Vor allem dann, wenn sie die Gewalt der Polizei und Armee dokumentieren. Solche Journalisten außerhalb politischer und redaktioneller Kontrolle sind ein neues Phänomen in Ägypten – und die Sicherheitsbehörden schlagen wie wild um sich, um es wieder einzufangen.

Am 18. Juni wurde Shawkans Untersuchungshaft zum wiederholten Mal um 45 Tage verlängert. Das Committee to Protect Journalists hat eine Kampagne zu seiner Freilassung gestartet.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
Dieser Beitrag wurde unter Ägypten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s