Als Darfur bei der Fußball-WM unterging: zur Weltmeisterschaft der Nicht-Staaten

Zwei Themen beherrschen derzeit die Schlagzeilen: Warum brechen derzeit ständig Länder auseinander (Ukraine, Syrien, Irak)?
Und: Wer wird in Brasilien Fußball-Weltmeister?

Die New York Times hat nun in einer Foto-Reportage darauf aufmerksam gemacht, dass zerfallene Staaten durchaus ambitionierte Fußball-Mannschaften hervorbringen können. Und dass der Wunsch, Weltmeister zu werden, nicht von der Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen oder der Anerkennung durch die FIFA abhängt.

„Confederation of Independent Football Associations“, kurz ConIFA, heißt der Verband, der zwischen dem 31. Mai und dem 8. Juni in Östersund die Weltmeisterschaft der nicht-anerkannten Nationen abhielt. Östersund liegt offiziell in Schweden, Gastgeber der WM war aber Saepmie, ein Zusammenschluss der indigenen Bevölkerung der Samen.
Zwölf Teams waren angereist. Das Eröffnungsspiel bestritten Darfur und Padanien. Padanien liegt im Norden Italiens, ist die Hochburg der rechten Lega Nord. Deren Anhänger würden sich gern vom Rest des Landes abspalten. Mit dem Namen Darfur verbinden eher unerwünschte Flüchtlinge als Flügelstürmer.
Es ist unklar, ob die Darfuris vor dem Spiel je von Padanien gehört hatten. Oder je wieder davon hören wollen. 20:0 stand es nach 90 Minuten für Padanien. Kein Wunder – die Darfuris, die in Flüchtlingscamps im Tschad trainieren, spielten zum ersten Mal in ihrem Leben auf Rasen.

Gruppenspiel zwei und drei verliefen für die Afrikaner leider nicht viel besser: 0:19 stand es nach 90 Minuten gegen Süd-Ossetien. (Süd-Ossetien hat sich in den 1990er Jahren von Georgien abgespalten, was aber außer Russland, Nicaragua und Nauru bislang niemand anerkennt).
Die Niederlage gegen Nagorny-Karabach (hat sich Anfang der 90er Jahre von Aserbeidschan abgespalten) fiel mit 0:12 noch relativ glimpflich aus.

Für Padanien war übrigens im Viertelfinale Schluss, ebenso wie für Kurdistan, das derzeit eine autonome Region im Irak ist und nun mit der Unabhängigkeit liebäugelt – und damit mit einer Aufnahme in die FIFA. Das wird aber wohl noch dauern.

Ähnlich erfolglos wie Darfur, aber stets gut gelaunt, schlug sich das Team von Tamil Eelam, deren Spieler von einem tamilischen Staat im Norden Sri Lankas träumen. Die Mannschaft von Arameans Suryoye, die für das staatenlose Volk der Assyrer auflief, schaffte es hingegen ins Halbfinale, unterlag dort aber Ellan Vannin. Das ist der gälische Name für die Isle of Man, einer 570 Quadratkilometer großen Insel in der Irischen See. Die Isle of Man ist zwar der britischen Krone unterstellt, verwaltet sich jedoch selbst und war bislang vor allem als Steuer-Oase bekannt. Doch die fußballerischen Qualitäten reichten, um im Halbfinale Südossetien zu besiegen.

Im Endspiel hielten die Insulaner 120 Minuten lang ein 0:0 gegen die Nizza. Nizza gibt sich innerhalb Frankreichs mit dem Status einer Grafschaft ab, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass sich viele seiner Bewohner reich und zufrieden sind, weil sie sich mit Steueroasen auskennen. Die Grafschaft gewann den ConIFA-Weltcup mit 5:3 im Elfmeterschießen.

Beim nächsten Turnier könnte übermächtige Konkurrenz antreten. Katalonien, bislang autonome Gemeinde in Spanien, will demnächst in einem Referendum über seine Unabhängigkeit abstimmen. Die Mehrheit der Katalanen ist offenbar dafür, Spanien und die anderen EU-Mitgliedsländer werden die Anerkennung mit Sicherheit verweigern. Bleibt also fußballerisch nur der Weg in die ConIFA. Und um deren Pokal zu gewinnen, reicht es wahrscheinlich, die dritten Mannschaft des FC Barcelona auf den Platz zu schicken. Gnade den Darfuris.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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3 Antworten zu Als Darfur bei der Fußball-WM unterging: zur Weltmeisterschaft der Nicht-Staaten

  1. esstmehrobst schreibt:

    Ich habe gerade wieder auf Facebook verfolgen können, wie seh Kosovo (dass ja mangels Anerkennung auch nicht in die FIFA kommt) sich mit der Schweizer Nationalmannschaft identifiziert, für die auch 5 seiner Landeskinder spielen. Teilweise wurde in Kosovo explizit mit diesen 5 Spielern geworben. Hat sich dieser jüngste Staat Europas garnicht beim ConIFA engagiert? Oder passt Kosovo nicht ins Reglement?

    • andreaboehm61 schreibt:

      Kosovo ist zwar kein Mitglied der FIFA – dagegen wehrt sich Vollmitglied Serbien nach Kräften. Doch es darf laut FIFA-Beschluss Freundschaftsspiele austragen. Das, so vermute ich, ist der Grund, warum Kosovo sich nicht mit ConIFA-Cup abgeben will. Das erste Freundschaftsspiel fand Anfang März in Prishtina gegen Haiti statt. Am Ende stand’s 0:0. Aber gefeiert haben die Kosovaren trotzdem.

      • Sascha Düerkop schreibt:

        Das stimm in etwa so Andrea. Der Kosovo darf durch die Freundschaftsspielregelung (die übrigens auch Kataloninen einmal im Jahr hat) gegen FIFA Mitglieder antreten. Neben dem genannten Haitispiel hat man mittlerweile auch gegen die Türkei gespielt und Darfuresk verloren.
        Der Präsident des Fußballverbandes des Kosovo hat uns daher mitgeteilt, dass er derzeit kein Interesse hat der ConIFA beitzutreten, da potentielle Freundschaftsspielgegner innerhalb der FIFA Schlange stehen und sich solche Spieler finanziell und in Hinblick auf eine von ihnen erhoffte UEFA-Mitgliedschaft lukrativer sind.
        Sollte die FIFA diese Freundschaftsspielerlaubnis wieder zurückziehen (was Serbien nach beiden bisherigen Spielen gefordert hat) oder nicht verlängern und eine UEFA-Mitgliedschaft wieder in die Ferne rücken wird der Kosovo wohl bei uns aufspringen.
        Alternativ ist der Kosovo auch jetzt schon einzelnen Freundschaftsspielen in keinster Weise abgeneigt (gegen ConIFA Mitglieder).

        Ansonsten danke für den tollen Artikel!

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