Nachrichten aus einem überfüllten Land (3): Das syrische Baustellen-Orchester

Mehr als eine Million syrische Flüchtlinge verzeichnen die UN seit gestern im Libanon. „Ein verheerender Meilenstein“, so kommentierte es der Leiter des Flüchtlingshilfswerks UNHCR, Antonio Guterres. Der Libanon mit einer Bevölkerung von rund 4,5 Millionen Menschen sei nun das Land mit der höchsten Flüchtlingsdichte der Welt.

Als ob die Libanesen das nicht längst wüssten. Als ob sie nicht wüssten, dass weit mehr als eine Million Syrer im Land leben. Denn nicht jeder Flüchtling ist beim UNHCR registriert, und nicht jeder Syrer ist als Flüchtling gekommen. Viele sind Saisonarbeiter, die nun nicht mehr nach Hause können.

Die Syrer sind also überall in Beirut. Die Wohlhabenderen eröffnen Restaurants und Schneidereien, dominieren die Galerien mit ihren Bildern und Skulpturen, drängen sich in Hörsäle. Die Ärmeren fahren die billigsten Taxis, putzen den Libanesen die Schuhe, verkaufen arabischen Kaffee, Bananen oder Popcorn an der Straßenecke und Rosen auf den Beiruter Party-Meilen.
Und sie machen Lärm. Mit Presslufthammer, Schlagbirne, Dieselmotor oder Bagger.

Am vergangenen Samstag Abend verwandelte sich dieser Lärm in einen Sound: Unterlegt vom Kreischen der Betonsägen ertönte rhythmisches Schlagen auf Holz, Stahl und Zement. Mit Synthesizer gemischt, durch Lautsprecher verstärkt. Ein Konzert der ganz anderen Art.
Der Konzertsaal ?
Eine gigantische Baugrube mitten in Beirut, was für einen interessanten Echo-Effekt sorgte.
Das Orchester ?
Syrische Bauarbeiter. Neun saßen mit Hammer und Feilen an einem Pressspan-Tisch, fünf standen mit Schraubenschlüsseln am Querstahlrohr, drei spielten an senkrechten Stahlstreben wie an einer gigantischen Harfe.
Das Publikum ?
Überwiegend Beirutis jüngeren Jahrgangs in Jeans, Hoodies und Turnschuhen sowie Smartphones als Accessoires. Dazu, etwas älter und gehobener, die typischen Vernissage-Besucher. Sie alle standen hoch oben am Rand der Grube hinter einem Sicherheitsgeländer. Weil der Andrang weit über die Erwartung der Organisatoren hinausging, mussten die Zuhörer nach fünf Minuten ihre Logen-Stehplätze verlassen und für die Nächsten Platz machen.

Und wer denkt sich so etwas aus?
Zwei Beiruter Künstler: die aus Mailand stammende Ilaria Lupo, die mit ihren Projekten öffentliche Räume zur Bühne macht, was hier in der Tat eine Kunst ist, da es in Beirut immer weniger öffentliche Räume gibt.
Und der aus Detroit stammende Komponist Joe Namy aka Electric Kahraba, in der Szene bekannt für Radio-Sendungen wie „Mkataa – Dubai Bootlegs“.

„Concrete Sampling (arrangement for derbekah and jackhammer“
haben die beiden den Auftritt genannt. „Beton Sampling – Arrangement für Derbekah (eine Trommel) und Presslufthammer“.
Die englische Ankündigung klang etwas abgehoben: „The project aims at hijacking the functionality of the daily normative, changing a passive reception into an active appropiation and introducing a subjective temporality – other than the day/night, work/rest, noise/silence dichotomies.“
Sehr frei übersetzt: Die Beirutis sollen die unzähligen Baustellen nicht nur als Lärmbelästigung, Stau-Ursache oder zukünftige Luxuswohnungen wahrnehmen – und die Arbeiter nicht nur als billige Malocher.

In Syrien herrscht Krieg. In Beirut herrscht ein Bauboom, der offenbar weder durch die allgemeine Wirtschaftskrise, noch durch die Bombenanschläge beeinträchtigt wird, die wiederum eine Folge des syrischen Krieges sind. Ganze Stadtteile wachsen um das Doppelte oder Dreifache in die Höhe. An Stelle vierstöckiger Häuser oder Ruinen werden Apartment- und Bürogebäude mit zehn, fünfzehn oder zwanzig Etagen hochgezogen, entworfen von libanesischen, französischen oder türkischen Architekten, errichtet von syrischen Arbeitern.

Der Libanon spielt, wie so oft in seiner Geschichte,  scheinbar unvereinbare Rollen gleichzeitig: Politischer Krisenherd, Schauplatz von Terrorattentaten, Aufnahmeland für Kriegsflüchtlinge und Magnet für Arbeitsmigranten.
Die multinationale Aufteilung der Jobs, die Libanesen nicht machen wollen, sieht etwa so aus: äthiopische Nannies kümmern sich um die Kinder der Mittel-und Oberschicht, Frauen aus den Philippinen oder Sri Lanka putzen und kochen, Müllmänner aus Pakistan und Bangla Desh säubern die Straßen, Ägypter zapfen das Benzin an den Tankstellen, Syrer holen auf dem Land die Ernte ein und bauen in den Städten die Häuser. Das alles zu niedrigen Löhnen und – im Fall der Bauarbeiter – bei oft hohem Risiko. Männer, die sich ohne Gerüst, Helm und Sicherheitsgurt in 40 Meter Höhe an Außenfassaden entlang hangeln, sind in Beirut ein normaler Anblick.
Manche von ihnen gehören zur dritten Migranten- Generation. Ihre Großväter haben in den 60er Jahren die Wände der Hotels und Nachtclubs gemaurert, die Beirut den Ruf eines „arabischen Nizza“ gaben. Ihre Väter verdienten hier Geld, als nach dem Ende des Bürgerkriegs 1990 die zerstörte Innenstadt in ein Mini-Dubai mit glitzernden Stahl-und Glastürmen verwandelt wurde.
Und als Israel 2006 den von Schiiten bewohnten und von der Hisbollah kontrollierten Süden bombardierte, folgte der nächste Aufschwung in der Baubranche. Dieses Mal kam das Geld für den Wiederaufbau aus dem Iran. Die Arbeiter kamen, wie immer, aus Syrien.

Einige pendeln auch in den Zeiten des Krieges noch zwischen Syrien und dem Libanon, andere haben ihre Familien nachgeholt und sind jetzt Flüchtlinge. Viele wohnen auf den Baustellen – sofern man es Wohnen nennen will. Aber im Gegensatz zu tausenden anderer Landsleute in Beirut haben sie einen Job. Und sie bestimmen den Sound der Stadt.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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