Libanon – Nachrichten aus einem überfüllten Land (2): Warum Palästinenser den Weltrekord im Fliehen halten und IKEA bald Notunterkünfte bauen will

Wenn Hunderttausende binnen kurzer Zeit über die Grenze fliehen müssen, lässt die Regierung des Aufnahmelandes Camps bauen, um die Menschen unterzubringen.
Normalerweise.
Im Libanon gibt es inzwischen über eine Million syrische Flüchtlinge, doch keine offiziellen Unterkünfte. Die Grenzen bleiben offen, aber wenn der UNHCR zum x-ten Mal vorschlägt, Aufnahmelager zu errichten, sträubt sich Libanons Regierung mit Händen und Füßen.
Dabei existieren hier riesige Flüchtlingscamps – seit über sechzig Jahren. Und genau darin liegt das Problem. Sie sind zu kleinen Staaten im Staat geworden. Genauer gesagt: zu kleinen extraterritorialen Krisengebieten.

Von Beirut nach Saida im Süden des Landes sind es rund 40 Kilometer. Saida ist ein beliebtes Ausflugsziel, um einen Nachmittag am Strand zu verbringen. Von den Cafés unter Palmen sind es wiederum nur ein paar Hundert Meter stadteinwärts bis zu einer Mauer mit Stacheldraht. Soldaten der libanesischen Armee kontrollieren Pass und Passierschein, dann steht man auch schon vor einem großen Plakat mit dem Gesicht Yassir Arafats, flankiert von zwei Männern mit Kalaschnikows.
Willkommen in Ain al-Hilweh, Wohnort – genauer gesagt: Sackgasse – für rund 70.000 Palästinenser, die meisten Vertriebene der zweiten oder dritten Generation und hier geboren. Und neue Notunterkunft für mehrere Zehntausend palästinensische Flüchtlinge aus Syrien. Viele von ihnen sind aus dem berüchtigten Yarmouk bei Damaskus entkommen, dessen Einwohner seit Monaten von der syrischen Armee ausgehungert werden.

Palästinenser halten den traurigen Weltrekord im Fliehen. In Ain al-Hilweh trifft man alte Männer und Frauen, die 1948 die nakba miterlebt hatten, die Vertreibung von mehreren Hunderttausend Palästinensern durch die Armee des neu gegründeten Staates Israel. Manche landeten gleich im benachbarten Libanon, andere in Jordanien, was 1970/71 zu einem Bürgerkrieg zwischen Arafats PLO und dem jordanischen Militär führte, worauf tausende Palästinenser weiter in den Irak zogen, von wo sie vor Saddam Husseins Kriegen nach Syrien flohen, bis dort der Bürgerkrieg ausbrach und sie sich in den Libanon durchschlugen.
Wo sie eigentlich keiner haben will. Libanons Gesellschaft erweist sich erstaunlich hilfs- und opferbereit, wenn es um die Aufnahme von Sunniten, Armeniern und anderen Christen aus Syrien geht. Aber bei palästinensischen Flüchtlingen hört die Empathie auf. Nicht nur seitens der Libanesen. Auch seitens der alt eingesessenen Palästinenser.

EngeIm Labyrinth von Ain al-Hilweh

Ain al-Hilweh ist das größte von zwölf palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon – und wenn man Maher Al-Shabaytah glauben darf, waren die Anfänge vergleichsweise idyllisch. „Es gab einstöckige Häuser mit Obstbäumen vor der Tür.“ Erst habe der libanesische Staat den Häuserbau noch verboten. Vor allem die damals mächtigen libanesischen Christen wollten keine festen palästinensischen Siedlungen. Dann gelang Yassir Arafat ein diplomatisch-militärischer Coup: 1969 rang der frisch gewählte PLO-Vorsitzende (mit ägyptischer Hilfe) der libanesischen Regierung das Zugeständnis ab, die Camps ab sofort seinem Kommando zu unterstellen – und damit in Stützpunkte des Kampfes gegen Israel zu verwandeln.

Dafür haben die Palästinenser bitter bezahlen müssen. 1982 marschierte die israelische Armee in den Süd-Libanon ein, bombardierte Saida und legte Ain al-Hilweh in Schutt und Asche. Mit Israel verbündete christliche Milizen verübten ein horrendes Massaker an palästinensischen Zivilisten  in Sabra und Shatila. Arafat ließen sich samt PLO-Hauptquartier nach Tunis evakuieren, die Camps im Libanon blieben.
Heute sind sie überfüllte, abgeriegelte Elendsviertel, in denen libanesische Polizei und Armee weiterhin keinen Zutritt haben, und sich verfeindete Gruppen ihre Scharmützel liefern: Fatah, Hamas, Nidal-Front, Volksfront zur Befreiung Palästinas, Palästinensische Befreiungsfront, Islamischer Dschihad, Palästinensische Arabische Front…
Die Auswüchse dieses Spaltpilzes klingen fast komisch, wenn sie für die Zivilbevölkerung nicht so tragisch wären: In Ain al-Hilweh vergeht kaum eine Woche ohne Schießerei. Die Zahl arbeitsloser und radikalisierter Jugendlicher wächst beständig. Das haben auch diverse Al-Kaida-Fraktionen gemerkt, die dort Mitglieder rekrutieren.

KarikaturWandbild in Ain al-Hilweh. Handala, der barfüßige Junge,
ist eine berühmte Figur des Karikaturisten Naji al-Ali,
der einige Jahre im Camp lebte

„Wir haben alles im Griff“, sagte al-Shabaytah bei meinem ersten Besuch in Ain al-Hilweh, als ich mich bei ihm vorstellen musste. Er ist der Generalsekretär der Fatah im Camp, und dieser Satz war die geübte Notlüge eines Funktionärs. Während unseres Gesprächs saßen seine Leibwächter vor dem Fernseher und starrten auf die Live-Bilder eines Bombenanschlags in Beirut. Der Selbstmordattentäter, so sollte sich weniger Tage später herausstellen, kam aus Ain al-Hilweh. Al-Shabaytah weiß, dass er kaum noch etwas im Griff hat auf diesen zwei Quadratkilometern, auf denen schon lange kein Obstbaum mehr steht, sondern ein Labyrinth aus mehrstöckigen, hastig errichteten Häusern und Handtuch-breiten Gassen, in denen nach jedem Regen das Wasser bis zu den Waden steht. Die Fatah hat weder die territoriale Kontrolle über Ain al-Hilweh, noch ist sie in der Lage, die Neuankömmlinge aus Syrien zu versorgen.

Zu alledem unterstehen palästinensische Flüchtlinge auch nicht dem UN-Flüchtlingshilfswerk, sondern der 1950 gegründeten „United Nations Relief and Works Agency for Palestinians in the Near East“. Die gilt nicht eben als Vorbild für Flexibilität und Effizienz. Und so werden viele der Neuankömmlinge in Ain al-Hilweh skrupellos von ihren Landsleuten ausgebeutet, die ihnen ein paar Quadratmeter ihrer ohnehin überfüllten Wohnungen für 300 oder 400 Dollar im Monat abtreten.

Ein syrischer Palästinenser namens Nidal führte mich schließlich ans Ende des Camps, wo all jene in dürftigen Zelten hausten, die kein Geld haben. Zum Beispiel die Familie Saher – Vater, Mutter, Großmutter, zwei kleine Kinder, dazu die beiden Söhne von Sahers Bruder, der in den Kriegswirren verschwunden ist.
Er sei im Krankenhaus von Yarmouk gelegen, erzählte der Vater, bleich im Gesicht und kaum 50 Kilogramm schwer, als die syrische Armee auf der Suche nach Oppositionellen die Zimmer durchkämmt und ihn noch mit der Infusionsnadel im Arm auf die Straße gejagt habe.
Seine Familie schleppte ihn mit über die Grenze in den Libanon. Jetzt hocken sie in der elendigsten Ecke eines Elendsviertels, wechseln sich Nachts ab, um die Ratten zu verscheuchen und verfolgen die Nachrichten aus Yarmouk. Dort haben die Bewohner seit Monaten erstmals wieder einige UN-Notrationen erhalten. Viele haben sich in den vergangenen Wochen von Gras ernährt und die Straßenkatzen geschlachtet.

Vater Saher schien es fast peinlich, von den eigenen Problemen zu erzählen. Er brauche, sagte er, dringend 7000 Dollar für eine Lungenoperation. Die UN wolle die Hälfte übernehmen, die Camp-Verwaltung der Fatah noch einmal 1500 Dollar drauf legen. Den Rest müsse er selbst auftreiben. Zum Zeitpunkt meines Besuchs vor mehreren Wochen sah es nicht so aus, als ob der Mann diesen Fundraising-Wettlauf um das eigene Leben gewinnen würde. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.

Die libanesische Regierung hat sich vor kurzem immerhin bereit erklärt, für syrische Flüchtlinge erste „Transit-Camps“ unter Verwaltung des UNHCR zuzulassen. Und die schwedische Möbelfirma IKEA will demnächst im Libanon aufklappbare Notunterkünfte mit Solarenergie auf den Markt bringen.
Den palästinensischen Flüchtlingen wird das wenig nützen. Sie sitzen fest in den Jahrzehnte alten Camps eines Jahrzehnte alten Konflikts.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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