Libanon: Nachrichten aus einem überfüllten Land (1)

Der Libanon leben rund 4,5 Millionen Einheimische und mittlerweile über eine Million syrische Flüchtlinge. Dass entspricht rund einem Viertel der Bevölkerung – eine weltweit einmalige Situation. Über das Schicksal der Syrer wird immer wieder berichtet. Aber wie geht es eigentlich den Libanesen? In den folgenden Wochen und Monaten werde ich immer wieder darüber bloggen, wie das Land, in dem ich inzwischen lebe, mit einer solchen Krise umgeht. Der Auftakt ist ein Bericht aus einer kleinen Gemeinde in der Bekaa-Ebene, die landesweit bislang eher für ihre Haschisch-Produktion als für ihre Flüchtlingslager bekannt war.

Von Beirut sind es rund 100 Kilometer mit dem Auto nach Deir al-Ahmar, einer Gemeinde in der Bekaa-Ebene. Für die Strecke braucht man inzwischen mindestens zwei Stunden. Die Zahl der Bombenanschläge steigt, also hat das Militär die Straßenkontrollen verschärft. Ich bin mit einer Delegation des katholischen Hilfswerks Misereor unterwegs. Wir passen offensichtlich nicht ins Raster von Waffen-und Sprengstoffschmugglern und werden durchgewunken.

Ein letzter Abzweig nach rechts, vorbei an Panzern und fröstelnden libanesischen Soldaten, dann ist man in Deir al-Ahmar, einer Kleinstadt mit rund 20.000 Einwohnern und Verwaltungssitz der gleichnamigen Gemeinde. Die Häuser sind mit Kreuzen und Marienbildern geschmückt, kein Minarett ist zu sehen, statt dem Ruf des Muezzin ertönen Kirchenglocken. Deir al-Ahmar ist eine Hochburg der Christen, vor allem der Maroniten. Genauer gesagt: das war es bis vor kurzem.

„Im Winter 2011 standen die ersten syrischen Familien plötzlich vor der Tür“, sagt Micheline Lattouf, „Manche mit Sandalen an den Füßen.“ Micheline Lattouf, 44, Angehörige der katholischen Schwestern vom Guten Hirten, macht eigentlich einen sehr robusten Eindruck. „Aber an dem Abend war ich völlig überfordert.“ Sie rief ihre Oberin im Konvent in der Nähe von Beirut an. „Was soll ich machen?“, fragte sie. „Ich kann ihnen doch nicht die Tür weisen.“
„Natürlich nicht“, antwortete die Oberin. Viel mehr fiel ihr auf die Schnelle auch nicht ein. Schwester Micheline improvisierte Schlafplätze im Jugendzentrum und in notdürftigen Zelten und wartete auf professionelle Hilfe. Vom Staat, von der Gemeinde, den UN. Es kam aber niemand.

So begann die Verwandlung von Deir al-Ahmar von einer christlichen in in eine christlich-muslimische Gemeinde. Und von einem Hotspot der Drogen-Produktion in ein Labor für Bürger-Notfallmanagement.
Fragt man Schwester Micheline nach den Problemen von Deir al-Ahmar vor dem Beginn der Flüchtlingskrise antwortet sie mit einem langen, weichen Seufzer: „Haaaschisch!“
Cannabis gehört in der Bekaa-Ebene seit Jahrzehnten zur Landwirtschaft. Während des libanesischen Bürgerkriegs, als von staatliche Kontrolle nichts mehr zu merken war, produzierten die Bauern Tonnen für den Weltmarkt. Spätere Versuche der Polizei, den Anbau durch Abbrennen der Felder zu stoppen, waren nur bedingt erfolgreich. Im Bekaa wird auf anrückende Polizisten auch schon mal geschossen. Und so erfreut sich der „Rote Libanese“ weiterhin großer Beliebtheit. Im Ausland wie auch unter der jüngeren Bevölkerung in Deir al-Ahmar.

Auch um die lokale Teenager vom Kiffen abzuhalten, hatten die Schwestern vom Guten Hirten 2011 ein Jugendzentrum eingerichtet. „Das konnte“, sagt Micheline, „so nicht weitergehen.“ Neben ihr sitzt Youssef, ihre rechte Hand, und schüttelt missbilligend des Kopf. Er findet, die Schwester übertreibt. „Wir bauen hier vor allem Tabak, Zwiebeln und Kartoffeln an.“
„Haschisch-Kartoffeln“, kontert die Schwester.

Offensichtlich hatte die Ankunft der syrischen Flüchtlinge eine ernüchternde Wirkung in Deir al-Ahmar – nicht zuletzt, weil einige Äcker und Felder schnell mit Zeltlagern zugestellt waren. Anfangs sei die Stimmung in der Gemeinde gespalten gewesen, sagt Micheline Lattouf. „Die einen waren voller Empathie, die anderen wollten die Syrer los werden.“ Nach viel Streit und vielen mühsamen Gesprächen herrsche in der Gemeinde nun Einigkeit darüber, dass die Flüchtlinge so schnell nicht wieder gehen werden. Und dass man mit ihnen wird leben müssen. Auch wenn sie Muslime sind.

Schwester Micheline hat ihr Zentrum komplett umgebaut. Statt der lokalen Jugend Nachhilfe zu geben und ein drogenfreies Leben zu predigen, organisiert sie jetzt Schulunterricht für syrische Kinder, Zement für Behelfsunterkünfte und Windeln. Sehr viele Windeln. „Syrische Familien“, stellt Youssef betont sachlich fest, „bekommen sehr viele Babies.“ Vor allem, wenn es in einer Familie zwei Ehefrauen gibt.

Youssef ist einer der Quartiermeister dieser Krise. Er registriert Neuankömmlinge und weist ihnen einen Schlafplatz zu. Inzwischen gibt es ein halbes Dutzend Zeltlager rund um die Stadt, dazu einige weitere in den umliegenden Dörfern. Youssef fährt sie fast jeden Tag ab. Er besorgt Material für die Zelte: Gestänge und feste, regensichere Plastikplanen aus der Fassadenwerbung, weswegen nun manche muslimischen Familien unter einer riesigen Bier- oder Parfümreklame mit vollbusigem, blondem Model Zuflucht gefunden haben. Er organisiert Wellblech für Latrinen und kleine Heizöfen.

Und der Staat? Was macht die Gemeindeverwaltung?
„Nichts“, sagt Schwester Micheline. Jedenfalls nicht viel, meint Youssef. Sie habe jetzt Wassertanks zur Verfügung gestellt. Immerhin.

So ausführlich er über die Flüchtlings erzählen kann, so sparsam ist Youssef mit Angaben zu seiner Biographie angeht. Warum schuftet er unentgeltlich als Krisenhelfer?
„Das ist Gottes Wille.“
Wovon lebt er?
„Von meinem Land und meinen Apfelbäumen.“
Was hat er früher beruflich gemacht?
„Sicherheit. Ich war bei den Lebanese Forces.“

Irgendwann stößt man immer auf die Geschichte des libanesischen Bürgerkriegs. Fünfzehn Jahre lang, von 1975 bis 1990, bekämpften sich palästinensische, drusische, schiitische, sunnitische und christliche Gruppierungen – direkt oder indirekt intervenierten die Nachbarländer Israel und Syrien mit.
Die Lebanese Forces waren eine christliche Miliz, wobei das Wort „christlich“ hier nur die Religion der Kämpfer beschreibt, nicht ihr Verhalten. Sie lieferten sich brutale Gefechte gegen Palästinenser, später gegen syrische Truppen und ihre lokalen Verbündeten. Alle Seiten verübten Verbrechen, alle verloren Verwandte und Freunde. Ganz wird man den Eindruck nicht los, dass Youssef nun als Flüchtlingshelfer etwas Seelenfrieden findet.

Jede der syrischen Familien in Deir al-Ahmar hat ein Telefon. Und jede hat Youssefs Nummer.
‚Youssef, mein Kind muss zum Arzt.‘
‚Youssef, wir müssen eine neue Latrine bauen.‘
‚Youssef, meine Cousinen kommen morgen über die Grenze, hast Du noch Zelte?‘
‚Youssef, unser Fernseher ist kaputt.‘

Die Bürger in Deir al-Ahmar haben einiges gespendet. Außer Decken, Matratzen und Teppichen auch Satellitenschüsseln und TV-Geräte.

Unsere Besuchergruppe ist nur einen Vormittag im Ort – unmöglich, in so kurzer Zeit nachzuforschen, ob der erstaunliche soziale Frieden tatsächlich so stabil ist, wie Micheline Lattouf und Youssef ihn schildern.

Die Familie Suleiman, die wir schließlich in einem der Camps treffen, fühlt sich jedenfalls gut versorgt – den Umständen entsprechend. Ezzedine Suleiman ist 58, Mutter von fünf erwachsenen Töchtern und einem Sohn, und Hausherrin eines der Zelte. Genauer gesagt: eines Zelt-Drittels. Drei Familien leben hier, abgetrennt durch Vorhänge, der Boden ist mit alten Teppichen ausgelegt, ein kleiner Ofen sorgt für Wärme, eines von Ezzedines „ungefähr 20“ Enkelkindern hockt, Schnuller im Mund, wie hypnotisiert vor dem Fernseher. Ein Zeichentrickfilm läuft.

Ezzedine Suleiman stammt wie fast alle Flüchtlinge hier aus einem Dorf nahe Homs, dessen Männer in den vergangen Jahren jeden Sommer als Erntehelfer nach Deir al-Ahmar gekommen sind. Das mag die Aufnahmebereitschaft auf libanesischer Seite erhöht haben. Man war sich eben nicht völlig fremd. „Die Männer“, sagt Suleiman, „sind in Syrien geblieben. Sie haben Angst, an der Grenze abgefangen und in die Armee eingezogen zu werden.“

Vielleicht kämpfen auch einige auf Seiten der Rebellen, vielleicht wollen sie auf die Häuser und Äcker aufpassen, was immer die syrische Luftwaffe mit ihren Bombardements davon übrig gelassen hat. „Wissen Sie, wie schön das ist, wenn der Himmel still ist?“ Ezzedine Suleiman zeigt mit dem Finger auf das wolkenlose Blau über der Bekaa-Ebene.

Ihre Enkelkinder gehen jetzt in die Schule, die die Schwestern zum guten Hirten eingerichtet haben. Sie müssen sich an die hiesigen Lehrpläne gewöhnen, das im libanesischen Lehrplan übliche Französisch und Englisch lernen. Schwester Michelines Kollegium besteht aus einheimischen und geflohenen Lehrern, deren Gehälter finanziert Misereor.

Am Nachmittag kommen junge Syrerinnen zum Kosmetik-Kurs. Wer die Ausbildung abschließt, kann mit Hausbesuchen Geld verdienen. „Die Nachfrage nach Maniküre und Make-Up“, sagt Schwester Micheline, „ist in diesem Land ja grenzenlos.“
Die Frauen sind sichtbar glücklich, der lähmenden Langeweile in den Zelten zu entkommen. Außerdem brauchen ihre Familien dringend Geld. Nicht nur für sich. Sie kaufen Lebensmittel und schicken sie zu Verwandten nach Syrien zurück.

Youssef hat unterdessen ein neues Zeltgerüst besorgt. Es werden weitere Familien erwartet. Inzwischen leben rund 8000 Syrer in Deir al-Ahmar.
Wie das alles weitergehen soll, wann diese Krise einfach zu groß wird für Deir al-Ahmar weiß niemand. Man arrangiert sich von Monat zu Monat, packt die Probleme an, die man lösen kann. Youssef wird bald einige Zeltlager umsetzen lassen, weil sie Ackerland blockieren und die Aussaat im Frühjahr behindern. Von Kartoffeln, Zwiebeln und was immer sonst noch angebaut wird.
Und dann muss das nächste heikle Thema angepackt werden. Die christlichen Bürger von Deir al-Ahmar werden zusammen mit ihren neuen muslimischen Nachbarn über den Bau einer Moschee nachdenken müssen.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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Eine Antwort zu Libanon: Nachrichten aus einem überfüllten Land (1)

  1. Ge.Ha schreibt:

    Sehr geehrte Frau Böhm,

    mit großem Interesse habe ich Ihren ersten Artikel „Flüchtlinge zweiter Klasse“ gelesen.
    Vielen Dank für diesen für mich so sachlich, aber irgendwie auch mit Herz geschriebenen Artikel.

    Seit vielen Jahren beschäftige ich mich auch mit der Situation im Libanon. Gut kann ich mich noch an einen Besuch in Beirut erinnern, im Jahre 2001. Da waren schon wieder so viele Gebäude aufgebaut. Ich lernte Menschen kennen, welche sich so sehr über den Frieden freuten. Dann das Schicksalsjahr 2006, als am Anfang des Jahres 2 israelische Journalisten entführt wurden und daraufhin die Luftwaffe der Kriegsmacht Israel, wieder Beirut in Schutt und Asche legte. Die Problematik mit den Flüchtlingen ist einerseits erschreckend, aber wie man sieht, versuchen die Armen den Ärmeren zu helfen. Wie schwer macht es sich derweil Europa und Deutschland z.B. mit syrischen Flüchtlingen?

    Trotzdem glaube ich daran, dass ich in meinem Leben noch die Zwei-Staaten-Lösung Bezug nehmend auf Palästina und Israel erleben werde. Viel mehr als meine Spenden für die SOS-Kinderdörfer in Palästina zu erbringen, kann ich zur Zeit nicht tun.

    Mit großem Dank auch für Ihre weiteren Berichte verbleibe ich mit herzlichen Grüßen.

    G. Hammermüller

    Oder wie ich es in meinen kleinen Kolumnen immer wieder auf das Neue betone: „Gesundheit, Glück und Frieden für Alle Menschen auf dieser Welt“.

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