Die Bergpredigt im Südsudan – Bericht eines Missionars im Kriegsgebiet

Gut zwei Jahre nach der Unabhängigkeit im Juli 2011 befindet sich der Südsudan im Bürgerkrieg. Was als politischer Machtkampf zwischen dem amtierenden Präsidenten Salva Kiir und seinem ehemaligen Stellvertreter Riek Machar begann, ist nun zu einer „selbstmörderischen Konfrontation“ zwischen den beiden größten ethnischen Gruppen im Land eskaliert: Kiir’s Gruppe der Dinka  und der Nuer eskaliert, der Machar angehört. Ausschlaggebend war  Kiirs Unfähigkeit oder Weigerung, in einem militarisierten Staat politischen Dissent, Opposition und damit die Möglichkeit seiner Niederlage bei den nächsten Wahlen 2015 zuzulassen.

Derzeit wird vor allem in den Städten im Öl reichen Norden des jungen Landes gekämpft, in den Bundesstaaten Upper Nile, Jonglei und Unity. Beobachter schätzen, dass bislang 10.000 Menschen getötet worden sind. Mehrere hunderttausend sind auf der Flucht. Die UN-Peacekeeper sind offensichtlich überfordert, viele internationale Hilfsorganisationen haben ihre MitarbeiterInnen evakuiert. Zu den wenigen Helfern, die geblieben sind, zählen die MissionarInnen des Comboni-Ordens, die im Südsudan seit Jahrzehnten Schulen und Hospitäler unterhalten und Menschenrechtsarbeit leisten. Vor wenigen Tagen erreichte mich der Bericht des Berliner Comboni-Missionars Gregor Schmidt, der in Old Fangak, einer kleinen Siedlung im umkämpften Bundesstaat Jonglei, LehrerInnen ausbildet. Old Fangak liegt in in einer überwiegend von Nuern bewohnten Region.
Ich kenne Pater Gregor von mehrere Reisen persönlich und schätze seine Beobachtungsgabe ebenso wie seine Courage. Mit seinem Einverständnis und einigen Kürzungen hier sein Bericht, in dem er er die aktuelle Situation in seinem Gebiet beschreibt, aber auch die Darstellung des Konflikts in westlichen Medien kritisiert, die nach seiner Ansicht den mörderischen Einfluss von Ethnie und Traditionen unterschätzen. Und er schildert recht schonungslos, wie er immer wieder neu die Omnipräsenz von Gewalt verstehen lernen muss.

„(..) In Old Fangak (OF) befinden wir uns wie im Auge eines Hurrikans, wo alles ruhig ist, aber rings um uns Verwüstung herrscht (bisher 200 000 Flüchtlinge und tausende Tote). Das liegt an der geographisch unzugänglichen Lage. Der Westen und Norden von Fangak County ist der Flusslauf des Nil. (…)
Im Süden und Osten des Countys ist undurchdringliches Buschland. Es gibt keine Straße hierher. Auf diese Weise sind wir von Truppenbewegungen verschont. Viele Nuer-Flüchtlinge von Upper Nile State kommen daher zu Fuß in unser County. Die Regierungsarmee hat dort die Provinzhauptstadt Malakal nach schweren Kämpfen unter ihre Kontrolle gebracht und bewegt sich langsam südwärts entlang des Nil. Die Armee erschießt jeden Nuer-Mann, weil traditionell alle Männer auch Kämpfer sind. Die Unterscheidung in Zivilisten und Armee ist ein westliches Schema, welches in der Krise keine Anwendung findet. Man fällt in alte Rollenmuster zurück. Jede Nuer- und Dinka-Familie besitzt mindestens ein Gewehr aus Zeiten des Bürgerkrieges gegen den Norden. (…)

In den Medien wird oft gesagt, dass es sich um einen politischen Konflikt innerhalb der SPLM-„Einheitspartei“ handelt, der die ethnische Zugehörigkeit instrumentalisiert. Das ist zum Teil wahr. Es ist aber vor allem der Wunsch der internationalen Gemeinschaft, dass es so sei. So kann man nämlich zwischen „bösen“ Politikern und „unschuldiger“ Zivilbevölkerung unterscheiden. Man kann aber genauso darlegen, dass es ethnische Konflikte schon immer gegeben hat und dies sich auch in der Art und Weise, wie Politik betrieben wird, zeigt.(…)

Wir alle haben das Bedürfnis nach leiblicher Sicherheit und Rechtssicherheit. Wenn wir an einen säkularen Rechtsstaat denken, dann ist das für uns der Rahmen, in dem Sicherheit und Recht allen Bürgern zugänglich sind. Zumindest im Prinzip. Wenn wir unsere eigene Staatsform kritisieren, dann bekämpfen wir Missstände innerhalb des Systems. Im Allgemeinen partizipieren wir aber an den Dienstleistungen des Staates; und das ist die Daseinsberechtigung eines jeden Staates, eben dass er den Bürgern dient.

Im Südsudan ist der Staat seit jeher ein Eindringling, der das gewohnte Leben stört. Zuerst kamen die britischen Kolonialherren, dann Sklaven fangende Araber, und jetzt sitzt ein Dinka-Herrscher auf dem Präsidententhron, der seine eigene Klientel mit Ölmilliarden bedient. Kaum eine Dienstleistung, die man berechtigterweise von einer Regierung erwarten kann (Infrastruktur, Bildung, medizinische Versorgung, etc.), wird überhaupt angeboten, geschweige denn umgesetzt. Während die Araber von vornherein ihre feindliche Intention klar machten, sind die Leute umso mehr vom neu gegründeten Staat enttäuscht, wenn Versprechen nicht eingehalten werden. Anstatt Dienstleistungen vom Staat zu bekommen, haben die Menschen Angst vor unbezahlten Soldaten, die sich ihren Sold anderweitig besorgen.

Wie also finden die Nuer (die Dinka leben sehr ähnlich) diese Sicherheit und Teilhabe am Wohlstand?
Durch ihr Sippensystem und ihre durch Eheschließungen verzweigten Bündnisse. Das ist existenziell. Es gibt in Afrika ein Sprichwort (frei nach Descartes): ‚Weil wir sind, bin ich.‘ Das sind die unmittelbaren Beziehungen, die einen tragen. Und damit ist das Überleben in einer feindlichen Umwelt gemeint. In Europa sind Beziehungen/Freundschaft optional. Selbst mit den Eltern und Geschwistern kann der Kontakt abgebrochen werden, weil es möglich ist, sich im modernen Staat selber zu versorgen. Ein Nuer-Mann hingegen kann sich auf nichts verlassen, außer dass die Brüder oder die ausgewachsenen Söhne zur Verteidigung ihr Leben aufs Spiel setzten. Und nur die Familie wird einen im Alter versorgen.
Ein Nuer wird daher seinem Bruder zur Seite stehen, ganz egal ob er im Recht oder Unrecht ist. Auch wird die eigene Sippe gegen andere kompromisslos verteidigt, und aus dem gleichen Grund unterstützen so viele Nuer den Rebellenführer Riek Machar, ganz egal ober er ein Engel oder Teufel ist. (In der Tat ist er mit Sicherheit nicht das erste.) Denn nur mit einem der ihrem wissen sie, dass sie Zugang zu den Ressourcen des Staates haben (das Öl). Es gibt eine gute Anzahl von Nuer, die Machar kritisieren. Das sind aber vor allem solche, die im Ausland leben und es sich aus sicherer Distanz leitesten können, illoyal zu sein. Sie genießen die Früchte eines rechtsstaatlichen Systems in den USA oder Großbritannien und sind nicht auf ihn angewiesen. (…)

Warum wird so leichtfertig getötet?
Es gibt einen ausgefeilten Gerechtigkeitssinn für alle Lebensbereiche, auch für das Töten. Wichtig ist, dass am Ende alle Familien mit ihrer Freude und ihrem Leid im Gleichgewicht sind.
Mord und Totschlag wird damit beglichen, dass entweder der Täter oder sein Verwandter getötet wird. Oft macht man sich gar nicht die Mühe, den Täter zu finden, sondern es wird jemand aus dessen Gruppe ausgesucht, dessen Verlust besonders schmerzlich ist – heutzutage in der Regel Leute mit Schulbildung/Studium, weil viel Geld investiert wurde.
Es ist – ohne Scherz –  lebensgefährlich, bei den Nuer gebildet zu sein und auf dem Land zu wohnen. Zum letzten Jugendworkshop der Pfarrei im November kam ein 20 jähriger. Er bat um ein Zimmer, welches von innen verriegelt werden kann (normalerweise nicht üblich), um sicher zu schlafen. Sein Bruder hatte gerade jemand getötet. Die unweigerliche Reaktion kann abgewendet werden, wenn etwa 50 Rinder Strafe bezahlt werden. Die Opferfamilie muss das natürlich wollen. Weil oft nicht klar ist, wer mit dem Töten angefangen hat, gibt es Sippenfehden, die lange zurück reichen und eine große Anstrengung zur Versöhnung erfordern. Das sind komplizierte Verhandlungen.

Es lässt sich schwer sagen, wie viel von der Gewalt der Hirtenkultur zuzuschreiben ist, und wie viel dem Trauma des Bürgerkrieges (gegen den Norden, A.B.). Zusammengenommen ist es jedenfalls verheerend. Und mich verstört, wie selbstverständlich Hand angelegt wird. In westlichen Gesellschaften ist das Töten speziellen Berufsgruppen vorbehalten. Wir erfahren davon normalerweise nur in den Nachrichten. Ein Nuer-Mann ist zugleich Hirte, Bauer, Architekt, Händler, Soldat und Bluträcher. Und das alles mit voller Überzeugung.

In den Medien wird nun von den aktuellen Kämpfen berichtet, weil es politisch relevant ist. Dieses Land ist aber seit dem Friedensvertrag 2005 (mit dem Regime in Khartoum, A.B.) nie befriedet worden. Wie viele erinnern sich, dass es in Jonglei State in 2011-12 zwischen den Nuer und Murle über 5000 Tote gegeben hat? Jedes Jahr kommen im Südsudan allein bei Viehdiebstahl 1000-2000 Hirten um. In 2009 waren es ca. 2500 Personen. Rinder sind hier die Währung für den Brautpreis. (…)

Moralische Regeln gelten im Wesentlichen innerhalb der eigenen Gruppe. Ein Viehdiebstahl ist zwar gefährlich, aber es ist moralisch nicht verwerflich, zu rauben und dabei Menschen anderer Ethnien umzubringen. Das geschieht, damit niemand Alarm schlagen kann, denn Rinder bewegen sich ja recht langsam. Wenn Dinka und Nuer – wie alle ostafrikanischen Hirtenvölker – schon aus Gier so leichtfertig töten, ist es umso leichter, wenn sie Rache nehmen wollen. Es gilt, Leben für Leben zu nehmen. Wenn nun, wie in der aktuellen Krise, die die Toten unzählbar werden, dann wird jeder Angehörige der anderen Gruppe – es sind immer nur die Männer – zu legitimen Zielscheibe. Deswegen sind Minderheiten auf beiden Seiten so gefährdet. Und deswegen ist es so schwer die Dynamik der Blutrache zu stoppen. (… )Auch wenn es immer wieder herzzerreißende Begebenheiten von Freundschaft in den letzten Wochen gegeben hat, wo Dinka durch Nuer (und umgekehrt) gerettet wurden.

Ich halte übrigens die westliche Gesellschaft nicht für weniger gewalttätig. Zwar geht es innerhalb friedlicher zu, aber was Frontex im Mittelmeer unternimmt, möchte niemand so genau wissen. Das meinte ich oben mit der Spezialisierung in modernen Gesellschaften; und das gilt auch dann, wenn lediglich durch passive Maßnahmen der Tod in Kauf genommen wird. Wenn es nicht die große Schiffskatastrophe bei Lampedusa im Oktober gegeben hätte, würde einer breiten Öffentlichkeit nicht klar sein, wie viele tausende Flüchtlinge jedes Jahr im Mittelmeer ertrinken. Damit die westliche Gesellschaft friedlich funktioniert, wird Gewalt an die Grenzen des Imperiums verlagert. Der ehemalige Bundespräsident Köhler musste deshalb sein Amt niederlegen, weil er die banale Wahrheit ausgesprochen hat, dass Rohstoffe und Rohstoffwege unter Umständen mit Gewalt verteidigt werden müssen. Global sind es Dinge wie Erdöl oder Coltan, bei den Hirtenvölkern ist das „Schmiermittel“, das die Gesellschaft zusammen hält, das Rind.

Ein Staat, der nach der Bergpredigt leben würde, würde zerrieben werden, bevor wir davon erführen, dass es ihn gab. Die Völker im Südsudan gibt es nur, weil sie Gewalt mit Gewalt beantworten und so klare Grenzen setzen. Ich glaube ausdrücklich, dass das Lebensvorbild Jesu und die Bergpredigt verpflichtend sind für Christen, die ihm nachfolgen wollen. Nur ist das ein Appell an das Individuum. Niemand kann für die Gruppe entscheiden, pazifistisch zu handeln. Man kann es nur selber vorleben und gegebenenfalls mit dem eigenen Leben bezahlen. Es gibt solche heiligen Dinka und Nuer. Das sind die Märtyrer, die die Kirchen in späterer Zeit in Erinnerung behalten werden. Für die meisten von uns gilt jedoch, dass wir Mitläufer sind. (…)

Meine Vermutung ist, dass die Kämpfe bis Mai weitergehen. Denn danach beginnt die Regenzeit, und es ist unheimlich mühsam, sich fort zu bewegen. Im Dezember erfolgt dann der Rückschlag. Es ist wirklich mein Wunsch, dass ich falsch liege und wider erwarten der Konflikt bald beigelegt wird.
Ich wünsche Euch ein segensreiches neues Jahr!

euer P. Gregor

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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Eine Antwort zu Die Bergpredigt im Südsudan – Bericht eines Missionars im Kriegsgebiet

  1. Iris Manner schreibt:

    Danke für den lesenswerten Bericht – gerne mehr davon. Wir brauchen mehr Analysen mit Infos aus erster Hand aus dem Südsudan.

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