Eine Autobombe zum Jahresbeginn

Gibt es eine Extra-Hölle für Bombenbauer? Wenn nicht: sofort einrichten!
Wieder eine Autobombe in Beirut – genauer gesagt: In Haret Hreik, in der von Schiiten bewohnten südlichen Vorstadt. Bislang ist von vier Toten und über 60 Verwundeten die Rede. Welch ein Jahresbeginn für 2014.!

Haret Hreik gehört zu den Vierteln, die Hisbollah als ‚ihr Revier‘ betrachtet. Der Anschlag folgt nur wenige Tage nach einer Autobombe in Beiruts Downtown, dem acht Menschen zum Opfer fielen, darunter der ehemalige Finanzminister Mohamed Chatah. Chatah war ein führender Kopf der von Sunniten dominierten „March 14“-Allianz und ein scharfer Kritiker der Hisbollah und ihrer militärischen Intervention in Syrien auf Seiten des Assad-Regimes.

Wiederum wenige Wochen zuvor hatten zwei Selbstmordattentäter sich unweit der iranischen Botschaft in einem von Schiiten bewohnten Viertel in die Luft gesprengt. 30 Tote und unzählige Verletzte. Dazu bekannten sich die Al-Kaida-nahen Abdallah-Azzam-Brigaden, deren saudischer Anführer offenbar vor wenigen Tagen in Beirut verhaftet worden ist.
Für den Mord an Chatah und sieben weiteren Menschen hat bislang noch niemand die Verantwortung übernommen. Chatahs politische Parteifreunde beschuldigen Hisbollah.
„Eine Bombe in der Vorstadt, eine in Beirut, eine in der Vorstadt, eine in Beirut“, sagt der Kiosk-Verkäufer in meinem Wohnviertel, mit dem ich die Live-Bilder aus Haret Hreik anstarre. „Das ist der Libanon.“

Über die Hisbollah lässt sich an diesem Abend nur so viel sagen: Sie hat ihren Nimbus als unangreifbare Macht im Libanon endgültig verloren, kann nicht einmal die eigenen Viertel mehr vor Anschlägen schützen.
Die Beteiligung am syrischen Bürgerkrieg provoziert nicht nur den Terror sunnitischer Extremisten, sondern sorgt unter Schiiten zunehmend für Unmut und Unruhe. Was die Hisbollah-Führung wiederum zunehmend nervös macht. Nächste Woche soll die Bildung eines neuen Kabinetts gegen den Willen der Hisbollah verkündet werden.
„Keep Calm, Beirut“ kann man da nur rufen – auch wenn man selbst zunehmend daran zweifelt.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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3 Antworten zu Eine Autobombe zum Jahresbeginn

  1. Janosch der Wahre schreibt:

    :/
    hoffentlich ist die Bezahlung es wert.
    Und, falls eines Tages mal nicht mehr: Die „Medallie“ einmal umdrehen; nicht jedem liegt die Lösung so nah, wie Ihnen. Doch die Brille auf der eigenen Nase übersieht man schon mal …

    Salam

  2. Georg Ostermayer schreibt:

    Danke für die guten Berichte. Ich lese sie alle auch wenn s für mich ein fremdes Thema ist. Passen Sie gut auf sich auf! Ein glücklich es 2014

    Georg Ostermayer

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