Ein Bombenkrater in Downtown – zum jüngsten Bombenanschlag in Beirut

Es gibt diesen Moment, an dem die Stadt kurz innehält. Dann, wenn die erste Eilmeldung eines neuen Anschlags über Fernsehen, Twitter, Facebook und Handy läuft, und kurz darauf das Mobilfunknetz zusammenbricht, weil jeder Angehörige und Freunde anrufen will.

Die Bombe ging um kurz vor zehn Uhr Ortszeit hoch, wenig später waren die ersten Kamerateams vor Ort und lieferten Nahaufnahmen von Toten, Verstümmelten und Verwundeten in jedes Beiruter Café, jede Shopping Mall, jede Werkstatt mit Fernseher, jedes Sportstudio. Ein halbe Stunde später hatte die Stadt wieder ihre normale Betriebsamkeit erreicht.
Ist das Beiruter Abgebrühtheit? Menschliche Kunst des Verdrängens? Oder ein trotziges „Keep Calm“?

Ich wundere mich inzwischen selbst, wie schnell ich mich an vieles in dieser Stadt gewöhnt habe: An Panzerfahrzeuge unter öffentlichen Weihnachtsbäumen, Straßensperren, Soldaten mit Schnellfeuergewehren an der Kreuzung vor meinem Haus. Und irgendwann, so abartig es klingt, auch an Attentate.
Nach dem ersten Schock der Bilder habe ich meine Familie in Deutschland beruhigt und bin zu meinem lange verabredeten Termin in Beirut gefahren.

Die Stadt erlebt – nein: keinen Krieg – sondern eine Anschlagserie. Nach mehreren Attentaten durch sunnitische Extremisten in schiitischen Suburbs – zuletzt unmittelbar vor der iranischen Botschaft – wurde die Autobombe von diesem Freitag  in Beiruts Hotel-und Geschäftszentrum gezündet, als der Wagen des ehemaligen Finanzministers Mohammad Chatah vorbei fuhr. Außer Chatah starben ein Leibwächter und mindestens vier weitere Menschen. Dutzende wurden zum Teil schwer verletzt.

Es hat etwas zutiefst Unwürdiges, sich auf das prominenteste Opfer solcher Attentate zu konzentrieren – als hätten die anderen keinen Namen, keine Bedeutung gehabt. Doch lässt sich aus Chatahs Biographie einiges über mögliche Hintergründe herauslesen (die Betonung liegt auf „mögliche“): Chatah, ein Sunni, war ein Vertrauter des ehemaligen libanesischen Premierministers Rafik Hariri und dessen Sohnes Saad. Zwischen 1997 und 2000 amtierte er als Libanons Botschafter in den USA, weswegen sein Tod dort höhere Wellen geschlagen hat als in europäischen Medien.

Hariris „Future Movement“ ist die dominante Gruppierung in der überwiegend sunnitischen Parteienallianz „14. März“, die sich seit Monaten in einer politischen Total-Konfrontation mit einem überwiegend schiitischen Bündnis des „8. März“ unter Führung der Hisbollah befindet. Hauptgrund ist Libanons Schattenmacht Syrien und der dortige Krieg. Hisbollah unterstützt das Assad-Regime militärisch und ist eng mit dem Iran verbündet, Hariri sympathisiert mit dem Widerstand gegen Assad und nennt inzwischen Saudi-Arabien sein zweites Zuhause.

Chatah war ein kompromissloser Kritiker des syrischen Regimes wie der Hisbollah. Der amerikanische Journalist David Kenner zitiert in einem Nachruf Chatahs letzten Blog-Eintrag über Syrien. Darin spricht dieser dem Assad-Regime jede Fähigkeit zum Kompromiss und zu Verhandlungslösungen ab:  „Das Regime ist ebenso brüchig und labil wie brutal und skrupellos. Es kann brechen, aber sich nicht biegen.“ Allein deswegen, so Chatah, sei Iran und der Hisbollah daran gelegen, den syrischen Krieg möglichst lange hinauszuzögern. Hisbollah beschuldigte er, jene politische Dominanz über den Libanon erlangen zu wollen, die einst Syrien als de-facto Besatzungsmacht ausgeübt hatte.

Der Anschlag auf Chatah ereignete sich unweit jener Stelle, an der am 14. Februar 2005 der Rafik Hariri und über 20 weitere Menschen getötet worden waren – ebenfalls durch eine Autobombe. Dieses Attentat setzte seinerzeit im Libanon eine Welle der Empörung und die sogenannte „Zedernrevolution“ in Gang, die Syrien schließlich zum Abzug seiner Truppen und – zumindest offiziell – seines Geheimdienstes zwang. Damals kam es zu zwei riesigen Massenkundgebungen in Beirut: einer pro-syrischen am 8. März 2005, einer anti-syrischen am 14. März. Daher die Namen der heutigen politischen Konfliktgruppen.

Zur Aufklärung des Mordes an Hariri wurde auf internationalen Druck ein Sondertribunal für den Libanon eingesetzt, das nach libanesischem Recht aber mit internationalem Personal arbeitet – aus Sicherheitsgründen nicht in Beirut, sondern inzwischen in Den Haag. Nach jahrelangen Ermittlungen sind inzwischen fünf Mitglieder der Hisbollah angeklagt. Der Prozess soll in Abwesenheit der Angeklagten am 16. Januar beginnen.

Das ist, wie gesagt, das größere politische Bühnenbild dieses Anschlags vom 27. Dezember, keine Andeutungskette, die zu den Tätern führt. Die für den Moment einzig zulässige Schlussfolgerung lautet: Der Takt der Anschläge in Libanons Hauptstadt wird schneller. Man mag den politischen (Ohn)Macht-Blöcken samt ihren ausländischen Sponsoren Iran und Saudi-Arabien glauben, dass sie den Libanon nicht zum Kriegsschauplatz machen wollen. Aber je länger der Krieg Nachbarland andauert, desto eher verlieren sie die Kontrolle über die zahlreichen Splittergruppen und Brigaden, die unter ihren jeweiligen ideologisch-religiösen Bannern versammelt sind. Und das ist im Moment wohl die größte Gefahr für den Libanon.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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