Wo sind denn jetzt die Guten in Syrien?

„Where are the good guys?“ fragt der Economist in einem aktuellen Beitrag zur Lage in Syrien – und illustriert den Text mit den drei  Weltrettern François Hollande, David Cameron und Barack Obama, die ratlos auf einen Assad mit Blut triefenden Händen und einen Dschihadisten mit Kalaschnikow und blutigem Messer blicken. Die Antwort scheint also klar: Es gibt sie nicht mehr. Die Freie Syrische Armee, einst Synonym für den Freiheitskampf gegen das syrische Regime, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, gejagt oder verdrängt von islamistischen Fraktionen, von denen eine Allianz unabhängig von Al Kaida, eine andere unter dem Namen der Terrororganisation agiert.

Nicht, dass an diesem Teil der Analyse irgendetwas falsch wäre. Aber ich begreife einfach nicht, warum der Widerstand gegen eine Diktatur auf jene reduziert wird, die eine Waffe in der Hand haben.
Stellen wir die Frage also noch einmal – und etwas weniger platt: Wo sind denn nun jene Syrer, die sich für Menschenrechte und demokratischere Verhältnisse einsetzen?
Zum Beispiel im zerschossenen und zerbombten Aleppo, wo die syrische Armee gerade „barrel bombs“ abgeworfen hat, große mit Sprengstoff, Nägels und Eisenteilen gefüllte Metallbehälter. Dort versuchen gewählte lokale Komitees immer noch, den Schulbetrieb aufrecht und ein Minimum an Versorgung zu erhalten.
Zum Beispiel im „Violations Documentation Center“ (VDC), wo Aktivisten seit 2011 die Menschenrechtsverletzungen des Regimes und der Rebellen dokumentieren: den Einsatz von Brandbomben durch Assads Truppen, die unzähligen Entführungen durch verschiedene Kampfparteien, die Folter, die Massaker, die Lage in den von der Regierung belagerten Vororten von Damaskus.
Das sind nüchtern recherchierte Berichte des Grauens. Aber das mindeste, was man von außen tun kann, ist, sie zur Kenntnis zu nehmen.
Die Aktivisten des VDC machen weiter, obwohl ihr prominentestes Mitglied, Razan Zeitouneh, weiterhin in der Gewalt von Geiselnehmern ist. Zeitouneh, von manchen inzwischen auch „Syriens Mandela“ genannt, war am 10. Dezember zusammen mit ihrem Mann und zwei weiteren Aktivisten aus dem VDC-Büro in Douma, einem von Rebellen kontrollierten Vorort von Damaskus verschleppt worden. Bis heute fehlt ein Lebenszeichen. Zeitouneh war in Douma geblieben, obwohl sie zuletzt massiv von islamistischen Hardlinern bedroht worden war. Andere Brigaden haben sich von der Entführung distanziert und geben an, nach den vier Verschleppten zu suchen.

Es gibt sie also, die „good guys“, und nichts ist für diese Menschen verheerender als die sich abzeichnende „Realpolitik“ der internationalen Gemeinschaft. Die lautet: ein Syrien mit Assad ist immer noch besser als ein Syrien ohne Assad. Denn die Alternative könne nur ein Machtvakuum voller Al-Kaida-Kalifate sein. Entsprechend äußerste sich in der New York Times schon Anfang Dezember der US-Diplomat Ryan Crocker: „So schlimm Assad auch ist, er ist nicht so schlimm wie die Dschihadisten, die an seiner Stelle die Macht übernehmen würden.“ So ähnlich äußern sichauch westliche Diplomaten gegenüber Vertretern der syrischen Opposition.

Damit wäre die Propaganda– und Kriegsstrategie des Regimes in Damaskus bis auf weiteres voll aufgegangen: den Protest von Beginn als „Terrorismus“ denunzieren und darauf hoffen, dass mangels konsequenter Unterstützung für moderate Gruppen am Ende tatsächlich nur Extremisten übrig bleiben. Der zivile Widerstand würde dann zwischen beiden Seiten zerrieben.

Die Alternative? Warten auf eine neue Verhandlungsrunde in Genf Ende Januar ?
Das hieße, beiden Seiten, vor allem aber dem Regime weiter Zeit zu lassen, Menschen zu töten und das Land zu verwüsten. Die Lage in den Flüchtlingslagern im Libanon, in der Türkei und in Jordanien ist schon schlimm genug. In Syrien aber sind Millionen von Inlandsflüchtlingen Gefangene im eigenen Land. Die syrische Regierung, so Human Rights Watch (HRW), setze die Verhinderung von Hilfslieferungen „als Kriegswaffe ein“ gegen Gebiete, die von der Opposition kontrolliert werden.
Humanitäre Hilfe schafft noch keinen Waffenstillstand geschweige denn Frieden, aber sie könnte zumindest einige Not lindern. Für die Syrer ist es schier unbegreiflich, warum der UN-Sicherheitsrat Assad zur Aufgabe des C-Waffen-Arsenals gezwungen hat, ihn aber nicht zwingen will, humanitäre Hilfe in alle Teile des Landes zu lassen. Oder diese Hilfe ohne Zustimmung des Regimes über die Grenzen ins Land bringen lässt.

Der Grund dafür liegt vor allem an der Blockadehaltung Russlands. Dafür, so schrieb der HRW-Direktor Kenneth Roth im New York Review of Books, „musste Moskau bislang keinen allzu hohen Preis bezahlen.“ Weder habe es ein diplomatisches naming and shaming gegen die schändliche russische Politik in Syrien gegeben, noch habe man Sanktionen gegen russische Banken und Rüstungskonzerne erwogen, die Assad mit Waffen versorgen.
Stattdessen wurden nun alle humanitären Erwägungen dem amerikanisch-russischen C-Waffen-Deal mit Syrien untergeordnet.

Gibt es Gründe, warum das so bleiben muss?
Eigentlich nur einen: die Syrien-Müdigkeit der internationalen Öffentlichkeit und der westlichen Regierungen. Und die abzustellen ist eine Frage des politischen Willens. So einfach ist das. Und so erschreckend.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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