In eigener Sache: Ein Ortswechsel mit Folgen

Liebe LeserInnen,

es gibt eine nicht unerhebliche geographische Veränderung mitzuteilen. Seit dem 1. November heißt mein Wohnort nicht mehr Berlin, sondern Beirut, wo ich als ZEIT-Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten zuständig bin. Für mich ist das ein Neuanfang – ebenso spannend wie Nerven aufreibend, wenn man sich die Lage in der Region ansieht. Eines aber bleibt gleich: Ich werde es wie schon zuvor mit Ländern und Menschen zu tun haben, für die Umbrüche, Gewalt, Entwurzelung und die Kunst der Improvisation keine Ausnahme, sondern seit Jahren der Normalfall sind.
Und jetzt lebe ich auch in einem solchen Land.

Der Libanon ist etwa halb so groß wie Hessen, hat (geschätzte) 4.5 Millionen Einwohner – und inzwischen über eine Million Vertriebene aus Syrien. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil der Flüchtlinge von 20 Prozent. Ein ebenso dramatischer wie trauriger Weltrekord. Man addiere dazu einen Flickenteppich von 18 Religionsgemeinschaften, mehrere elendige Palästinensercamps, das tabuisierte Erbe eines Bürgerkriegs und eine aktuelle politische Totalblockade zwischen einer  überwiegend schiitischen und einer überwiegend sunnitischen Fraktion. Was kommt dabei heraus? Eine kleine Nation, die eingerahmt von Mittelmeer, Syrien und Israel, so ziemlich jedes Konfliktpotenzial des Nahen und Mittleren Ostens bereit hält. Und jede Variante des Umgangs damit: Von Gewalt über feindselige Koexistenz bis zu friedlichem Miteinander.

Daraus ergeben sich, ganz eigennützig betrachtet, eine Menge Themen, über die sich schreiben lässt. Unter anderem die legendäre Fähigkeit der Bewohner Beiruts, jeder Krise mit ausgiebigen Partys und durchtanzten Nächten zu begegnen. Als gäb’s kein Morgen mehr. So geschehen auch gestern Abend bei einem sogenannten Sound Clash – einem musikalischen Duell der momentan wohl besten libanesischen Bands in ein und derselben Konzerthalle. Die eine trägt den interessanten Namen „Who killed Bruce Lee“ und spielt wunderbaren Indie- und Electro-Rock. Die andere heisst „Mashrou‘ Leila“ und bietet Indie-Rock mit armenisch-arabischem Einschlag, arabische Interpretationen von Jacques Brel und bissige Texte gegen die Tratschsucht in Beirut oder Homophobie in der arabischen Welt.

Der Kampf ging unentschieden aus, das Publikum war vollauf begeistert, und der Moderator/Referee brüllte am Ende: „We give a shit about what is real – wir geben einen Scheiß auf das, was real ist.“ In diesem Fall eine politische Existenzkrise, ein Flüchtlingsdesaster und, keine vier Tage her, zwei Selbstmordanschläge mit über zwanzig Toten.
Ich taumelte am Ende mit rund 3000 Leuten aus der Konzerthalle heraus – den Kopf voller guter Musik und voller Staunen über diese leicht verstörende Schizophrenie. Dann ging ich nach Hause, vorbei an vollen Kneipen, Spätkauf-Buden und Graffitis. Darunter dieses, das derzeit überall in der Stadt zu sehen ist und von einem britischen Propaganda-Poster aus dem Zweiten Weltkrieg inspiriert ist:

Keep Calm Beirut„Keep calm wa Roueh Shway – Keep calm and take it easy.“ Immer schön ruhig bleiben, Beirut, die Lage ist schon angespannt genug.
Das ist jetzt meine Stadt. Und ich werde sie von nun an in diesem Blog unter der Rubrik „Keep Calm, Beirut“ erkunden und vorstellen. Wenn ich nicht gerade unterwegs bin.

Was nun Sub-Sahara Afrika, den bisherigen Schwerpunkt dieses Blogs, angeht: Wie ein Blick in den Weltatlas zeigt, sind die arabische Welt und Afrika auf das engste miteinander verbunden. Deswegen werde ich an dieser Stelle auch in Zukunft über Ereignisse im Sudan und am Horn von Afrika schreiben – zwei Länder/Regionen, die sich ohnehin als Teil der arabischen Welt verstehen.
Und was „Afrikas Herz“ betrifft, den Kongo, so werde ich auch dessen Entwicklungen weiter beobachten. Ansonsten aber heisst es ab sofort: Böhms Logbuch – zwischen Casablanca und Bagdad.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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