Wie stark ist Al Shabaab wirklich?

Terrorismus ist der Versuch, mit einigen, wenigen Gewaltakten ein kollektives Gefühl von Sicherheit zu zerstören. Terrorismus – das ist auch die Kunst, Gewalt so inszenieren, dass ihre Urheber mächtiger erscheinen, als sie womöglich sind. So betrachtet, scheint Al Shabaab vergangene Woche mit dem Anschlag auf die Westgate Mall in Nairobi ein Meisterstück gelungen.

Nun haben es die kenianischen Behörden der Terrorgruppe offenbar nicht allzu schwer gemacht. Wie kenianische Zeitungen inzwischen berichten, haben die nationalen Geheimdienste seit Monaten vor einem Terrorangriff dieser Größenordnung gewarnt. Die Westgate Mall wurde mehrfach als konkretes Anschlagsziel erwähnt. Trotzdem konnte das Al-Shabaab-Kommando in den Wochen zuvor einen Laden im Einkaufszentrum mieten und dort Munition und Waffen bunkern. In Nairobi herrscht jetzt erhöhter Klärungsbedarf.

Was also sagt das Attentat von Nairobi über die wirkliche Stärke von Al Shabaab aus?Die spontane internationale Medien-Reaktion schwankt zwischen verbalem Donner gegen die „Steinzeit-Islamisten“ (was die Debatte nicht wirklich weiter bringt) und Analysen über die globale Expansion der Organisation, die das Bild einer schlagkräftigen entgrenzten Terrorgruppe mit Rekruten aus den USA und Europa entstehen lassen. Meine eigene unmittelbare Reaktion auf das Westgate-Massaker folgte genau dieser These

Was aber, wenn der Anschlag nicht Indiz für Al Shabaab’s neue Stärke, sondern für ihren Niedergang ist? Diese These vertritt Ken Menkhaus, einer der besten ausländischen Somalia-Kenner.
„Es war ein Akt der Verzweiflung einer dschihadistischen Gruppe“, schreibt er, „die von internen Machtkämpfen und schwindender öffentlicher Unterstützung geplagt ist.“

Al Shabaab hat in der Tat einen blutigen Richtungskampf zwischen „moderatem“ und „radikalen“ Flügeln hinter sich.  „Moderat“ ist im Kontext der Gruppe, wer Kritik an Selbstmordattentaten mit überwiegend muslimischen Toten übt, Anschläge im Ausland nicht gut heißt und Al Shabaab’s Schlachtfeld vor allem in Somalia sieht. „Radikal“ heißt, den Dschihad möglichst brutal nach außen zu tragen – zunächst in jene Länder, die im Rahmen der Mission der Afrikanischen Union (AMISOM) Truppen gegen die Miliz nach Somalia geschickt haben: Das sind Uganda, Burundi und Kenia.
Diesen Richtungskampf haben die Radikalen unter dem Shabaab-Führer Ahmed Abdi Godane gewonnen. Godane soll auch den Anschlag in Nairobi angeordnet haben.

Menkhaus sieht die Radikalisierung als Folge der militärischen Verluste, die die Miliz in den vergangenen drei Jahren durch AMISOM hat hinnehmen müssen. „Paradoxerweise ist eine geschwächte Al-Shabaab eine größere Gefahr außerhalb Somalias als eine starke Al-Shabaab.“ Die Miliz wurde 2011 zunächst aus Mogadischu vertrieben, dann auch aus der südlichen Hafenstadt Kismayo, deren Zölle als wichtige Einnahmequelle dienten. Dass Konfliktparteien zur asymmetrischen Kriegsführung greifen, sobald sie gewonnenes Territorium nicht mehr halten können, ist nun nichts Neues. Die Taliban praktizieren das (leider sehr erfolgreich) in Afghanistan praktiziert.

Interessant ist Menkhaus‘ Risikoanalyse für Al Shabaab. Gewissermaßen mit dem Rücken zur Wand sei die Miliz mit dem Westgate-Massaker ein „high risk gamble“ eingegangen: Ihr Kalkül ist es, Polizei-und Mobgewalt gegen die riesige somalische Exilgemeinde in Kenia zu provozieren, als deren Beschützer sie sich dann aufspielen könnte. Diese Strategie, so Menkhaus, birgt jedoch eine erhebliche Gefahr für die Miliz: Jede Form von Gewalt und staatlicher Gegengewalt auf kenianischem Boden stört dort die Geschäfte der somalischen Business-Community. Die ist längst ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Sie ist zudem ein nicht zu unterschätzender politischer Faktor daheim in wie im Ausland. Über die Jahrzehnte des Bürgerkriegs ist in Somalia zwar der Staat zusammengebrochen, nicht aber die Wirtschaft. Die lukrativen Geschäfte mit Vieh, Khat, Geldtransfers, Waffen, Telekommunikation, Immobilien, Benzin und zuletzt Piraterie kamen nie ins Stocken und haben eine mächtige Elite international agierender Geschäftsleute etabliert.
„Die Interessen der somalischen Business-Community zu durchkreuzen“, so Menkhaus, „ist noch nie einem politischen Akteur, ob ausländisch oder inländisch, gut bekommen.“

Menkhaus hofft nun auf zweierlei: dass Kenia der islamistischen Miliz nicht den Gefallen tut, einen Rachefeldzug gegen Eastleigh zu starten (so heißt das somalische Viertel in Nairobi). Und dass der Anschlag von vergangener Woche den Somalis selbst als Weckruf dient. Es gibt in Eastleigh zweifellos Shabaab-Sympathisanten; es gibt in Somalia nach wie vor Kollaborateure und Geschäftsleute, die ihre Deals mit der Miliz machen. Und es gibt einen, wenn auch fast verpufften nationalistischen „Bonus“, den die Organisation in Teilen der Bevölkerung genießt, weil sie als einzige gegen fremde Truppen kämpft.

Menkhaus wünscht sich einen „Aufstand der aufrechten Bürger“. Das lässt sich leicht fordern, wenn man selbst nicht den Kopf hinhalten muss. Dutzende somalische Journalisten haben mit dem Leben bezahlt, weil sie offen gegen Al Shabaab agitierten. In Mogadischu kommt es immer wieder zu (Selbst)mordanschlägen – und in den von Shabaab befreiten Gebieten zieht nicht etwa Ruhe und Ordnung ein. Bestenfalls entsteht ein Vakuum, schlimmstenfalls tragen konkurrierende Klanchefs ihre Scharmützel aus. Genau diese Gesetzlosigkeit hat den Aufstieg Al Shabaabs als Teil einer islamistischen Ordnungsmacht vor bald zehn Jahren überhaupt erst möglich gemacht.

Dass man der Miliz das Wasser abgraben kann, beweist Somaliland, jene abtrünnige Republik im Nordwesten des Landes, die sich Anfang der 90er Jahre für unabhängig erklärte und einen erstaunlich friedlichen Wiederaufbau geschafft hat. Dort gilt vom Polizeichef in der Hauptstadt bis zum Klanchef im hintersten Dorf die Devise: „Keinen Fußbreit für Shabaab“. Diese Mischung aus nachrichtendienstlicher Aufklärung, Strafverfolgung und sozialer Kontrolle funktioniert erstaunlich gut.
„Dies ist“, schreibt Menkhaus, „letztlich ein somalisches Problem – und es verlangt eine schnelle und eindeutige somalische Lösung. Wenn das passiert, wird der fürchterliche Anschlag vom 21. September als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem Al Shabaab ihr eigenes Grab geschaufelt hat.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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