Das endgültige Ende des Charles Taylor

Noch während der Urteilsverkündung am Donnerstag in Den Haag hat er offenbar gehofft, das Gericht als freier Mann verlassen zu können. Oder zumindest eine deutlich reduzierte Strafe zu erhalten. Doch die Berufungskammer des internationalen Sondertribunals für Sierra Leone (SCSL) ließ am Ende keinen Zweifel: der ehemalige liberianische Präsident Charles Taylor geht wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit für 50 Jahre ins Gefängnis. Der Mann ist jetzt 65 Jahre alt. De facto bedeutet das lebenslänglich. Derzeit wird entschieden, wo er die Strafe absitzt. Großbritannien, Schweden und Ruanda haben dem Tribunal angeboten, den prominenten Häftling in ihren Strafvollzug zu übernehmen.

Die erstinstanzliche Kammer des SCSL hatte Taylor am 26. April 2012 ebenfalls zu 50 Jahren verurteilt – wegen Beihilfe zu Verbrechen begangen von der „Revolutionary United Front“ (RUF). Die RUF, berüchtigt für Terror-Kampagnen gegen die Zivilbevölkerung und Zwangsrekrutierung von Kinder, war eine Fraktion im Bürgerkrieg des Nachbarlandes Sierra Leone – ein Konflikt, der wegen seiner immensen Brutalität internationale Medien ähnlich beschäftigte wie heute der Syrien-Krieg. Taylor, selbst Ex-Warlord in seiner Heimat Liberia, war der wichtigste Waffenlieferant der RUF, und ließ sich von den Rebellen zum Teil in Diamanten aus den reichhaltigen Minen Sierra Leones bezahlen.

Bemerkenswert ist, dass die Berufungsrichter des SCSL sich in ihrer Begründung ausdrücklich von ihren KollegInnen des UN-Jugoslawien-Tribunals distanzieren. Die hatten vor kurzem im Berufungsverfahren des ehemaligen jugoslawischen Generalstabschef Momcilo Perisic, beschuldigt der Beihilfe zu Kriegsverbrechen von bosnischen Serben, argumentiert, der Tatbestand der Beihilfe (aiding and abetting) erfordere den Nachweis der „specific direction“. Soll heißen: der Angeklagte muss nicht nur von den Verbrechen gewusst haben, die mit seiner Hilfe begangen wurden. Er muss sie mit seiner Beihilfe direkt angeleitet oder angestiftet haben. Nach diesem Maßstab wären Strafverfahren gegen die „großen Fische“, die politischen und militärischen Hintermänner, ungleich schwerer bis unmöglich. Perisic wurde denn auch frei gesprochen.

Das SCSL erteilte der Argumentation der ICTY-Richter eine klare Absage. Es war seine letzte Amtshandlung. Das Tribunal schließt  seine Pforten – mit einem Urteil, das im besten Sinne Rechtsgeschichte schreiben wird.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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