Ein Nobelpreis für Denis Mukwege

Nach der Verleihung des Friedensnobelpreises kommen oft Zweifel an den Auserwählten auf. Bei der Verleihung des Right Livelihood Award, auch „Alternativer Nobelpreis“ genannt,  trifft es eigentlich immer die Richtigen. In diesem Jahr zählt zu den Ausgezeichneten der kongolesische Arzt und Menschenrechtler Doktor Denis Mukwege. LeserInnen dieses Blogs und der ZEIT kennen ihn und seine Arbeit.

Vor über fünfzehn Jahren – mitten in den Trümmern der Kongo-Kriege –  errichtete Mukwege in einem Krankenhaus in Bukavu in der Provinz Süd-Kivu eine Station für Gynäkologie und Frauenheilkunde. Heute zählt das Panzi-Hospital zu den wenigen international renommierten Krankenhäusern im Kongo. Für zehntausende von Frauen ist es über die Jahre zur Rettungsinsel geworden. Für die einen, weil sie hier professionelle Geburtshilfe finden, für die anderen, weil Mukwege und sein Team sich auf die Behandlung von Vergewaltigungsopfern mit schwersten Verletzungen spezialisiert haben. Frauen (und manchmal auch Männer), deren Unterleib durch Bajonette, Flaschen, Scherben oder Gewehrläufe verstümmelt worden ist.

Ich habe Mukwege bei meinen Reisen in den Kongo immer wieder getroffen. Über Jahre hinweg mitten in einem Kriegsgebiet ein Krankenhaus am Laufen zu halten, bedarf exzellenter Teamarbeit – aber eben auch einer charismatischen Persönlichkeit an der Spitze. An Ausstrahlung mangelt es dem 58 Jährigen ebenso wenig wie an medizinischen Fachkenntnissen, Stehvermögen und unerschütterlicher Sturheit.

Die Rolle von ÄrztInnen und PflegerInnen in Krisengebieten wird oft als eine karitative missverstanden. Tatsächlich ist sie hoch politisch und damit auch extrem riskant. Wer zwischen den Fronten oder mitten im Konflikt medizinische Nothilfe leistet, gerät schnell ins Fadenkreuz. Er wird von der einen Kampfpartei der Illoyalität beschuldigt und von der anderen als Feldlazarett missbraucht.
Wer wie Mukwege die Opfer sexualisierter Kriegsgewalt behandelt und die Täter an den Pranger stellt, der macht sich alle Seiten zu Feind – allen voran die eigene Armee.

Über das horrende Problem der Vergewaltigungen im Kongo – forciert durch Krieg und Straflosigkeit – wird inzwischen viel berichtet. Dass es Ende der 90er Jahre überhaupt an die Öffentlichkeit kam, dass es heute nicht nur medizinische Behandlung, sondern auch eine öffentliche Debatte im Kongo gibt, ist vor allem kongolesischen Aktivisten und Aktivistinnen wie Mukwege zu verdanken. Der Mann hat unaussprechliche Verletzungen an den Körpern und Seelen von Patientinnen dokumentiert, hat Dossiers über die Gewaltmethoden der verschiedenen Milizen und Rebellengruppen angelegt. Er hat Reportern aus aller Welt schonungslos beigebracht, was in seinem Land vor sich geht – und was sexualisierte Kriegsgewalt jenseits der Verletzung des einzelnen Menschen so verheerend macht: “Wenn man die Frauen zerstört,“ erklärte er mir bei meinem ersten Besuch 2006, „zerstört man die Familie und irgendwann auch das ganze Dorf.”

Mukwege hat in den vergangenen Jahren kaum ein Tabu ausgelassen. Er hat zunehmende sexualisierte Gewalt in den Familien – oft an kleinen Kindern – angeprangert; er hat darauf hingewiesen, dass im Krieg auch Männer zu den Vergewaltigungsopfern zählen. An internationalem Renommee mangelt es ihm schon lange nicht mehr. Man hört ihn auf UN-Konferenzen und in ausländischen Ministerien an – und vielleicht war genau das der Grund, warum im Oktober vergangenen Jahres ein Anschlag auf ihn verübt wurde. Fünf bewaffnete Männer in Zivil waren in sein Haus eingedrungen – vermutlich in der Absicht ihn zu entführen. Mukwege entkam, einer seiner langjährigen Mitarbeiter wurde erschossen. Aus Sicherheitsgründen ging er für mehrere Monate nach Europa. Im Januar diesen Jahres kehrte er zurück nach Bukavu und arbeitet weiter im Panzi-Hospital – unter verschärfter Bewachung.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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