Der Anschlag von Nairobi

Noch ist nicht klar, wie viele Tote und Verletzte es bei dem Anschlag in Nairobi gegeben hat. Am Sonntag Nachmittag hielten sich die Täter immer noch in der Westgate-Mall verschanzt. „The Westgate Spectacle“ nannte es ein Sprecher der somalischen Organisation  Al Shabaah auf seinem Twitter-Account (Al-Shabaab ist auf perverse Weise modern, wenn es um Propaganda geht und hat in der Vergangenheit eigene Anschläge auch schon live auf dem Kurznachrichtendienst kommentiert).

Ein Blutbad mitten in einer Millionenstadt unter größtmöglicher Medienaufmerksamkeit – das ist Terrorismus in Reinform. Die Gewalt und die Verheerung sind ebenso wichtig wie dramatische Live-Berichterstattung. Die spektakulärste Aktion ist zweifellos Al Kaida am 11.September 2001 gelungen.

So bitter es klingt: Der Terroranschlag in Nairobi hat in Kenia kaum jemanden überrascht. Es ist nicht der erste, es wird vermutlich nicht der letzte gewesen sein – und es ist bei weitem nicht der Schlimmste.
Mitten in Nairobi’s hektischem Stadtzentrum erinnert eine Mauer mit eingravierten Namen an die über 200 die Todesopfer des 7. August 1998. Damals hatte ein Al-Kaida-Kommando einen Kleinlaster voller Sprengstoff in die Luft gejagt (zeitgleich verübte die Terrorgruppe ein Attentat mit elf Toten in der tansanischen Hauptstadt Dar es-Salaam).
Das Ziel der sogenannten „embassy bombings“ waren damals  die US-Botschaften, die große Mehrheit der Toten waren afrikanische Zivilisten (und in den Augen der Al-Kaida-Führungsriege nichts weiter als „Kollateralschaden“).

Die Attentäter, die nun in der Westgate-Shopping-Mall in Nairobi ein Blutbad verübt haben, wollten eine multi-religiöse, multi-ethnische Metropole treffen. In ihren Bekenner-Tweets rechtfertigte die Gruppe das Attentat mit Kenias militärischer Präsenz im benachbarten Südsomalia, wo die Armee (genauer gesagt: ihre bezahlten lokalen Fußtruppen) im vergangenen Jahr Al Shabaab aus der wirtschaftlich wichtigen Hafenstadt Kismayo vertrieben haben. Kenias Motive für diese Intervention waren vor allem ökonomisch (es geht um Ölvorkommen und Pipelines, es geht um die Absicherung des Tourismus an der Küste), und Al Shabaab hatte schon seit langem mit Anschlägen wie dem in der Westgate-Mall gedroht.

Aber die Motive der Islamisten gehen weit darüber hinaus: Kenia gehört zu jenen afrikanischen Ländern, in denen Islam und Christentum über Jahrhunderte friedlich miteinander koexistiert haben. Daran hatten weder die Flucht Hunderttausender Somali in das kenianische Grenzgebiet etwas geändert (wo heute der Welt größtes Flüchtlingslager Dadaab steht), noch die Immigration Abertausender Somali nach Nairobi, wo sie heute den Stadtteil Eastleigh dominieren.
Diesen Konsens zwischen christlicher Mehrheit, einheimischer und zugewanderter muslimischer Minderheit will Al Shabaab aufbrechen – ähnlich der nigerianischen Islamisten von Boko Haram. In Nigeria hat die Brutalität der Sicherheitskräfte Boko Haram immer wieder Auftrieb verschafft, in Kenia griffen Polizei und Geheimdienste in letzter Zeit immer wieder zu Methoden wie Folter und Entführungen. Man addiere dazu ein wachsende Zahl leicht zu rekrutierender junger Männer (nicht nur somalischer, sondern auch kenianischer Herkunft), eine kleine aber wachsende Zahl von Hasspredigern auf allen Seiten – und schon hat man ein potenziell gewaltiges Problem.

Was Kenia wiederum auszeichnet, ist eine rege Zivilgesellschaft samt christlicher und muslimischer Würdenträger, die durchaus zur Beruhigung der Situation beitragen kann. Die unmittelbaren Folgen des Anschlages in der Westgate-Mall hängen aber vor allem von einem Mann ab: Präsident Uhuru Kenyatta. Kenyatta, der beim Anschlag in der Mall offenbar Verwandte verloren hat, ist in den Augen der internationalen Presse nicht eben ein Friedensstifter. Weil er vor sechs Jahren Pogrome mit angefacht haben soll, will der Internationale Strafgerichtshof im November in Den Haag einen Prozess gegen ihn eröffnen. Dass Kenyatta dort antritt, erscheint nun unwahrscheinlicher denn je. Damals verliefen die gesellschaftlichen Gräben des Landes noch entlang ethnischer Linien. Jetzt kommt ein religiöser Konflikt dazu.
Kenyatta hatte gleich nach Amtsantritt ein kluges Zeichen gesetzt und eine Außenministerin somalischer Herkunft eingesetzt. Von solchen Signalen bräuchte es jetzt mehr. Die Frage ist, ob Kenyatta die Courage hat, solche Signale zu setzen – auch wenn es weitere Anschläge geben wird.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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