Mali: Nach der Wahl ist vor der Wahl

Am vergangenen Sonntag haben sich die Malier einen feuchten Kehricht geschert um all die Krisenszenarien zu den Präsidentschaftswahlen. Sie sind stoisch, geduldig und entschlossen an die Urnen gegangen – trotz bitterer Kritik an den teils chaotischen Vorbereitungen und trotz der Angst vor Terroranschlägen durch militante Islamisten. 52 Prozent der Stimmberechtigten haben gewählt. Das ist viel für Mali, wo die Beteiligung in Zeiten der größten Frustration über Schein-Demokratie  schon mal unter die 30 Prozent-Marke rutschten. Soll heißen: Obwohl Wahlen in der Vergangenheit so oft zum Ritual verkommen sind, haben die Malier nach bald zwei Jahren Dauerkatastrophen ein Zeichen gesetzt.

Soviel zur ersten Runde. Nun kommt die zweite.

Entgegen verfrühter Jubelfeiern seiner Anhänger muss Frontrunner Ibrahim Boubacar Kaita am 11. August in der Stichwahl gegen Ex-Finanzminister Soumaila Cissé antreten. Cissé, Kandidat der Union pour la République et la démocratie (URD) hat im ersten Wahlgang 19, 4 Prozent erhalten, Keita, der für die RPM (Rassemblement pour le Mali) antritt, bekam 39,2 Prozent – also deutlich weniger als die absolute Mehrheit. Gerüchte, Keita habe sich den Sieg bereits im ersten Wahlgang gesichert, hatten prompt Manipulationsvorwürfe aus Cissés Lager zur Folge. Eine böse Abfuhr holte sich der Kandidat der Adéma, Dramane Dembélé, mit gerade einmal 9,6 Prozent.

Die Adéma war einst das Sammelbecken für Gegner der Diktatur, die Mali 1991 einen erfolgreichen Aufstand und einen politischen Frühling beschert hatten. Über die folgenden Jahrzehnte mutierte die Bewegung dann zu einem parteipolitischen Selbstbedienungsladen, dessen Pfründe immer wieder durch Einnahmen aus dem Goldabbau, reichhaltige Entwicklungshilfe sowie sehr innovative Beteiligungen an Schmuggelgeschäften aufgefüllt wurden. Der Adéma gehörte auch Ex-Präsident Amadou Toumani Touré an, der im März 2012 bei einer Meuterei von Soldaten aus dem Amt gejagt worden war. Das resultierende Machtvakuum in Bamako erleichterte es Tuareg-Rebellen und militanten Islamisten ungemein, den Norden des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. So katastrophal die Folgen von Tourés Sturzes auch waren – die meisten Malier weinten ihm keine Träne nach. ATT, wie er genannt wurde, verkörperte wie kaum ein anderer den Niedergang der Adéma: 1991 gehörte er zu jenen Offizieren, die sich gegen die Diktatur stellten, knapp 20 Jahre später galt er als durch und durch korrupt.

Nicht, dass IBK und Cissé für einen frischen Wind in der Politik stünden. Keita, ehemals Premierminister, stieg 2000 aus der Adéma aus, um seine eigene Partei zu gründen. Cissé war 2002 ihr Präsidentschaftskandidat. Arm sind sie beide nicht. Wahlkampagnen sind in Mali der reichen Elite vorbehalten. Das zumindest hat das Land mit den USA gemeinsam.

Politisch trennt die beiden vieles. Cissé war ein wortreicher Gegner des Putsches vom März 2012, Keita hielt sich damals mit Kritik zurück und hat nun den Segen des Coup-Führers Amadou Sanogo.
Keita, der in seinen Reden gern Charles de Gaulle zitiert, hat seinem Gegner nicht nur voraus, dass er deutlich auf Distanz zum alten „ATT-System“ gegangen ist. Er gilt als relativ integer und verschaffte sich Respekt, weil er als erster Präsidentschaftskandidat einen öffentlichen Auftritt in Kidal wagte, der Hochburg der Tuareg-Rebellen in Nord-Mali. Die Einheit der Nation ist eines seiner großen Wahlkampfthemen. Sollte IBK am 11. August gewinnen, wird das nur ein gigantisches Problem von vielen auf seinem Tisch sein.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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Eine Antwort zu Mali: Nach der Wahl ist vor der Wahl

  1. Wilfried Hoffer schreibt:

    Liebe Frau Böhm,
    ATT war nie in der ADEMA.
    MfG
    Wilfried Hoffer

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