Sprühende Wut – Straßenkunst in Ägypten

Egal, was man von den Endlosrevolutionen in Ägypten hält: die Energie und Kreativität des Protestes verlangt einfach Respekt. Schon beim Hin- und Zuschauen wird man entweder erschöpft oder möchte selbst, wenn schon nicht die Welt, so wenigstens die nächstbeste Häuserwand verändern. Die Frage ist: woher habe die Leute all diese Ideen? Und all die Sprühdosen? Hier einige Kostproben der ägyptischen Straßenkunst, die seit dem Sturz von Hosni Mubarak im Februar 2011 die Luft am Flirren hält:

Der Graffiti-Künstler, Dokumentarist und Aktivist Ganzeer hat mit Hilfe von Google Map eine Cairo Street Art Map entworfen, auf der man Graffitis und Wandmalereien anklicken kann. Weltberühmt sind inzwischen Sprayer wie „Sad Panda“, der seine Graffitis mit besagtem „traurigen Panda“ signiert.
Sehr viel simpler, aber ebenso hübsch sind Graffitis wie „Tantawi’s underwear“, die mit hellblauen Panzern gemusterten Unterhosen des ehemaligen Armeechefs und Feldmarschalls Hussein Tantawi. Passt auf jeden Trafokasten.
Tantawi, auch „Mubaraks Pudel“ genannt, übernahm nach dem Sturz seines Herrchens als Vorsitzender des Obersten Militärrates die Regierungsgewalt, trat bürgerliche Rechte mit den Füßen – unter anderem, in dem er Aktivisten wie Ganzeer ins Gefängnis befördern ließ.
Der Sieger der ersten freien Wahlen, Mohammed Mursi, beförderte dann Tantawi  in den Ruhestand. Dessen Nachfolger General Abdel Fatah al-Sisi weigerte sich allerdings, Mursis Pudel zu werden. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Das Muster von Sisis Unterhosen noch nicht.

Schon seit längerem dokumentiert die Autorin Soraya Morayef in ihrem Blog suzeeinthecity die Kairoer Graffiti-Szene. In den vergangenen Monaten hat sie an den Wänden ihrer Stadt grandiose Anti-Mursi-Werke fotografiert, aber auch Graffitis gegen Homophobie und sexualisierte Gewalt. Außerdem Wandbilder von Menschen, die von der Polizei bei Demonstrationen erschossen wurden, oder bittere Satiren gegen religiöse Fanatiker. Viele sind mit Parolen oder Versen versehen. Die kleine Kostprobe hier stammt aus meiner Ausbeute von einem Kairo-Besuch im März 2012.

Graffiti Kairo
Farblich eher schlicht, aber der Text hat es in sich: „Bring mich doch um, mein Tod wird Deinen Staat nicht wieder auferstehen lassen.“ (Hey Mo, danke für die Übersetzung!)
Dieses Anti-Mubarak-Graffiti könnten inzwischen auch Muslim-Brüder für sich beanspruchen. So ist das mit (Post)-Revolutionen. Mit oder ohne Militärcoup findet man sich schnell auf der anderen Seite der Barrikaden wieder.

Graffiti gilt als Männerdomäne. In Ägypten sprühen auch Frauen ihre Wut an die Wände. Zur Lektüre sei empfohlen: Soraya Morayef’s Blogeintrag „Women in Graffiti: A Tribute to the Women of Egpyt“ sowie ein Portrait der Künstlerin Hend Kheera im Rolling Stone Magazine. Zu deren bekanntesten Graffitis gehört die Frau zum Nicht-Anfassen:

Don't touch

„Nicht anrühren! Sonst droht Kastration“ steht darunter. Inspiriert hat dieses Werk die Armee, als sie zu Zeiten der militärischen Übergangsregierung nach Mubaraks Sturz verhaftete Demonstrantinnen einem „Jungfräulichkeitstest“ unterzog. Vulgo: amtliche Vergewaltigung. Der jetzige Militärchef und derzeitige Volksheld Sisi soll die Praxis ausdrücklich befürwortet haben.

Wer noch nicht müde ist, der klicke auf die Schatztruhe von africandigitalart, wo gerade die Arbeit des ägyptischen Malers Adel el-Siwi auf der Hauptseite präsentiert werden. Siwi’s Bilder sind eine Hommage an das – manchmal überwältigend – heterogene und dissonante Ägypten. (So heterogen, dass das Gerede von der gespaltenen Nation schon wieder unsinnig wirkt)

Und weil nicht alles in Hauptstadt spielt, sei hier noch auf das Projekt ElMadina hingewiesen: Straßenkunst und -theater in Alexandria.
„Die Revolution begann in den Straßen“, sagen die Gründer. Jetzt dürfe man sich die Straße nicht mehr wegnehmen lassen. Weder durch religiösen Hass, durch sexuelle Gewalt oder sonstige Methoden, die „anderen“ aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben. “ Also muss die Kunst raus auf die Straße. ElMadina’s Trainer kommen aus Ägypten, Italien, Deutschland und den Niederlanden, sie üben mit Chören und Street Dance-Gruppen und zeigen, wie politisch ein Straßenclown sein kann.
Das Prinzip ist global und überall anwendbar im Zeitalter der großen Improvisation: Immer schön tänzeln. Nie stehen bleiben.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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