Briefe aus Guantanamo

Der Mann heißt mit bürgerlichem Namen Dante Terrell Smith, inzwischen nennt er sich Yassin Bey, und wer Hip Hop von der politischen Sorte mag, kennt ihn als Mos Def.
Der Mann ist außerdem ein ziemlich guter Schauspieler, bloß hat der Film, mit dem er jetzt Furore macht, nichts mit Kino oder Fernsehen zu tun. Das vier-minütige Video, das am Montag ins Netz gestellt wurde, trägt den Titel „Yasiin Bey (aka Mos Def) force fed under standard Guantánamo Bay procedure“. Inzwischen (Stand 10.7.2013) verzeichnet es über drei Millionen Klicks und es könnte politische Bewegung bringen in eine politische, rechtliche und ethische Desasterzone namens Guantanamo.

Wer es sich nicht selbst anschauen mag: Mos Def lässt sich in orangefarbenen Overall, gefesselt an Händen und Füßen, auf einen Stuhl schnallen. Jemand mit blauen Latexhandschuhen desinfiziert die Spitze eines dünnen Schlauches und führt ihn in das Nasenloch des Gefesselten ein. Er schreit vor Schmerz, bäumt sich auf, wird festgehalten, gerät in Panik. Man lässt erst von ihm ab, als eine Stimme aus dem Off ruft: »Aufhören!«
Cut.

Initiiert hat dieses Video die Menschenrechtsorganisation Reprieve, deren Anwälte mehrere Guantanamo-Häftlinge vertreten. Das „Drehbuch“ hat die Gefängnisverwaltung geliefert: Standard Operating Procedure: Medical Management of Prisoners on Hunger Strike – die Verfahrensregeln zur „medizinischen Handhabung von Gefangenen im Hungersteik“. Wie das im Gefangenenlager abläuft, hat der Insasse Samir Naji al Hasaan Moqbel in einem Brief beschrieben, den die New York Times im April veröffentlichte.

„Wenn sie kommen, um mich in den Stuhl zu zwingen und ich wehre mich, holen sie das E.R.F. (Extreme Reaction Force – ein Einsatzteam aus sechs Mann, das jeden Widerstand oder Protest von Insassen mit Gewalt brechen soll, d.Red.). Also habe ich die Wahl: Entweder nehme ich mein Recht auf Protest wahr und werde zusammengeschlagen oder ich füge mich gleich der schmerzhaften Zwangsernährung.“

Was in der Regel zwei Stunden dauert, hält Mos Def etwa eine Minute durch. Dann bricht er vor Angst und Schmerz weinend zusammen.
Wenn Prominente das Leiden anderer am eigenen Leib demonstrieren, kann das zwiespältig wirken. Oder politisch nach hinten losgehen. 2008 unterzog sich der britisch-amerikanische Journalist Christopher Hitchens vor laufender Kamera dem waterboarding. Dabei wird dem Opfer Wasser auf das mit einem Handtuch bedeckte Gesicht gegossen, bis es zu ertrinken glaubt. Die Bush-Regierung hatte diese Tortur mit orwellschem Sprachgefühl zur »erweiterten Verhörmethode« herabgestuft, Hitchens erklärte sie wieder zur Folter. Zweifellos mit einem mutigen Experiment – nur fragte man sich danach, ob es wirklich den Selbstversuch eines Journalisten brauchte, um Folter beim Namen zu nennen. Sehr viel problematischer war, dass Hitchens in seinem folgenden Artikel den eigentlichen westlichen Zivilisationsbruch im »Krieg gegen den Terror« nicht ansprechen mochte: Die Aufteilung der Welt in Menschen, für die die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gilt, und solche (tatsächliche oder vermeintliche Terroristen), die sich nicht auf sie berufen können. Er verurteilte waterboarding nicht, weil es die Menschenwürde verletzt und gegen das Völkerrecht verstößt, sondern weil es Amerikas Ansehen und Interessen schadet.

Mos Def hat auf geschliffene Reflexionen seines Selbstversuchs verzichtet. Aber er erlaubt einen viel schonungsloseren Blick auf die eigene Entwürdigung. Innerhalb weniger Minuten mutiert ein cooler Rapper zu einem hilflosen Menschen, der nach Abbruch der Tortur von Weinkrämpfen geschüttelt wird und kaum sprechen kann. Als Kommentar zu Guantánamo wirkt das eindringlicher als jede Protesterklärung.

Ob Zwangsernährung Folter ist, darüber scheiden sich die Geister. Das ändert nichts daran, dass der Zivilisationsbruch mit der Existenz Guantánamos fortbesteht. Noch immer befinden sich dort 166 Gefangene in einem Zustand völliger Rechtlosigkeit. Über 80 von ihnen hätten wegen offiziell bescheinigter Ungefährlichkeit längst entlassen werden müssen. 44 sollen auf ewig ohne Prozess in Haft bleiben, weil »Beweise« unter Folter zustande gekommen sind und vor Gericht nicht verwendet werden können. Über 100 sind aus schierer Verzweiflung im Hungerstreik – viele seit Februar. Über 40 werden inzwischen zwangsernährt. Das Video von Mos Def ist denn auch eine Warnung, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Zwangsernährung schiebt den Tod auf, verhindern kann sie ihn nicht.

Über einen der Hungerstreikenden hat die ZEIT vor kurzem berichtet: Der Marokkaner   Younous Chekkouri sitzt seit elf Jahren in Guantanamo und zählt zu jenen über 80 Männern, die schon vor mehreren Jahren als „cleared for release“ eingestuft wurden, also frei gelassen werden, Chekkouri kann nicht nach Marokko zurück, dort drohen ihm erneut Haft und Folter. Deutschland, das in der Vergangenheit bereits zwei Guantanmo-Häftlinge aufgenommen hat, wäre eine Alternative, weil Chekkouri hier Verwandte hat.
Chekkouri, der 20 Kilo verloren hat, wird bislang nicht zwangsernährt, weil er freiwillig (sofern man freiem Willen sprechen kann) ein flüssiges Präparat mit den nötigsten Nährstoffen schluckt. In einem Brief an seine Anwälte von Reprieve hat er im Mai geschildert, mit welchen Methoden die Gefängnisverwaltung die Hungerstreikenden unter Druck setzt:
„Ich musste (auf dem Rückweg in die Zelle von einem Telefongespräch mit seiner Frau, d.Red.) mit dem Gesicht zur Wand stehen, die Wärter alle hinter mir. Ich versuchte mit dem Befehlshabenden zu reden, aber er sagte, ich solle den Mund halten. Zuerst tastete mich einer wie üblich am ganzen Körper ab. Dann steckte einer seinen Finger in meinen Hintern. Dann kam der nächste und wiederholte das Ganze.“

Ein Washingtoner Gericht, das über die Klage eines Insassen gegen seine Zwangsernährung entscheiden sollte, hat nun Anfang der Woche in einem höchst ungewöhnlichen Vorgang Barack Obama direkt in die Pflicht genommen: Nur der Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte könne über den weiteren Umgang mit den Gefangenen entscheiden.
Inzwischen gibt es von der Gefängnisverwaltung ein Zugeständnis: Während des Fastenmonats Ramadan, der nun beginnt, soll die Zwangsernährung erst nach Sonnenuntergang durchgeführt werden.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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