Afrika und der Blick des Nordens (2): Geh’n wir schwarze Babys adoptieren

Da ich mich gerade ausführlich mit Landkarten beschäftige – egal ob antik, digital, surreal oder Masstab gerecht – hier ein besonders hübsches interaktives Exemplar zum Thema „Afrika aus nördlicher Sicht“. Entworfen hat es 2010 die amerikanische Zeitschrift „Mother Jones“. Das linke Magazin (und links bedeutet hier nicht „I-like-Obama“) kartographiert auf seiner celebrity map das „Wettrennen der neuen Afrika- Entdecker“. Nur tragen sie keine Tropenhelme mehr, sondern übergroße Designer-Sonnenbrillen.

Prominent vertreten ist natürlich Madonna, die nicht nur zwei malawische Kinder adoptiert hat, sondern mit ihrer Stiftung „Raise Malawi“ irgendwie gleich das ganze Land unter ihre Fittiche nehmen wollte. Malawi habe sie sich ausgesucht (so wird ihre PR-Agentur zitiert), weil „Südafrika schon von Oprah Winfrey besetzt“ gewesen sei. Die afro-amerikanische Talkshow-Ikone hat dort eine Mädchenschule gegründet.
(Von Mother Jones gibt es übrigens auch eine Chronologie der VIP-Afrika-Retter und Kinder-Adoptierer)

Ein Update des Promi-Rennens lieferte vor kurzem  Sean Jacobs, Gründer des wunderbaren Blogs „Africa Is A Country“ (Motto: The media blog that is not about famine, Bono or Barack Obama)
Auch Stars und Starlets aus den sogenannten „emerging countries“, schreibt Jacobs, haben den Nutzen von TV-und Twitter-gerechten Hilfsmissionen entdeckt. Zum Beispiel die türkische Schauspielerin und Sängerin Seren Serengil, die unlängst in Tansania feststellte, das Land sei voller Schmutz und hinke der Türkei „300 Jahre hinterher“. Am liebsten hätte sie eines der schwarzen Babys vom Fleck weg adoptiert, musste sich aber sagen lassen, dass man fremde Kinder nicht einfach mitnehmen kann – nicht mal afrikanische.

Die südkoreanische Sängerin Lee Hyori wiederum ließ sich  schon vor einigen Jahren mit armen Kindern in Äthiopien ablichten, das taiwanesische Duo Eddie Peng und Amber Kuo fütterte Waisen in Kenia.
Der „White Saviour Industrial Complex“, die „Weiße-Retter-Industrie“, die der nigerianisch-amerikanische Schriftsteller nach dem unsäglichen „Kony 2012“-Video ins Visier genommen hatte, ist also längst nicht mehr „weiß“.  Das Retter-Syndrom globalisiert und diversifiziert sich, ebenso die Neigung von Angehörigen des Show-Biz, sich dabei Idioten zu machen. Nur der Schauplatz für die „Let’s-save-the-world“-Show bleibt immer gleich: Irgendein Land in Afrika.

Vor allem gegen den Adoptionsboom europäischer und amerikanischer Paare regt sich inzwischen Widerstand. Weil Auslandsadoptionen in Lateinamerika und Osteuropa schwieriger werden, versuchen es immer mehr Interessenten auf dem kaum regulierten afrikanischen Markt. „Kinder werden hier zur Ware“, so das Fazit des African Child Policy Forum in einer Studie vom Mai vergangenen Jahres. Promi-Adoptionen wie die von Madonna haben da einen Trend beschleunigt. Dessen Fragwürdigkeit lässt sich auch nicht aus der Welt schaffen, indem man in Malawi ein paar Schulen für „die anderen“ Kinder baut und einmal im Jahr zur Photo-Op erscheint.

Nichts gegen Stars, die ihre Popularität für etwas Vernünftiges nutzen. Aber vielleicht braucht es doch eine UN-Konvention, die das Abfotografieren europäischer, amerikanischer oder asiatischer Prominenter mit süßen, armen afrikanischen Kindern ächtet. Einzelne Hilfsprojekte mögen sinnvoll sein. Aber erstens ersetzen Projekte keine Strukturen. Und zweitens infantilisieren die ewig gleichen Bilder ausländischer Promis, die zwischen Äthiopien und Malawi Babys tätscheln, einen ganzen Kontinent. Rassismus muss nicht immer von Hass gespeist sein. Getränkt in Mitleid klebt er auch an guten Absichten.

Warum ist es für die Bonos und Madonnas –  und damit auch für die westliche Öffentlichkeit – immer noch so verdammt schwer, selbständig handelnde Menschen in afrikanischen Ländern zur Kenntnis zu nehmen? Es geht ja nicht darum, deren oft existenzielle Probleme zu leugnen. Es geht darum, dass dortige Akteure sehr wohl in der Lage sind, diese Probleme selbst dar zu legen.

Das funktionierte schon einmal besser: In den Zeiten der Anti-Apartheid-Bewegung verdrängten weiße Prominente nicht die südafrikanischen Aktivisten von der medialen Bühne, sondern identifizierten sich mit ihrem Anliegen. Solidarität ist eben etwas ganz anderes als Mitleid.
Dafür muss man allerdings andere Bilder im Kopf zulassen. Eine Kostprobe gefällig? The New African Photographyein Multi-Media-Projekt von Al Jazeera, in Ausschnitten auch zu sehen auf der Website von African Digital Art.
Mal was anderes.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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