Der „Terminator“ gibt auf: Bosco Ntaganda will nach Den Haag

Der Internationale Strafgerichtshof (ICC) hat bekanntlich keine Polizei, um Haftbefehle zu vollstrecken. Aber manchmal kommen die Gesuchten von selbst. Bosco Ntaganda, seit 2006 vom ICC der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt, ist gestern in die US-Botschaft in der ruandischen Hauptststadt marschiert und hat die völlig verdutzten Diplomaten gebeten, ihn nach Den Haag auszuliefern.
Das kann nur eines heißen: der Mann hat Angst um sein Leben.

Noch wird spekuliert, wer und was ihn zu diesem Schritt getrieben hat: die Angst vor ehemaligen Kampfgefährten oder vor der ruandischen Regierung, die ihn so lange protegiert hat und über die er vor dem ICC einiges erzählen könnte, was Kigali lieber unter Verschluss halten würde.
Seine Flucht auf das Botschaftsgelände ist jedenfalls eine politische Sensation – und das vorläufig letzte Kapitel eines Lehrstücks über die Frage, welche Pakte man mit gesuchten Kriegsverbrechern um des vermeintlichen Friedens willen eingehen sollte.

Ntagandas Biografie ist die eines eiskalten Überlebenskünstlers, der früh lernte, über Leichen zu gehen: der ruandische Tutsi, 1973 geboren, wurde  als Halbwüchsiger erst zum Flüchtling, dann zum Kämpfer unter Paul Kagame, dessen Rebellen 1994 den Völkermord in Ruanda stoppten, die Macht übernahmen und die Genocidaires in den Ost-Kongo vertrieben. Ntaganda war noch keine 30 Jahre alt, da hatte er auf ruandischer oder pro-ruandischer Seite an zwei Kongo-Kriegen teilgenommen und sich mit zahlreichen Verbrechen den Spitznamen „Terminator“ erarbeitet.

Einer seiner alten Kampfgenossen, Thomas Lubanga, verbüßt eine 14-jährige Haftstrafe, verhängt vom ICC wegen Rekrutierung von Kindersoldaten. Der „Terminator“ musste lange Zeit keine Richter fürchten. Er wurde Kommandant in Laurent Nkundas “Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes” (CNDP), der im Ost-Kongo die Interessen kongolesischer Tutsi und der ruandischen Regierung vertrat: Zugang zu Rohstoffen, Weideland und ein militärisches Gegengewicht zur FDLR, der immer wieder mit Kinshasa liierten Nachfolgeorganisation der Hutu-Genocidaires. 

Als Nkunda 2009 etwas zu eigenwillig androhte, nach Kinshasa zu marschieren und die Regierung von Präsident Joseph Kabila zu stürzen, kam die große Stunde des „Terminators“: Nkunda wurde in einem Deal zwischen den Erzfeinden Kongo und Ruanda geopfert und von Kagame unter Hausarrest gestellt. Ntaganda ließ sich als neuer starker Mann des CNDP mitsamt seinen Kämpfern in die kongolesische Armee integrieren und den Rang eines Generals verleihen. Menschenrechtler waren entsetzt, der ICC war hilflos, die UN-Mission machte gute Miene zum bösen Spiel, sollte es doch der langfristigen Befriedung der Region dienen.
Ntaganda selbst baute eine Parallelhierarchie im Militär auf, scheffelte mit Gold-und Waffengeschäften eine Vermögen – und wähnte sich unantastbar.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Als Kinshasa im vergangenen Jahr die CNDP-Strukturen in der Armee auflösen wollte, brach der „Terminator“ eine Meuterei vom Zaun und gründete unter dem Kürzel M23 eine neue Rebellengruppe. Die besetzte mit tatkräftiger Hilfe Kigalis im November vergangenen Jahres für kurze Zeit sogar die Provinzhauptstadt Goma. Flüchtlingswellen und schwere Menschenrechtsverletzungen aller Konfliktparteien waren die Folge.

Die übliche kongolesische Tragödie. So schien es jedenfalls.

Nur reagierten dieses Mal Ruandas westliche Verbündete, auch die USA, nicht mit lapidaren Ermahnungen, sondern mit dem Stopp von Finanzhilfen und einem diplomatischen Kraftakt: Auf einer Friedenskonferenz in Addis Abeba wurde Kinshasas desaströse Regierung unter neuen Reformdruck gesetzt. Sämtliche Nachbarstaaten des Kongo mussten geloben, sich aus dessen internen Konflikten endlich herauszuhalten. Auch Paul Kagame unterschrieb.

Spätestens da muss der „Terminator“ geahnt haben, dass seine Hintermänner in Kigali ihre schützende Hand zurückzogen. Mehr noch, dass er für Kigali zur Last geworden war. M23 spaltete sich in zwei Fraktionen, die in den vergangenen Wochen ihre internen Kämpfe auf dem Rücken der Zivilbevölkerung in Nord-Kivu austrugen.

Es war sein letzter Aufstand. Am Schluss war er im Ostkongo wie auch in Ruanda mehr Gejagter als Jäger. Sein letzter Coup bestand offenbar darin, die US-Botschaft in Kigali durch sein Anklopfen zu erschrecken.
Die möchte ihren Gast nun möglichst schnell loswerden. Theoretisch könnte ihm auch im Kongo der Prozess gemacht werden, was allerdings nicht in seinem Sinn sein kann. Ein Gefängnis in Kinshasa kann leicht zum Grab werden, zumal Ntaganda auch Unvorteilhaftes über hohe kongolesische Militärs aussagen könnte. Aber Kinshasa hat bereits verlauten lassen, dass Den Haag den „Terminator“ gern haben kann.
Der Internationale Strafgerichtshof hätte dann nicht nur einen weiteren Untersuchungshäftling. Er hätte auch einen Mann in seiner Gewalt, der zwei Jahrzehnte der Verheerung in Zentralafrika verkörpert.
Anfangs als Opfer. Dann als einer der schlimmsten Täter.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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