Afrika und der Blick des Nordens (1): Wahlen und Wutbürger in Kenia

Ende vergangenen Jahres, passend zur Weihnachtszeit, überraschte Oxfam mit einer Studie über das Afrika-Bild in den westlichen (oder nördlichen) Medien. Die permanente Nachrichtenflut über Kriege und Katastrophen, das Ergebnis der Umfrage, schade das Spendengeschäft, da immer mehr Europäer gleichgültig auf das Elend reagierten. In Zukunft sei eine sehr viel „nuanciertere Berichterstattung“ nötig, um die Öffentlichkeit reicher Länder wieder zu sensibilisieren. Oxfam selbst begann deshalb mit einer Kampagne, die die atemberaubende Natur des Kontinents in der Vordergrund stellt.

Eine Hilfsorganisation, die mit oft dramatischen Fotos, Videos und Hilfsappellen auf Krisen (vor allem) in Afrika reagiert, beklagt nun die Folgen eben jener Bilder – und reagiert ihrerseits mit einer höchst umstrittenen neuen „visuellen Ästhetik“. Dieses Dilemma ist allein schon eine breite Debatte wert. Der westliche/nördliche  Blick auf Afrika wird in den nächsten Monaten Thema einer losen Folge von Beiträgen in diesem Blog sein. Im ersten geht es aktuellem Anlass um Kenia, einem Land, das so ziemlich alle politischen Nuancen zu bieten hat.

An diesem Montag wird in Kenia gewählt. Weniger der mögliche Wahlausgang dominierte in den vergangenen Tagen die Diskussion im Land, als die Frage, ob Justiz, politische Elite, Polizei und BürgerInnen aus der Katastrophe von 2007/2008 gelernt haben.
Über 1000 Tote, 600.000 Flüchtlinge und ein Absturz der Wirtschaft – das war die Bilanz der Parlaments- und Präsidentschaftswahlen vom Dezember 2007. Amtsinhaber Mwai Kibaki hatte offensichtlich eine Niederlage gegen seinen Konkurrenten Raila Odinga in einen Sieg umdrehen lassen. Die Wut über so dreiste Manipulation schlug binnen Stunden um in Gewalt. Anhänger der geprellten Politiker, vor allem Angehöriger der Volksgruppen der Luo und der Kalenjin, machten Jagd auf Kibakis Gefolgschaft, die Kikuyu. Die schlugen zurück. Nach Wochen der Pogrome und Vertreibungen gelang es dem als Vermittler herbeigerufenen Kofi Annan die Kontrahenten in eine Koalitionsregierung zu zwingen.

Kibaki steht morgen nicht mehr zur Wahl. Hauptkonkurrenten um das Präsidentenamt sind Odinga und Uhuru Kenyatta – Sohn von Kenias Staatsgründer.  An der politischen Lagerbildung entlang ethnischer Linien hat sich wenig geändert, wohl aber an der Alarmbereitschaft von Bürgerrechtlern, Kirchenleuten, Anwälten und kenianischen NGOs.  Auf einem Friedenskonzert in Nairobi sangen Musiker für die nationale Einheit und für Gewaltfreiheit; auf diversen Facebook-Seiten und auf Flugblättern wurde gleichzeitig unverhohlen Hasspropaganda gegen andere Ethnien verbreitet, was wiederum Organisationen wie Kenias Menschenrechtskommission oder das Africa Centre for Open Governance unentwegt öffentlich machen. Legionen von Wahlbeobachtern sind mobilisiert, das Ausland spart nicht mit Appellen.
Selbst Barack Obama wandte sich in einem YouTube-Video an die WählerInnen im Heimatland seines Vaters und mahnte einen friedlichen Wahlverlauf an. Ein gewagtes Experiment. Obamas Vater gehörte zur ethnischen Gruppe der Luo, und jede Äußerung des amerikanischen Präsidenten zu Ereignissen in Kenia kann leicht als Parteinahme interpretiert werden.

Entscheidend für den Verlauf dieser Wahlen dürften noch andere Faktoren sein: Kommt es wieder zum Streit über das Wahlergebnis, soll er vor der kenianischen Justiz ausgetragen werden. Deren Ruf hat sich seit 2007/2008 gebessert, weil sie politisch unabhängiger geworden ist.

Auch die internationale Justiz ist in Kenia präsent: Der Internationale Strafgerichtshof hat nach dem Mini-Bürgerkrieg von 2007/2008 gegen mehrere hochrangige kenianische Politiker Klage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhoben.
Unter Kenias demokratischer Zivilgesellschaft findet das Haager Gericht enormen Zuspruch, zerstört es doch den Mythos der Unantastbarkeit der big men, der mächtigen Männer. Doch der IStGh hat damit ungewollt eine politische Dynamik ausgelöst, welche die Gewaltbereitschaft vor diesen Wahlen womöglich erhöht: Zu den Beschuldigten zählen auch Uhuru Kenyatta und William Ruto. Kenyatta wird vorgeworfen, 2008 Gangs von Kikuyu zu Mord-und Plünderaktionen angestiftet zu haben. Ruto, dessen politische Karriere zahlreiche Korruptionsskandale markieren, soll  für Greueltaten von bewaffneten Gruppen seiner Ethnie, der Kalenjin, gegen Kikuyu mitverantwortlich sein. Vor fünf Jahren noch Todfeinde, haben sich beide nun zu einem Kandidatenticket zusammengeschlossen. Die Strafverfolgung durch den IStGh gerät ihnen dabei nicht zum Nachteil, sondern hat ihre Anhängerschaft zusätzlich mobilisiert.
Sollte Kenyatta gewinnen, wäre er nach Sudans Präsidenten Omar al Bashir der zweite amtierende Staatschef, gegen den ein Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof anhängig ist.

Bliebe noch ein Akteur zu erwähnen: Kenias wachsende urbane Mittelschicht. Die hat nun überhaupt kein Interesse daran, dass die Ökonomie des Landes erneut durch Aufruhr und Gewalt einbricht. Sie sehen ihr Land allen Skandalen und Problemen zum Trotz als ostafrikanisches Powerhouse, das neue Häfen baut, ins Ölgeschäft einsteigt, sich in Somalia am „Krieg gegen den Terror“ beteiligt und außerdem seit jeher ein Knotenpunkt für internationale Institutionen ist.

So viel zu Kenia am Tag vor der Wahl. Zwischen Krise und Boom, Angst und Selbstbewusstsein ist alles dabei. Ach ja – schöne Natur gibt es dort auch.

Über andreaboehm61

Ich bin Korrespondentin für den Nahen und Mittleren Osten für die Wochenzeitung "Die Zeit" und lebe in Beirut. Ich schreibe und blogge auch, aber nicht nur, über Krisen und Konflikte. Mich interessieren sichtbare und unsichtbare Routen und Grenzen, der Alltag von Menschen in Krisengebieten, die Krisen in ihrem Alltag und ihre Kunst des Überlebens. I am the correspondent for Middle Eastern Affairs for the German weekly "Die Zeit" based in Beirut, Lebanon. I write and blog about conflicts, crises and upheavals in the region. And about the art of survival, about visible and invisible routes and borders, about the daily life of people in regions of crisis and about the crises in their daily lives.
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